"Eine gute Schulleitung ist häufig Zufall"

1 / 2

"Eine gute Schulleitung ist häufig Zufall"

Der renommierte Schulberater Stefan Niemann über das Geheimnis guter Bildung – und welche Fähigkeiten einen guten Schulrektor ausmachen.


Herr Niemann, eine ganz einfache, schwierige Frage zu Beginn: Was ist das Geheimnis einer guten Schule?

Wie viele Tage haben Sie Zeit? Der vielleicht größte Fehler, der immer noch gemacht wird, ist aus meiner Sicht folgender: Es wird vor allem über Lehren und Unterrichten nachgedacht.



Aber ist das nicht der Sinn von Schule?

Nein, der Sinn von Schule ist das Lernen, und das ist etwas ganz anderes als Lehren. Und damit dies gelingt, arbeiten und bemühen sich gute Schulen zuallererst um eine exzellente Beziehungskultur.

Was meinen Sie damit?

Dass Schüler mit Schülern, Schüler mit Lehrern, Lehrer mit Lehrern und diese wieder mit den Rektoren intensiv miteinander darüber sprechen, was sie von einander erwarten, was und wohin sie wollen. Und zwar gemeinsam. Klingt trivial, wird aber leider meist vernachlässigt. Ohne eine solche feste, belastbare Beziehungskultur aber kann gute Schule nicht gelingen.




Welche Bedeutung haben dabei Schulleiter?

Rektoren spielen eine zentrale Rolle. Sie dürfen nicht nur moderieren, sie müssen auch pushen, den Kulturwandel an vorderster Front herbeiführen wollen. Damit wir uns richtig verstehen: Eine gute Beziehungskultur ist auch nicht zu verwechseln mit Ponyhof-Atmosphäre. Den meisten Lehrern, den ich in meiner Arbeit begegne, ist der Bildungsauftrag immens wichtig. Und auch Schüler haben Lust auf Leistung. Es geht darum, dass Schulleiter genau das nutzen und stimulieren. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Industrieland wie unseres einen hohen Bildungsanspruch aufrechterhalten muss.

Was bringt ein Schulleiter für diese Aufgabe idealerweise an Voraussetzungen mit?

Lust auf Menschen. Leidenschaft. Eine klare Idee, die klar kommuniziert wird. Ein Gespür für Führung auf Augenhöhe.




Kann man das überhaupt lernen?

Nicht alles kann man lernen, man muss sicher das Talent und auch den Willen dazu haben. Allerdings gibt es in Deutschland weder systematisches Recruiting für potenzielle Schulleiter, noch nennenswerte Fortbildungs- und Qualifizierungsprogramme. Es ist also viel zu häufig Zufall oder glückliche Fügung, wenn Schulen eine gute Leitung bekommen. Das ist der Bedeutung dieser Rolle überhaupt nicht angemessen.

Kein Wunder, dass bundesweit über 1800 Leitungsstellen unbesetzt sind. Was könnten die Bildungsminister darüber hinaus tun, damit diese Aufgabe endlich attraktiver wird?

Wertschätzen, wertschätzen, wertschätzen! Konkret: Bei der Ausstattung mit Führungsstellen sollte die Größe der Schule entscheidend sein, nicht die Schulform. Eine Schule zu leiten ist eine komplexe Managementaufgabe, für die genügend Zeit und Personal zur Verfügung stehen muss. Das andere ist die Besoldung: Es gibt Bundesländer, wo der Sprung auf eine Rektorenstelle vielleicht eine Zulage von 80 Euro bringt. Das kann nicht sein. Auch das hat mit Wertschätzung nichts zu tun.

KONTEXT

Zur Person

Stefan Niemann

Stefan Niemann, 42, ist selbstständiger Schulentwicklungsberater und Coach. Vierzehn Jahre lang arbeitete er zuvor selbst als Lehrer und Rektor.