"Groteske Verletzung der Menschenwürde": Karl Lauterbach geht bei "Lanz" auf Boris Palmer los

teleschau

Mit seinen Aussagen zur Behandlung hochbetagter COVID-19-Patienten im SAT.1-Frühstücksfernsehen hat Boris Palmer breite Empörung ausgelöst. Bei "Markus Lanz" rechtfertigte sich der Tübinger OB, hatte in Karl Lauterbach aber einen wortgewaltigen Widersacher.

"Groteske Verletzung der Menschenwürde": Karl Lauterbach geht bei "Lanz" auf Boris Palmer los (Bild: ZDF)

Es kommt selten vor, dass im SAT.1-Frühstücksfernsehen Sätze fallen, die Zündstoff für die nationale Debatte sind. Aber es sind eben auch keine normalen Zeiten. "Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen." Mit dieser kontroversen Aussage hatte Boris Palmer jüngst für große Empörung gesorgt.

"Ich finde den Satz unerträglich. Er gibt älteren Menschen das Gefühl, dass ihre Zeit gekommen ist", echauffierte sich am Mittwochabend der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach in der Talkshow "Markus Lanz" über den Einlass des Tübinger Oberbürgermeisters. Mit solch einer Einstellung, so Lauterbach, könne man gleich "die komplette Krebsbehandlung einstellen". Denn da würden oft Menschen gerettet, "die statistisch nur noch wenige Monate oder Jahre zu leben haben". Es sei "völlig zynisch" Menschen nicht zu retten, die leben wollen. Lauterbach: "Das ist für mich eine unerträgliche Haltung".

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Zugeschaltet aus Tübingen, beteuerte Boris Palmer, er stimme Lauterbach in allem Gesagten zu. Er habe bei seinem SAT.1-Auftritt "nicht Geld gegen Leben" aufgerechnet, "sondern Leben gegen Leben". Es gehe ihm um die zu befürchtende erhöhte Kindersterblichkeit als Folge der herbeigeführten Weltwirtschaftskrise in ärmeren Ländern. Palmer: "Auf dieses Dilemma wollte ich aufmerksam machen. Das ist etwas ganz anderes als das, was Herr Lauterbach aus dem Satz herausgelesen hat." Der Vorschlag des notorisch umstrittenen Grünen-Politikers: die ältere Bevölkerung noch stärker schützen, aber den Jüngeren, die ein viel geringeres Risiko hätten, an COVID-19 schwer zu erkranken, "mehr Raum für wirtschaftliche Tätigkeit zu geben".

"Jetzt plötzlich, wo wir die Alten wegsperren sollen, erinnern wir uns an die Kinder"

Palmer ist überzeugt: "Wenn wir schnell wieder wirtschaftliche Kraft entwickeln und die Wirtschaftsbeziehungen zu den armen Staaten wieder aufbauen, wird es wesentlich weniger Tote aufgrund von Armut geben." In der Praxis, entgegnete er auf die kritische Nachfrage von Moderator Markus Lanz, sei das "ziemlich einfach". Risikogruppen müssten "weitgehend auf alle Kontakte, die riskant sind für Übertragungen, verzichten, während wir den Jüngeren sehr viel mehr wirtschaftliche Tätigkeit gestatten könnten". Da die jüngeren Corona-Patienten deutlich seltener auf der Intensivstation landeten, könne man, so Palmer, ein 20-fach höheres Infektionsrisiko in der jüngeren Bevölkerung verkraften, ohne dass das Gesundheitssystem kollabiere.

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"In dreierlei Hinsicht falsch", nahm Epidemiologe Lauterbach den Vorschlag anschließend auseinander. Man könne auch ohne "gigantisches Wirtschaftswachstum" armen Kindern in Afrika helfen. "Wir tun es einfach nicht." Das sei eine "Verteilungsfrage". "Jetzt plötzlich, wo wir die Alten wegsperren sollen, erinnern wir uns an die Kinder, für die wir in den letzten zehn Jahren nichts gemacht haben. Das finde ich vorgeschoben."

Er habe bei seinem SAT.1-Auftritt "nicht Geld gegen Leben" aufgerechnet, "sondern Leben gegen Leben", meinte der zugeschaltete Boris Palmer bei Lanz (Bild: ZDF)

Lauterbach rechnet 100.000 Todesopfer unter 65 Jahren vor

Zum zweiten sei das Konzept in epidemiologischer Hinsicht falsch. Für jeden Jüngeren mit Begleiterkrankungen wie COPD, Bluthochdruck, Asthma oder Übergewicht sei "das Risiko hoch". Lauterbach: "Ich würde auch dann die Intensivstationen überlasten, wenn es gelänge, die Älteren auf eine Insel zu bringen, was undenkbar ist." Lauterbach rechnet mit 100.000 Todesopfern unter 65 Jahren, sollte Deutschland Herdenimmunität anstreben und gleichzeitig die älteren Teile der Bevölkerung isolieren. Der dritte Punkt sei ein ethischer, führte Lauterbach weiter aus: "Den Älteren zu sagen, ihr werdet für ein, zwei Jahre weggesperrt, damit die Wirtschaft brummen kann, ist für mich eine groteske Verletzung der Menschenwürde."

Zuvor hatte bereits der aus München zugeschaltete bayerische Ministerpräsident die Aussagen Palmers scharf kritisiert. Er habe "Riesen-Bauchschmerzen mit dem Satz", so Markus Söder. "Wenn ein Staat entscheidet, dass ab einem bestimmten Alter oder in einer bestimmten Situation jemandem bewusst eine Behandlung verweigert wird, das ist mit meinen ethischen und christlichen Vorstellungen nicht zu vereinbaren".