Große Kluft beim Thema Lebensversicherung

Laut einer Studie ist die wirtschaftliche Kluft zwischen den deutschen Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit beim Thema Lebensversicherung beträchtlich. Klassenbester ist die Hannoversche.


Es ist eine akribische Bestandsaufnahme, die es in sich hat. In einem umfangreichen Bilanz- und Unternehmens-Check hat sich der Versicherungsexperte des Instituts für Finanzwirtschaft der Hochschule Ludwigshafen am Rhein, Hermann Weinmann, die Mühe gemacht, die wirtschaftlichen Kennziffern der größten deutschen Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit im Bereich Lebensversicherung miteinander zu vergleichen.

Das Ergebnis dürfte nicht jedem Topmanager in den Unternehmen schmecken. Während der Report, der am Freitag in der Zeitschrift für Versicherungswesen erschien, die betriebswirtschaftliche Leistung der Hannoverschen als „sehr stark“ lobt, müssen sich andere Unternehmen ein deutlich kritischeres Urteil gefallen lassen. „Ein Verein ist nicht von vorneherein ein guter Lebensversicherer, sondern auf die Unternehmensführung kommt es an“, resümiert Betriebswirtschafts-Professor Weinmann.


Etwas Licht und viel Schatten: Die Kluft zwischen den acht untersuchten größten deutschen Versicherungsvereinen im Bereich Lebensversicherung ist laut Untersuchung beträchtlich. Laut dem Report - der die Ertragskraft, die Beteiligung der Verbraucher an den Ergebnissen sowie die finanzielle Stärke der Unternehmen nach einem Punktesystem bemisst - nimmt die Hannoversche eine Spitzenposition ein. Mit einer Verbrauchernote von 1,3 erhält der Versicherer laut Studie das beste Prädikat unter den verglichenen Assekuranzen.

Bei der Verbrauchernote wird neben der finanziellen Stabilität auch die Beteiligung der Kunden am Rohüberschuss berücksichtigt. Am unteren Ende der Tabelle finden sich dagegen dieses Jahr die WWK Leben sowie die Gothaer Leben, die nur ein „ausreichend plus“ beziehungsweise sogar ein „nicht ausreichend“ erhalten. Im Fünf-Jahresvergleich schaffen es beide Anbieter allerdings noch immer zu einem „befriedigend“, wenngleich die Tendenz deutlich nach unten weist.

Versicherungen, die als Verein auf Gegenseitigkeit organisiert sind, haben in Deutschland eine jahrhundertlange Tradition und konnten in den vergangenen Jahren in Deutschland ihre Marktanteile gegenüber den als Aktiengesellschaften strukturierten Assekuranzen ausbauen. So sank der Anteil der gebuchten Bruttobeiträge bei den Aktiengesellschaften von 2007 bis 2016 von 55,3 auf 51,9 Prozent, während die Vereine auf Gegenseitigkeit ihren Anteil in diesem Zeitraum von 33,2 Prozent auf 36,1 Prozent ausbauen konnten, wie aus Zahlen hervorgeht, die die Gothaer Versicherung jüngst vorlegte.


Lebensversicherung bei einem Verein?


Bei den Vereinen ist der Versicherungsnehmer zugleich Kunde als auch Mitglied des Vereins, ähnlich wie bei einer Genossenschaft. Im Gegensatz zu den Aktiengesellschaften können die Vereine rechtsformbedingt allerdings eine Außenfinanzierung weniger nutzen als die börsennotierten Konkurrenten.

Weinmann bewertete in seinem Report unter anderem Kennziffern wie die Entwicklung der Rohüberschuss-Marge, die Ertragskraft sowie die Solvabilitätsquoten - also die Kapitalausstattungsquote der Versicherer -, die seit diesem Jahr erstmals individuell von jedem deutschen Versicherer ausgewiesen werden musste. Auf dem zweiten Platz nach der Hannoverschen liegt der Volkswohl Bund, der es auf die Verbrauchernote „gut“ bringt.

Der Hauptgrund für die schlechte Platzierung von WWK Leben und Gothaer Leben liege in den schwachen Solvenzquoten begründet, bei der die beiden Firmen deutlich hinter den übrigen Vereinen hinterherhinken, heißt es in der Studie. „Kapitalanlage in der Lebensversicherung ist Marathon und nicht Sprint“, betont Weinmann. Soll man nun bei einem Verein seine Lebensversicherung in Angriff nehmen? „Wer in der Vereinsidee die bessere Lösung sieht, mag diese Überlegungen anstellen“, meint der Betriebswirtschafts-Professor. „Dem normalen Versicherungsnehmer sind Rechtsformunterschiede jedoch fremd.“ Es stelle sich stattdessen die Qualitätsfrage bei der Unternehmensführung. Es ist eine Mahnung, die mancher Topmanager möglicherweise persönlich nehmen muss.