Größte Spekulationsblasen aller Zeiten: Ist der Bitcoin-Boom die elektronische Tulpenmanie?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Assetklasse des Jahres: Der Bitcoin schießt immer höher (Foto: AP)

Es ist mit Abstand die größte Erfolgsstory des Jahres an den Kapitalmärkten: Der kometenhafte Aufstieg des Bitcoin. Seit Januar hat sich der Wert der Kryptowährung fast verzwanzigfacht und damit Anleger sowie viele frühe Investoren überrascht. Nach dem Handelsstart von Futures an den Derivatebörsen CME und CBOT fragen sich Investoren nun, wie weit der Mega-Run noch laufen kann.

Die Geschichte muss umgeschrieben werden. Seit knapp vier Jahrhunderten gilt die Tulpenmanie in Holland als die Mutter aller Spekulationsblasen. Nachdem sich die Tulpe im 16. Jahrhundert bereits beim Adel in der Türkei und Österreich großer Beliebtheit erfreute, verfielen einige Jahrzehnte später auch die Niederlande, seinerzeit neben Großbritannien das wirtschaftliche Zentrum Europas, dem Zauber der Tulpe: Prachtgärten entstanden, die Oberschicht schmückte sich zu gesellschaftlichen Anlässen mit der begehrten Blume.

Das Objekt der Begierde gewann folglich nicht nur an Ansehen – sondern auch dramatisch an Wert. Weil jedoch auch vor knapp vierhundert Jahren bereits in erster Linie die Zukunft gehandelt wurde, galt das vorrangige Interesse nicht der bereits aufgeblühten Tulpe, sondern vielmehr ihrer Zwiebel. Die Nachfrage überstieg schnell das Angebot: Neue Sorten wurden gezüchtet, was nur die nächste Welle der Faszination auslöste: Jeder wollte die vermeintlich schönsten, begehrtesten und seltensten Tulpenzwiebeln besitzen – die Preise schnellten explosionsartig in die Höhe: Zwischen 1634 und 1637 verfünfzigfachte sich das Preisniveau!

In Amsterdam, so die Überlieferung, soll ein ganzes Haus für drei Tulpenzwiebeln verkauft worden sein. Für die wertvollste Tulpensorte, die Semper Augustus, wurden 1637 enorme 10.000 Gulden gezahlt, was nach heutiger Kaufkraft rund einer Million Euro entspricht.

Bitcoin-Anstieg noch explosiver als Tulpenmanie  

Schnellvorlauf um 380 Jahre: Der Bitcoin ist die neue Tulpe. Der Wert der Kryptowährung hat sich nicht nur seit Jahresbeginn fast verzwanzigfacht, sondern ihren Wert in den vergangenen dreieinhalb Jahren gar um dem Faktor 64 gesteigert. Damit, so rechnete Convoy Investments vergangene Woche vor, hat der Anstieg der Digitalwährung sogar die Tulpe in den vergangenen dreieinhalb Jahren übertroffen.

Tatsächlich gehen für den kometenhaften Aufstieg des Bitcoin inzwischen die Erklärungen aus. Zu Jahresbeginn verharrte der Kurs der Digitalwährung noch bei gerade mal 1000 Dollar – vor fünf Jahren lagen die Kurse gar nur im zweistelligen Bereich. Zu Wochenbeginn wurde erstmals die Marke von 20.000 Dollar durchbrochen.

„Größten Spekulationsblasen unseres Lebens“

Unterdessen werfen Bitcoin-Bullen mit immer optimistischeren Kurszielen um sich. “Ende 2018 könnte der Bitcoin mühelos bei 40.000 Dollar stehen“, schätzte Hedgefondslegende Michael Novogratz. Kryptowährungen wären mit Abstand die „größten Spekulationsblasen unseres Lebens“, vertraute Novogratz CNBC an.

Der Auffassung scheint auch der Standpoint Research-Analyst Ronnie Moas zu sein, der die potenziellen Höchstkurse noch mal um den Faktor zehn erhöht. „Am Ende wird der Bitcoin bei 300.000 bis 400.000 Dollar stehen und die wertvollste Währung der Welt werden“, lehnte sich Moas bei CNBC vor wenigen Tagen ganz weit aus dem Fenster.

Fairer Wert: 1 Million oder 1 Dollar?

Die mit Abstand optimistischste Prognose kommt unterdessen vom streitbaren Softwareentwickler John McAfee, der sein Kursziel bis Ende 2020 von 500.000 auf eine  Million Dollar anhob.

„Bitcoin könnte auf eine Million Dollar schießen. Oder auf einen Dollar fallen“, fasste unterdessen Business Insider-Chefredakteur Henry Blodget die Unmöglichkeit, einen fairen Wert für die Digitalwährung zu ermitteln, zusammen. „Die Logik funktioniert, sofern man bereit ist, alles zu verlieren“, erklärt der frühere Merrill Lynch-Analyst mit Verweis auf die großen Spekulationsblasen der Börsengeschichte im Sommer.

Als maßgeblicher Treiber für den immer weiter steigenden Wert wird oft die Angebotsknappheit genannt. Tatsächlich werden aktuell nur rund 16,5 Millionen Bitcoins gehandelt – und das Angebot ist begrenzt. Maximal 21 Millionen Bitcoins (Tickersymbol: BTC) sollen bis zum Jahr 2140 im Umlauf sein.

Lässt der Futures-Handel die Blase platzen? 

Problematisch für den Markt allerdings: Fast die Hälfte aller Bitcoins soll sich im Besitz von nur 1000 Investoren befinden. Im Umkehrschluss heißt das: Nur wenige Anleger könnten einen Kurssturz auslösen, wenn sie der Meinung sind, dass der Bitcoin seine höchsten Notierungen gesehen hat.

Doch noch von anderer Seite droht Ungemach. In den vergangenen zehn Tagen ist an den Derivatebörsen Chicago Board of Trade (CBOT) und Chicago Mercantile Exchange (CME) der Futures-Handel gestartet. Von einen auf den anderen Tag ist der Bitcoin damit nicht nur für eine ganz neue Klasse von Anlegern zugänglich gemacht worden – die Kryptowährung kann künftig auch leerverkauft werden.

„Alle Voraussetzungen eines großen Short-Kandidaten“

Genau ein solches Szenario sagt der Vermögensverwalter Doug Kass von Seabreeze Partners im kommenden Jahr vorher. „Bitcoin bietet alle Voraussetzungen eines großen Short-Kandidaten“, twitterte Kass gestern.

Die Konsequenz für Kass: In seinen 15 möglichen Überraschungen für 2018 sagt der Hedgefondsmanager einen Kurssturz von 90 Prozent auf 2000 Dollar vorher!

„Bitcoin ist eine Blase, die böse enden wird“

In die gleiche Kerbe schlägt der Investmentstratege Ivan Martchev von der Navellier Private Client Group. „Ich bin sicher, dass Bitcoin eine Blase ist, die böse enden wird“, schreibt Martchev in seiner Kolumne beim Finanzportal Marketwatch.

Wenn sich die Digitalwährung einmal im Crash-Modus befindet, „wird sie nicht zurückkommen, weil nichts dahintersteckt als eine steigende Zahl von Investoren, die eine steigende Anzahl von Geld für einen Programmiercode bieten. (…) es ist nicht mehr als elektronische Tulpenmanie. Und bislang folgt die den großen Bubblephasen perfekt.“

“Bitcoins sind Seifenblasen für Erwachsene“

Auch Markus Schön, Geschäftsführer des Vermögensverwalters DVAM, befürchtet ein böses Ende des Bitcoin-Booms. “Bitcoins sind Seifenblasen für Erwachsene. Sie glänzen wunderbar, aber wenn sie platzen, bleibt nichts übrig“, schreibt Schön in seiner Kolumne bei Manager Magazin.

Die Geschichte würde sich damit in gleicher Weise wiederholen. Im Februar 1637 endete die Tulpenmanie ebenfalls jäh: Ein großer Kunde stellte bei seinem Lieferanten fest, dass die ihm angebotenen 350 Sorten bereits am Markt vorhanden waren – der Reiz der Rarität erlosch schlagartig. Bei der jährlichen Versteigerung in Alkmaar zogen sich daraufhin die Käufer zurück, die Preise fielen um über 95 Prozent – an nur einem Tag. “Tulpenzwiebeln waren plötzlich nicht mehr wert als gewöhnliche Zwiebeln”, resümierte André Kostolany. “Die Spekulanten, gestern noch Millionäre, waren nur noch Habenichtse, ‚Ritter von der traurigen Gestalt’“. Ob es Bitcoin-Besitzern 2018 anders ergehen wird?

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Im Video: Bitcoin-Boom als Chance oder Blase?