Guccis abgetrennte Köpfe haben versteckte feministische Bedeutung

Ein Model bei der Gucci Herbst 2018 Modenschau. (Bild: Getty Images)

Am Mittwochabend veranstaltete Gucci bei der Mailänder Fashion Week eine spektakuläre und doch sonderbare Modenschau mit „Cyborg“ Models – die bei genauerer Betrachtung eine tieferliegende metaphorische feministische Botschaft hatten.

In Guccis Anmerkungen zur Show erwähnt Creative Director Alessandro Michele „A Cyborg Manifesto“, geschrieben von Donna Haraway, aus dem Jahr 1984. Darin setzt Haraway das Konzept eines „Cyborgs“ ein, um Frauen ohne die Beschränkung der traditionellen Gender-Labels der Gesellschaft darzustellen. Laut einem Wired-Autor zerstört der Cyborg in Haraways Abhandlung „die großen Gegensätze zwischen Natur und Kultur, Selbst und Welt, die so viele unserer Gedanken beeinflussen.“

Das Buch basiert auf der Idee, dass wir alle nicht „natürlich gemacht“ sind, sondern stattdessen „erstellt“ wurden – wie ein Cyborg. Und wenn „mit dem richtigen Werkzeug, können wir alle rekonstruiert werden“. Das bedeutet also, dass Frauen nicht als Ehefrauen, Hausfrauen oder „von Natur aus“ unterwürfige oder übermäßig emotionale Menschen geboren werden. Frauen haben die Wahl zu sein, was auch immer sie sein wollen.

Heute wird Feminismus als „Eintreten für Frauenrechte auf der Grundlage von Gleichberechtigung der Geschlechter“ definiert. Aber in Guccis Welt existieren keine Geschlechter und kein Gender. Somit wirft Michele eine größere Frage auf: Warum sollte man es zulassen, dass traditionelle, von der Gesellschaft geschaffene Gender-Beschränkungen Frauen davon abhalten, ihre Ziele und Träume zu verfolgen?

Micheles Vision für Gucci inkludiert genderlose Models: Männer tragen „Frauenkleidung“ und umgekehrt, etwas, das er bereits seit mehreren Saisonen macht. Er spielt mit der Idee, dass in Zukunft traditionelle Ansichten von Männern und Frauen nicht mehr existieren werden. Wie in den Anmerkungen zur Show steht: „Die Kollektion geht tiefer und wird zu einem echten Cyborg Manifesto (D.J. Haraway), in dem der Hybrid metaphorisch als Figur gefeiert wird, die den Dualismus und die Dichotomie der Identität überwinden kann. Der Cyborg ist eine paradoxe Kreatur, die Natur und Kultur vereint, maskulin und feminin, normal und fremd, Psyche und Materie.“

Ein Model bei der Gucci Herbst/Winter 2018 Modenschau bei der Mailänder Fashion Week. (Bild: Getty)

„Der Gucci Cyborg ist post-human: er hat Augen an seinem Kopf, Faunhörner, Drachenbabys und doppelte Köpfe. Er ist biologisch unbestimmt und eine Kreatur, die sich der Kultur bewusst ist“, so Michele weiter. Er nennt diese „Gucci Cyborgs“ Mischlinge, was andeutet, dass sie unbestimmte, gemischte Züchtungen sind.

Der Laufsteg bei der Herbst 2018 Gucci Modenschau. (Bild: Getty Images)

In einer Kulisse, die einem Operationssaal nachempfunden war, liefen die Models mit ihren eigenen abgetrennten „Köpfen“ sowie einem künstlichen Drachenbaby, einem Chamäleon und einer Schlange über den Gucci Laufsteg, die für eine andere Art von Welt erschaffen wurden. Die Kollektion zeigte Micheles charakteristischen maximalistischen Style mit verzierten Jacken, die über gemusterten Blusen getragen werden und geblümte Hosen unter Faltenröcken. Gerüschte Samtkleider wurden mit Turbanen gestylt und gestrickte Sturmhauben mit übertriebenen metallischen viktorianischen Blusen kombiniert.

Außerdem gab es mehrere Anspielungen auf Popkultur, Kinofilme und die Sportwelt. Gucci ist für seine Logo-Verliebtheit bekannt. Doch anstatt nur die eigene Marke einzusetzen, konzentrierten sie sich auf Paramount Pictures, die New York Yankees und die San Francisco Giants, deren Logos auf mehreren Strickjacken und Mänteln abgebildet war.

In einer Anspielung auf einen Film entwarf Michele ein Hemd mit einem femininen Twist, welches das Poster für den Film „Die Satansweiber von Tittifield“ aus dem Jahr 1965 zeigt. Ein Film, den man in den 60ern ursprünglich als sexistisch verurteilt hatte, der später jedoch zu einem feministischen Klassiker wurde.

Ein Model bei der Gucci Herbst/Winter 2018 Modenschau bei der Milan Fashion Week. (Bild: Getty)

Wer hätte gedacht, das eine Kollektion, die auf den ersten Blick so wild erscheint, eine „post-humane“ Version des Feminismus bewirbt? Es ist prinzipiell schwierig vorherzusagen, was Alessandro Michele als nächstes tun wird, aber in dieser Saison schießt er wirklich den Vogel ab.

Julie Tong