Wie gut läuft kostenloser Nahverkehr in Estland?

Die Bundesregierung überlegt, öffentlichen Nahverkehr kostenlos zu machen. In Tallinn, der Hauptstadt von Estland, ist Bus- und Bahnfahren seit fünf Jahren frei. Was bringt das?

Wer in Berlin einen Monat lang mit Bus und Bahn durch die Stadt fahren will, zahlt mehr als 80 Euro. Viel Geld also, das einige dazu bringt, schwarz zu fahren – oder ins eigene Auto zu steigen. Zum Schaden für die Gemeinschaft. Mit einer einzigen Änderung könnte das Geschichte werden: kostenloser Nahverkehr. Eine Schnapsidee, von der höchstens noch die Piratenpartei träumt? Nicht mehr seit diesem Dienstag!

Kostenloser Nahverkehr: Wäre das in Deutschland möglich?

„Die Bundesregierung will angesichts einer drohenden Klage der EU-Kommission ihre Maßnahmen für eine saubere Luft in deutschen Städten deutlich ausweiten“, meldet die Nachrichtenagentur dpa. Und jetzt wird’s spannend: Der Bund erwäge kostenlose Bus- und Bahntickets. „Das geht aus einem Brief von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), Verkehrsminister Christian Schmidt (CSU) und Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) an EU-Umweltkommissar Karmenu Vella hervor.“ Das Magazin „Politico“ hatte als erstes berichtet.


In dem Schreiben heißt es, die Bundesregierung denke zusammen mit Bundesländern und Städten über einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr nach, um die Zahl privater Autos zu verringern.

Erfahrungen mit kostenlosem Nahverkehr gibt es in Brandenburg. 1998 ließ die Gemeinde Templin seine rund 16.000 Einwohner die Busse probeweise umsonst nutzen – in den folgenden Jahren stieg das Passagieraufkommen um fast das Zehnfache, das war zu viel für die Stadt. 2013 wurde das Projekt eingestellt. In Deutschland gibt es nach Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) aktuell keinen kostenlosen Nahverkehr mehr.

Folgen des kostenlosen Nahverkehrs: mehr Busse und Bahn wegen „enormem Zuwachs der Fahrgäste“

„Wir sehen das auch sehr kritisch“, sagte eine VDV-Sprecherin am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Mit rund zwölf Milliarden Euro jährlich finanzierten sich die Verkehrsbetriebe etwa zur Hälfte aus dem Ticketverkauf. „Das müsste am Ende der Steuerzahler finanzieren.“ Weitere Milliarden wären nötig für neue Busse, Bahnen und Personal. Denn: „Wir hätten bei einem kostenlosen Angebot einen enormen Fahrgastzuwachs.“

In Estlands Hauptstadt Tallinn ist der Nahverkehr seit Anfang 2013 für Anwohner kostenlos. In einem Referendum stimmten die Bürger dafür. Wer in der Hauptstadt des kleinen Landes im Baltikum gemeldet ist, muss sich nur eine Chipkarte für zwei Euro ausstellen lassen, und kann so viel mit Bus und Bahn fahren, wie er möchte. All you can ÖPNV.


Nachdem in einer Volksbefragung im Jahr 2012 gut 75 Prozent der Wähler für den kostenlosen Nahverkehr gestimmt hatten, stellte der damalige Bürgermeister Edgar Savisaar die Stadt schnell auf die neuen Fahrgäste um. Er ließ mehrere Fahrstreifen in der Innenstadt zu Busspuren umbauen. Ampeln springen für Bus und Bahn seitdem besonders schnell auf Grün. Dann der wichigste Punkt: die Geldfrage.

Das Geld für den kostenlosen Nahverkehr in Tallinn kamen aus Steuereinnahmen

Tallinn finanzierte den Ausbau des Transportsystem aus den neuen Steuereinnahmen von jenen Menschen, die zuvor aus dem Umland in die Stadt pendelten – und mit Aussicht auf den kostenlosen Nahverkehr nach Tallinn zogen. 11.000 Esten ließen sich allein 2013 von der Aussicht auf kostenlose Bus- und Bahntickets in das Stadtgebiet locken. Das schreibt der Verkehrswissenschaftler Oded Cats in seiner Studie über die Folgen von kostenlosem Nahverkehr.

Die Einwohnerzahl Tallinns stieg von 416.000 im Jahr 2012 auf 431.000 im Mai 2014. Derzeit hat die estnische Hauptstadt nach Angaben der Stadtverwaltung sogar mehr als 445.000 Einwohner.


In Tallinn ein Erfolg

Wer in Tallinn wohnt, zahlt im Schnitt jedes Jahr 1.000 Euro Steuern an die Stadt. Also flossen allein im ersten Jahr der Einführung des kostenlosen Nahverkehrstickets elf Millionen Euro in die Stadtkasse. Mit diesem Geld konnte die Stadt den Ausfall von jährlich etwa zwölf Millionen Euro nahezu wegstecken, welche die Bürger zuvor für öffentliche Verkehrsmittel bezahlt hatten.

Kostenloser Nahverkehr in Belgien und den USA scheiterte

Als Tourist musst du in Tallinn allerdings weiter für Bus und Bahn zahlen, denn die Regel gilt nur für Einwohner. Mit dieser Mischung wurde der Nahverkehr für Tallinn ziemlich lukrativ. Die Stadtverwaltung berichtet, dass die Tallinner Transportgesellschaft im Jahr 2016 einen Gewinn von 13,7 Millionen Euro machte. 2013, also im Jahr der Einführung, schrieb das Unternehmen einen Verlust von 1,8 Millionen Euro.


Tallinn ist also ein Erfolg. Allerdings waren schon viele Städte vorher mit einem kostenlosen Nahverkehr vor die Wand gefahren. Die Stadt Hasselt in Belgien gab das Projekt nach 16 Jahren wieder auf – die Zahl der Fahrgäste war in den Gratis-Bussen auf das 13-fache gestiegen, die Kosten wurden unbezahlbar.

Auch die US-Städte Seattle und Portland stellten ihre Gratisfahrten wieder ein. Seattle hatte Finanzierungsprobleme. In Portland kamen die Busse zu langsam voran, weil viele Gäste nur kurze Strecken fahren wollten und jede Haltestelle angefahren werden musste.

Autofahren muss teurer werden, damit mehr Menschen Bus und Bahn fahren

In Tallinn läuft das Projekt weiter. Und scheint die Einwohner tatsächlich zum Umsteigen zu bewegen. Ein Jahr nach Einführung des kostenlosen Nahverkehrs würden 14 Prozent mehr Menschen mit Bus und Bahn fahren, schreibt Verkehrsforscher Oded Cats in seiner Studie. Vor allem Einwohner mit geringerem Einkommen würde das Projekt besser von A nach B bringen. Ein ungesunder Nebeneffekt sei allerdings, dass nun mehr Menschen ÖPNV führen, statt zu Fuß zu gehen.


Grundsätzlich zeigten Studien zu kostenlosem Nahverkehr, dass Menschen eher vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen, wenn die Nutzung des Autos teurer wird – anstatt, dass der Preis für das Nahverkehrsticket sinkt. Deshalb empfiehlt Oded Cats, neben dem kostenlosen Nahverkehr das Autofahren teurer zu machen – etwa mit höheren Parkgebühren oder Steuern auf Pkws.

Das jetzt auch noch vorzuschlagen, würde dann in Deutschland vermutlich aber endgültig als Schnapsidee abgetan werden.


Dieser Artikel ist zuerst auf Orange by Handelsblatt erschienen.