Große Wissenslücken über Depressionen in der Bevölkerung

Über Depressionen gibt es in der Bevölkerung immer noch enorme Wissenslücken. Laut einer Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe sehen die meisten Deutschen die Ursachen fälschlicherweise in Schicksalsschlägen oder Belastungen am Arbeitsplatz

Über die Entstehung und Behandlung von Depressionen gibt es in der Bevölkerung immer noch enorme Wissenslücken. Wie aus einer am Dienstag in Leipzig veröffentlichten Umfrage der Stiftung Deutsche Depressionshilfe hervorgeht, sehen die meisten Deutschen die Ursachen einer Depression in Schicksalsschlägen (96 Prozent) und Belastungen am Arbeitsplatz (94 Prozent). Nicht wenige glauben sogar, dass Schokolade oder ein Urlaub dagegen helfen.

Für das erste "Deutschland-Barometer Depression", das in Zusammenarbeit mit der Deutsche Bahn Stiftung entstand, wurden im Juni und August rund 2000 Bürger und zusätzlich rund tausend Betroffene befragt.

Eine Depression wird demnach vor allem als psychische Reaktion auf widrige Lebensumstände angesehen und weniger als Erkrankung im medizinischen Sinne, die jeden treffen kann und bei der Betroffene ärztliche Hilfe benötigen. Dabei ist die Mehrheit der Deutschen der Umfrage zufolge im Laufe des Lebens von Depression betroffen ? entweder direkt aufgrund einer eigenen Erkrankung (23 Prozent) oder indirekt als Angehöriger (37 Prozent).

"Während der Depression nehmen Betroffene alles wie durch eine dunkle Brille wahr", erklärte Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Bestehende Probleme wie Partnerschaftskonflikte oder Arbeitsstress erscheinen verößert. "Deshalb bewerten viele Menschen diese äußeren Faktoren über und gehen davon aus, dass die Depression dadurch ausgelöst wurde", betonte der Experte.

Mehr als die Hälfte der Befragten glaubt demnach, dass die Depression durch eine "falsche" Lebensführung ausgelöst wird. Knapp ein Drittel hält Charakterschwäche für eine Ursache und fast jeder Fünfte sieht die Gründe sogar in falscher Ernährung.

Dass es für die Krankheit eine Veranlagung gibt, ist dagegen nur 63 Prozent bekannt. Nur zwei Drittel wissen demnach, dass während der Depression der Stoffwechsel im Gehirn gestört ist.

Ähnliche Wissenslücken zeigen sich bei den Therapiemöglichkeiten. Zwar sieht eine große Mehrheit den Gang zum Arzt oder Psychotherapeuten als wichtig an. Knapp jeder Fünfte glaubt allerdings, dass Schokolade essen oder "sich zusammenreißen" geeignete Mittel sind gegen die schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung. Mehr als drei Viertel meinen, dass eine Urlaubsreise hilft. Depressionen werden allerdings mit entsprechenden Medikamenten, sogenannten Antidepressiva, und einer Psychotherapie behandelt.

Insgesamt erkranken jedes Jahr in Deutschland rund 5,3 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Jeden Tag begehen durchschnittlich 28 Menschen Suizid. Damit kommen in einem Jahr bundesweit mehr Menschen durch Suizide ums Leben als durch Verkehrsunfälle, Drogen, Mord und HIV zusammen. Hintergrund sind dabei zumeist eine unzureichend behandelte Depression oder andere psychische Erkrankungen.

Nur eine Minderheit der Betroffenen erhält demnach eine optimale Behandlung. Oftmals müssen Patienten lange Wartezeiten überbrücken, bis sie einen Termin beim Facharzt oder Psychotherapeuten erhalten. Viele Menschen haben allerdings oft auch nicht die Kraft, sich professionelle Hilfe zu holen.