Der große Titelcheck: Warum Bayern vor Leipzig zittern muss

Maximilian Miguletz

Um die Fingernägel der Bundesliga-Fans könnte es im Mai schlimm bestellt sein. Das spannendste Titelrennen seit Jahren bahnt sich nicht nur an, wir sind mittendrin!

Der große Titelcheck: Warum Bayern vor Leipzig zittern muss

Aktuell haben mit dem FC Bayern, RB Leipzig, Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach vier Mannschaften eine Hand an der Meisterschale. Nur vier Punkte trennen die Teams auf den Tabellenplätzen eins bis vier - das gab es seit Einführung der Drei-Punkte-Regel zu diesem Zeitpunkt erst einmal zuvor.

Dreizehn Spiele liegen noch vor den Titelaspiranten, im Fall der Fohlen durch das wegen des Sturmtiefs "Sabine" verschobene Rheinderby gar vierzehn. (Service: Bundesliga-Spielplan)

Wer wird in diesem Endspurt Richtung Krönung die Oberhand behalten? SPORT1 wagt einen Titelcheck der Top vier.

Der Rückrundenstart

Durch die Niederlage bei Eintracht Frankfurt und die zwei Remis gegen Gladbach und in München verlor Herbstmeister RB Leipzig seinen Platz an der Sonne.

Stattdessen ein gewohntes Bild an der Tabellenspitze: Der FC Bayern ist mit einer in der Rückrunde bislang weißen Weste wieder Tabellenerster und geht das Titelrennen einmal mehr aus der Pole Position an. Insbesondere beim 5:0 gegen den FC Schalke 04 begeisterte die Truppe von Trainer Hansi Flick - eine Machtdemonstration, die den Münchner als Blaupause dienen soll.

Die Knappen waren wiederum der erste Stolperstein für Gladbach, die den Schwung aus der starken Hinrunde direkt beim 0:2 zum Rückrundenauftakt auf Schalke verloren. Seither fing sich die Borussia aber wieder und ist, auch mit dem noch ausstehenden Nachholspiel gegen den 1. FC Köln im Sinn, nach wie vor voll dabei.

Die Ballermänner der Rückrunde sind die Schwarz-Gelben. Der BVB erzielte satte 18 Tore in den vier Rückrundenpartien. Erling Haaland ist dabei mit sieben Toren in vier Spielen die personifizierte Offensivpower. Die Dortmunder kassierten aber eben auch die meisten Gegentore (8) der vier Topteams - die Wackelabwehr macht Sorgen.

Zwischenfazit: Der FC Bayern präsentiert sich stark, aber nicht überragend. Im Heimspiel gegen Leipzig verpasste der Titelverteidiger das erwartete Ausrufezeichen. Die Herausforderer sind zäh und lassen sich nicht so leicht abschütteln.

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Die Kreuztabelle der Topteams

Der Leipziger Verlust der Tabellenführung ist ohnehin einzuordnen: Von der Pleite bei der SGE abgesehen spielte RB remis gegen die direkte Konkurrenz - dem 2:2 gegen Gladbach folgte nun das 0:0 in der Allianz Arena.

Damit sind die Sachsen als einziges der vier Topteams im direkten Vergleich untereinander noch ungeschlagen. In der restlichen Rückrunde kommt auf RB dabei nur noch das Duell gegen den BVB zu.

Die Dortmunder wiederum haben erst drei dieser Spitzenspiele absolviert und in der Hinrunde einen knappen Sieg gegen die andere Borussia, das Remis gegen Leipzig und das herbe 0:4 bei den Bayern eingefahren.

Die bisherige Kreuztabelle der Vier sieht folgendermaßen aus:

1. RB Leipzig (5 Spiele, 7 Punkte, 9:7 Tore)

2. FC Bayern (4 Sp., 5 P., 6:3 T.)

3. Borussia Mönchengladbach 4 Sp., 4 P., 5:7 T.)

4. Borussia Dortmund (3 Sp., 4 P., 4:7 T.)

Zwischenfazit: Duelle mit den direkten Kontrahenten im Titelkampf sind sowohl Chance als auch Risiko. Dass der BVB aber noch nach Leipzig und Mönchengladbach muss und nur gegen den FCB ein Heimspiel hat, spricht nicht unbedingt für schwarz-gelbe Titelhoffnungen. RB wiederum hat die Brocken größtenteils hinter sich. Hält sich Leipzig gegen "den Rest der Liga" schadlos, ist alles möglich.

Das Restprogramm

Alle vier Topteams müssen an den verbleibenden Spieltagen noch gegen die drei Kellerkinder antreten, wo Punktverluste im Kampf um die Meisterschaft nicht erlaubt sind. Wie bereits oben erwähnt hat RB Leipzig das leichteste Restprogramm, die verbleibenden Gegner weisen eine Durchschnittsplatzierung von 11,1 auf. Mit Borussia Dortmund kommt am 33. Spieltag lediglich noch ein Titelkonkurrent in die Red-Bull-Arena.

Gegensätzlich ist die Situation bei Borussia Dortmund, die mit einer Durchschnittsplatzierung von 9,8 das schwerste Programm absolvieren müssen und gleich gegen drei Titel-Konkurrenten - davon zwei Mal auswärts - antreten müssen. Knackpunkt könnte bereits am 28. Spieltag das Duell mit dem FC Bayern im Signal-Iduna-Park sein. Mit einer Niederlage wäre Dortmund bei "normalem" Verlauf wohl raus aus dem Meisterrennen.

Die Bayern und Borussia Mönchengladbach haben jeweils noch zwei direkte Rivalen auf dem Programm, wobei die Fohlen noch das wetterbedingt ausgefallene Rheinderby gegen den 1. FC Köln zusätzlich absolvieren müssen. 

Betrachtet man nun, wie viele Punkt die Teams in der Hinrunde gegen die nun noch ausstehenden Gegner gesammelt haben, und würden die Teams das nun genauso wiederholen, wäre Borussia Mönchengladbach am Saisonende Deutscher Meister.

Zwischenfazit: Die noch ausstehenden Partien sehen für RB Leipzig das leichteste Restprogramm vor. Doch unterschätzen die Leipziger einen Gegner, kann ihnen dieser Fakt schnell zum Nachteil geraten. Der BVB hat mit drei Duellen gegen direkte Konkurrenten das schwerste Programm, dafür aber noch vieles in der eigenen Hand. Kann Gladbach seine Ausbeute aus der Hinrunde wiederholen, sind sie der Titelkandidat Nummer eins.

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Die Mehrfachbelastung

Mit dem Restprogramm in der Bundesliga ist auch die weitere Saison von Gladbach erzählt. Die Fohlen waren im DFB-Pokal in der 2. Runde an Dortmund gescheitert und hatten in der Europa League die Gruppenphase nicht überstehen können.

Die Fohlen können sich also vollends auf die Liga konzentrieren. Dabei war die Mehrfachbelastung in der Hinrunde nicht unbedingt ein Nachteil: In den neun Liga-Partien unmittelbar nach Pokal- oder Europacup-Spielen fuhren die Fohlen sechs Siege ein.

Vielmehr waren die weiteren Wettbewerbe für Trainer Marco Rose eine exzellente Möglichkeit, allen Spielern ausreichend Einsatzzeit zu geben. Ohne diese Option muss Rose unzufriedene und womöglich aufmüpfige Ersatzspieler in Kauf nehmen.

Die anderen drei Spitzenmannschaften haben noch Großes vor der Brust: die K.o.-Runde der Champions League. (Service: Champions-League-Spielplan)

Die Münchner (im Achtelfinale gegen den FC Chelsea) schielen ohnehin wie jedes Jahr in letzter Konsequenz auf den Henkelpott, doch auch Dortmund (gegen Paris Saint-Germain) und Leipzig (Tottenham Hotspur) nehmen die Königsklasse nicht nur als reine Kür, sondern machen sich berechtige Hoffnungen auf ein Weiterkommen.

Die volle Dreifachbelastung hat indes nur noch Bayern, nachdem für RB (1:3 bei Eintracht Frankfurt) und den BVB (2:3 bei Werder Bremen) im DFB-Pokal-Achtelfinale Schluss war.

Zwischenfazit: Der Wegfall der Mehrfachbelastung ist für Gladbach nicht unbedingt ein Vorteil. Den geringsten negativen Effekt hierdurch verbuchte bislang RB: Aus neun Liga-Partien nach Pokal- oder Champions-League-Spielen holten die Roten Bullen sechs Siege und zwei Unentschieden bei nur einer Niederlage.

Die Personallage

Hinter der Borussia aus Mönchengladbach liegt eine von Verletzungen gebeutelte Hinrunde. Mit 1117 Ausfalltagen lag sie auf Platz eins der Verletzungstabelle (Quelle: fussballverletzungen.com).

In der Rückrunde macht nun eher die Borussia aus Dortmund den Anschein, Verletzungspech zu haben. Nachdem bereits Kapitän Marco Reus mit einer Muskelverletzung rund einen Monat zuschauen muss, kam beim 3:4 bei Bayer Leverkusen noch Julian Brandt hinzu. Der Sommer-Neuzugang zog sich einen Anriss des Außenbandes im Sprunggelenk zu - die Ausfallzeit ist noch unbekannt. Auch Thomas Delaney fehlt derzeit mit Knieproblemen.

Gladbach wiederum erwartet schon bald die Rückkehr von Ramy Bensebaini (rekonvaleszent nach Muskelfaserriss) und Laszlo Benes (Oberschenkelprobleme), dann steht Rose ein breiter Kader zur Verfügung.

Bei Bayern fehlt - neben dem Langzeitverletzten Nikals Süle (Kreuzbandriss) - noch mindestens einen Monat Ivan Perisic (Knöchelverletzung), Javi Martínez dürfte nach seinem Muskelbündelriss bald zurückkehren. Bei RB heißt der langfristige Ausfall Willi Orban (Arthroskopie), Ibrahima Konaté (Muskelfaserriss) wird noch bis Mitte März zuschauen.

In Sachen Winter-Neuzugänge waren vor allem der BVB und Leipzig aktiv. Während Gladbach nur drei Talente verlieh und sich Bayern bei Real Madrid mit Álvaro Odriozola bislang nur die Auswechselbank erweiterte, langte der BVB ganz oben ins Regal - und das erfolgreich: Mit Erling Haaland kam ein Top-Knipser, mit Emre Can ein echter Anführer. Die unzufriedenen Paco Alcácer, Julian Weigl und Jacob Bruun Larsen wurden dagegen abgegeben.

Auch Leipzig gelang mit der Verpflichtung von Dani Olmo ein echtes Transfer-Ausrufezeichen, und der neue Linksverteidiger Angelino stand in München direkt in der Startelf. Abgegeben wurden unter anderen Diego Demme, Stefan Ilsanker und Matheus Cunha.

Zwischenfazit: Bayerns Kader ist unverändert das Maß der Dinge, doch RB hat vielversprechend nachgebessert. Noch beeindruckender sind die Transfers des BVB, doch die Ausfälle schmerzen sehr. Gladbach hofft für die restlichen dreizehn Spiele auf ein endgültiges Ende der Verletzungsmisere.

Die Stimmung

Bayern ist Erster, aber "nicht super zufrieden", wie Thomas Müller es formulierte. Münchner Ehrgeiz und Titelhunger, die für die Konkurrenz kein gutes Zeichen sind. Die Bayern fühlen sich gefordert, angestachelt wie selten in den letzten Jahren, und das dürfte sie wachsam bleiben lassen.

RB übt sich derweil in Understatement. "Ich habe keinen Meisterplan", sagte Nagelsmann nach dem Topspiel in München, und Timo Werner sagte bei Sky: "Als Titelanwärter Nummer Eins gehandelt zu werden, hat uns vielleicht nicht gutgetan." Die Rolle als Jäger steht Leipzig.

Auffällig ruhig geht es in Gladbach zu. Da bleibt, so ganz ohne Titeldruck, sogar Zeit und Nerv für Witzeln über Trainerentlassungen. Ein guter Nährboden für stetige Weiterentwicklung - und viele Siege.

So gar nicht positiv geht es trotz neun Punkten aus vier Rückrundenspielen in Dortmund zu. Zu groß sind die Löcher in der BVB-Abwehr, zu prominent besetzt ist das Lazarett, zu frappierend die Fehler von Lucien Favre. Der Borussen-Trainer steht, wie schon in der Herbstkrise, schwer in der Kritik, erneut kommen Gerüchte um seinen vorzeitigen Abschied auf.

Zwischenfazit: Während der Münchner Remis-Ärger eher ein schlechtes Zeichen für die Konkurrenz ist, gefallen sich Leipzig und Gladbach in ihren derzeitigen Rollen gut. In Dortmund brodelt es dagegen vergleichsweise stark.

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Fazit

Der FC Bayern ist dort, wo er auch am Abend des 16. Mai stehen möchte. Die Statistik spricht für Titel Nummer acht in Serie: In acht der vergangenen neun Bundesliga-Spielzeiten wurde Meister, wer sich am 21. Spieltag auf Platz eins befand.

Ausnahme: der BVB in der Vorsaison. Um nicht wieder einen erheblichen Rückrundenknick zu erleben, hat die Borussia bemerkenswert aufgerüstet - Haaland und Can können die Schlüssel zu einer erfolgreichen Saison sein, aber die Abwehrprobleme, die Ausfälle, die Unruhe und die wieder aufkeimende Trainerdiskussion sind Gift für Konstanz.

Gladbach kann, wie in der Hinrunde, das Überraschungsteam in der Spitzengruppe sein. Für den ganz großen Coup muss aber alles zusammenkommen.

Im Titelcheck zeigt sich: Die meisten Vorteile in den einzelnen Betrachtungen hat RB Leipzig. Also der Klub, der sich gerade verbal aus dem Meisterschaftsrennen verabschiedet hat - aber das ließen sich die Sachsen sicher gerne vorhalten.