Das große Geschäft mit dem Krebs

Eine Barmer-Studie zeigt: Die Ausgaben der Krankenkassen für die Krebsbehandlung steigen immer schneller, obwohl der Nutzen der verwendeten Medikamente immer schlechter belegt ist. Die Pharmakonzerne wollen von der Kritik nichts wissen.


Die Möglichkeiten der Medizin, Krebserkrankungen zu heilen, sind in den vergangenen 20 Jahren immer besser geworden – vor allem dank neuer Medikamente. Doch auch heute noch können Erkrankte oft nicht geheilt werden. Bei der Mehrzahl der neuen „onkologischen“ Arzneimittel geht es nur um Lebensverlängerung, manchmal nur um wenige Monate oder Wochen. Trotzdem wird diese Therapie von den Krankenkassen bezahlt. Das nährt den Verdacht, dass die forschenden Hersteller die Krebsbehandlung als lukratives Geschäftsmodell für sich entdeckt haben. Der aktuelle Arzneimittelreport der Barmer liefert zumindest Indizien, die diesen Vorwurf stützen.

Der Report belegt unter anderem, dass bei keiner anderen Erkrankung die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen so massiv gestiegen sind, wie bei der Krebshandlung. Die Ausgaben für onkologische Arzneimittel von Barmer-Versicherten legten zwischen 2011 und 2016 um 41 Prozent zu. Das übertrifft deutlich die Kostensteigerungen bei allen anderen Arzneimitteln, die im gleichen Zeitraum um 20 Prozent wuchsen.


Mit Krebsmitteln verdienen die Hersteller derzeit mehr als mit den meisten anderen Medikamenten: Fünf der zehn Arzneimittel mit der aktuell größten Umsatzsteigerung werden bei der Behandlung von Tumorerkrankungen eingesetzt. Das wäre nicht bedenklich, wenn die Zahl der Krebserkrankungen zumindest ähnlich stark zugenommen hätte wie die Kassenausgaben. Das ist aber nicht der Fall. Nur acht Prozentpunkte des Ausgabenanstiegs von 40 Prozent lassen sich dadurch erklären, dass im alternden Deutschland auch die Zahl der Krebserkrankungen zunimmt.

Für den Rest des Preisanstiegs gibt es nur eine Erklärung: Die Preispolitik der Konzerne, ist der Vorstandschef der Barmer, Christoph Straub überzeugt. Ziel der Pharmahersteller ist der maximale Umsatz, unser Ziel ist im Interesse der Patienten und Beitragszahler ein realistisches Preis-Leistungsverhältnis. Auch bei onkologischen Arzneimitteln, so segensreich viele von ihnen wirken, sind faire Preise wichtig“, sagte Straub bei der Präsentation des Reports heute in Berlin.

Seine Forderung: Um die Krankenkassen vor überhöhten Preisen zu schützen, sollten neue Medikamente nach fünf Jahren auf ihren Nutzen überprüft werden. Auf Basis dieser Prüfung sollten dann neue Preise ausgehandelt werden, so Straub.

Die Arzneimittelhersteller wollen indes von überhöhten Preisen nichts wissen. Es sei zynisch, die positive therapeutische Entwicklung und längeres Überleben von Patienten als Kostenrisiko darzustellen, so die Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) Birgit Fischer. „Obwohl Krebserkrankungen zu den häufigsten chronischen Krankheiten zählen und immer noch die zweithäufigste Todesursache sind, stehen Krebsmedikamente nur für rund 13 Prozent der Arzneimittelausgaben der Krankenkassen“, sagt Fischer. Zudem liege Deutschland beim durchschnittlichen Preisniveau für neue Medikamente im europäischen Mittelfeld. Und das gelte auch für neue Krebsmedikamente, so VFA-Geschäftsführerin.

Der Barmer-Report kommt allerdings zu anderen Ergebnissen. Die Autoren der Studie haben die Kosten von 31 onkologischen Arzneimitteln in Europa, Australien und Neuseeland verglichen. Demnach ist Deutschland führend. Bei 90 Prozent der Medikamente (28 von 31) würden die Preise in der Bundesrepublik über dem Mittelwert liegen. Acht der 31 Krebsmedikamente kosteten in Deutschland sogar am meisten.


Zudem steigen die Preise für Krebsmedikamente in Deutschland schon seit Jahren. Hätten die Arzneimittelkosten für eine typische Chemotherapie in der ersten Therapiephase in den neunziger Jahren umgerechnet noch bei wenigen Tausend Euro gelegen, so seien es zehn Jahre später einige Zehntausend Euro gewesen. Heute erreichten die Kosten in vielen Fällen eine Größenordnung von Hunderttausend Euro und mehr. Die Therapiekosten zur medikamentösen Behandlung von Patienten mit Hautkrebs hätten sich beispielsweise in fünf Jahren fast verachtfacht.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft kritisiert schon seit Jahren, dass sich solche Kostensteigerungen nicht immer mit dem Nutzen der Medikamente rechtfertigen lassen. Und auch hierzu finden sich im Barmer-Report Indizien, die diese Kritik stützen. So kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Unternehmen neue Krebsmittel bei der europäischen Zulassungsbehörde immer häufiger als sogenannte Orphan Drugs anmelden, also als Medikamente gegen seltene Krankheiten. Das lässt sich bei Onkologika leicht begründen, da sie häufig nur für bestimmte Ausprägungen einer Krebserkrankung oder ein bestimmtes Stadium der Erkrankung in Frage kommen.


Weniger Belege über Nutzen und Sicherheit


Die Zulassung als Orphan Drug bietet den Unternehmen wichtige Vorteile: So müssen weniger Belege über Nutzen und Sicherheit der Arzneimittel eingereicht werden als bei einer normalen Zulassen. Zugleich müssen die Konzerne für die Preisverhandlungen mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen keine Nutzenbewertung vorlegen. Für andere Mittel ist das zwingend vorgeschrieben, bei Orphan Drugs wird allerdings automatisch angenommen, dass diese Mittel besser sind als ältere Präparate. Die Unternehmen können so leichter hohe Preise auch auf Dauer durchsetzen.

Laut Barmer-Report war 2015 bereits ein Drittel der neu eingeführten Arzneimittel Orphan Drugs. Dabei erreichten Orphan Drugs bei nur kleinen Verordnungsmengen von 9,8 Millionen Tagesdosierungen ein Umsatzvolumen von 1,38 Milliarden Euro. „Die

Pharmafirmen haben offenbar ein großes Interesse daran, Krebsmittel als Orphan Drugs zuzulassen“, so Studienautor Daniel Grandt vom Klinikum Saarbrücken.


Grandt äußert starke Zweifel daran, dass dies im Interesse der Patienten sei. Er sieht die Gefahr, dass immer mehr Mittel zum Einsatz kommen, deren therapeutischer Nutzen zumindest unsicher ist. So seien bei jedem dritten Mittel gegen seltene Erkrankungen zum Zeitpunkt der Zulassung weniger als 100 Patienten untersucht worden. Sogenannte randomisierte Vergleichsstudien fehlten meist. Dabei werden die Patienten für die Wirksamkeitstests nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, um Manipulationen durch den Aufraggeber der Studien zu vermeiden.  Die bei der normalen Zulassung geforderten klinischen Studien gebe es oft auch zehn Jahre später noch nicht, kritisiert Grandt.

Die Barmer fordert daher im Interesse der Patientensicherheit, dass auch Orphan Drugs einer Nutzenbewertung im ersten Jahr nach der Zulassung unterzogen werden müssen. „Alle Patientinnen und Patienten haben ein Recht darauf zu erfahren, welche Risiken eine Orphan Drug hat“, betonte Grandt.

Ein weiteres Problem für die Krankenkassen bei der Krebstherapie ist, dass erhebliche Mengen der Medikamente von den Krankenkassen bezahlt werden müssen, obwohl sie gar nicht zum Einsatz kommen. Gemeint sind Restmengen, die bei der Herstellung der auf den einzelnen Erkrankten zugeschnitten Chemotherapie in Spezialapotheken anfallen. Hier werden mehrere Präparate gemischt. Der Teil der zum Einsatz kommenden Mittel, der bei der Herstellung der individuellen Chemotherapie-Dosis übrig bleibt, muss als „Verwurf“ vernichtet werden. Allein bei den Barmer-Versicherten hätten im Jahr 2015 zehn Millionen Euro für ungenutzt weggeworfene Arzneimittel ausgegeben werden müssen. „Offenbar versuchen einige Pharmafirmen über Verwürfe ihren Gewinn zu maximieren, indem sie praxistaugliche Packungsgrößen mit Einzeldosierungen vom Markt nehmen und durch größere Packungen ersetzen.“


Der Verband der Forschenden Hersteller hat kein Verständnis für die Kritik. Chefin Birgit Fischer: „Insbesondere die Krankenkassen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es verantwortungsbewusst ist, bei jedem Innovationsschub den Untergang der gesetzlichen Krankenversicherung heraufzubeschwören.“

Fischer erinnert an die Debatte um neue wirksame Mittel gegen Hepatitis C in den vergangenen Jahren. „ Als eine völlig neue, wirksame und nebenwirkungsarme Hepatitis C-Therapie zugelassen wurde, war der Kommentar vieler Krankenkassen: Das ist der finanzielle Untergang der gesetzlichen Krankenversicherung. Heute sind viele Menschen von Hepatitis C geheilt und die Preise und die Ausgaben für neue Hepatitis C-Medikamente sinken mittlerweile sogar“, sagt Fischer. Die gleiche unverantwortliche Schwarzmalerei beginne jetzt beim Thema Krebs: „Fortschritt wird als Problem und nicht als Chance für Patienten verstanden!“ Allerdings verschweigt Fischer dabei, dass ein vergleichbarer Durchbruch, wie es ihn mit den neuen Mitteln gegen Hepatitis C gegeben hat, in der Krebstherapie bisher nicht in Sicht ist.

KONTEXT

Diese Dinge auf der Arbeit können krank machen

Überstunden

Die Folgen von permanenten Überstunden können Angst, Depressionen, Schlafstörungen, Feindseligkeit, Irritation als auch Herz-Kreislauf-Schwäche sein. Vor allem Schichtarbeit erhöht laut Report das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall.

Die Initiative Gesund und Arbeit hat in ihrem Report untersucht, welche Faktoren auf der Arbeit möglicherweise krank machen können.

Report

Geringer Handlungsspielraum

Wer wenig Handlungsspielraum bei der Arbeit hat, erkrankt laut Untersuchung mit höherer Wahrscheinlichkeit an Bluthochdruck. "Je geringer der Handlungsspielraum, desto höher der systolische Blutdruck", heißt es. Deshalb bewertet die IGA das Fehlen eines Handlungsspielraumes als Gesundheitsrisiko.

Arbeitsintensität

Wenn die Arbeitsbelastung über einen längeren Zeitraum enorm stark ausfällt, besteht laut Studie die Gefahr, dass Arbeitnehmer an psychischen Störungen oder Depressionen erkranken. Für somatische Erkrankungen sei kein Risikofaktor nachweisbar gewesen.

Mobbing

Mobbing, aber auch sexuelle Belästigungen führen möglicherweise zu Depressionen und Angstzuständen.

Mangelnde soziale Unterstützung

Mit sinkender sozialer Unterstützung steigt laut Report das Risiko für Depressionen.

Rollenstress

Wer seine Rolle bei der Arbeit nicht genau kennt - oder aufgrund seiner Arbeitsrolle Konflikte austragen muss, hat laut Studie ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angst und Anspannung.

Job-Strain-Modell

Dieses Modell beruht auf der Annahme, dass beruflicher Stress insbesondere dann entsteht, wenn der Arbeitnehmer gleichzeitig hohen Anforderungen und geringem Kontroll- und Entscheidungsspielraum ausgesetzt ist.

Die Folgen können psychische Erkrankungen, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Diabetes sein.

Keine Anerkennung

Geforderte Verausgabung ohne Belohnung kann laut Report zu psychischen Beeinträchtigungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Pendeln

Pendler neigen laut Studie eher dazu, gestresst zu sein.

Befristete Verträge

Befristete Verträge sowie Leih- und Zeitarbeit können zu Gesundheitsbeeinträchtigungen führen. Das liegt laut Report daran, dass diese Arbeitnehmer das Leben nicht vorausschauend planen können, sich dem Unternehmen nicht zugehörig fühlen und meistens geringer entlohnt werden als andere Mitarbeiter.

Arbeitsplatz-Unsicherheit

Arbeitsplatzunsicherheit kann laut Untersuchung zu einem signifikant erhöhten Risiko von psychischen Beeinträchtigungen wie Angst, Depressionen und Stresserleben führen sowie zu kardiovaskulären Erkrankungen.