Der große Ansturm fällt aus


Die Medizintechnik-Tochter von Siemens und die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank werden in diesem Jahr die Bilanz bei den deutschen Börsengängen retten. Healthineers und DWS stehen beide für milliardenschwere Initial Public Offerings, abgekürzt IPO. Allerdings verstellen die beiden Großereignisse den Blick auf den breiteren Markt – und da sieht es nach wie vor mau aus.

Zwar beschwören Politiker und Lobbyisten am Finanzplatz Frankfurt immer wieder die Bedeutung der Aktie für den Vermögensaufbau und die Altersvorsorge, der große Run auf das Börsenparkett bleibt 2018 aber voraussichtlich aus.

Wenn die Kursschwankungen nicht zu heftig ausfallen, dann sollte es in diesem Jahr „eine kleine zweistellige Zahl an Börsengängen geben“, prognostizierte Hauke Stars, Vorstandsmitglied der Deutschen Börse, am Donnerstag in Frankfurt. Gegenüber dem Vorjahr mit seinen elf IPOs wäre das kein großer Fortschritt, zuletzt hatte es 2006 und 2007 mit 72 beziehungsweise 44 IPOs deutliche mehr Neuzugänge auf dem Kurszettel gegeben. Die Angst vor steigenden Zinsen sorgt seit Wochen für Verunsicherung an den Börsen, was sich negativ auf die Emissionspläne der Unternehmen auswirken dürfte.

Deutschland gehöre seit Jahren im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern bei IPOs, sagte Christine Bortenlänger, Vorstand beim Deutschen Aktieninstitut (DAI). Laut einer Studie des DAI zusammen mit Bankpartnern finden fast zwei Drittel der Unternehmen und Finanzexperten, dass eine Börsennotierung den Bekanntheitsgrad erhöht und die Finanzierungsfähigkeit über Kapitalerhöhungen gestärkt wird. Zu den größten Defiziten zählen die Manager die geringe Liquidität der Aktien, die zu einer schwachen Abdeckung durch Analysten führe, was wiederum das Investoreninteresse dämpfe. Eine Art Teufelskreis.


Außerdem beklagen nahezu alle Experten die ausufernde Regulierung und Bürokratie unter dem neuen Regelwerk Mifid II. „Für beratende Banken macht es eigentlich keinen Sinn mehr, Aktien zu empfehlen“, meint Henning Gebhardt, Anlagechef bei der Berenberg Bank. Dabei brauche ein gesunder Kapitalmarkt durchaus auch kleine Unternehmen wie etwa Sartorius, die ihre Aktionäre „rund um den Kirchturm“ finden.

Inlandsnachfrage schwach

Weil sich die deutschen Versicherungen und Stiftungen lieber mit Staatsanleihen und anderen festverzinslichen Papieren eindecken, sind die börsennotierten deutschen Unternehmen heute fest in der Hand ausländischer Investoren. Bei IPOs in Frankfurt stehe die Inlandsnachfrage heute für rund fünf Prozent, in den vergangenen Jahren seien es höchstens zehn Prozent gewesen, hat Wolfgang Fink, Co-Chef von Goldman Sachs in Deutschland, beobachtet. In Skandinavien nehme die einheimische Nachfrage bis zu 50 Prozent einer Neuemission ab. Der Erfolg von deutschen Börsengängen entscheide sich weiter in New York und London.

Um die Aktienkultur der privaten Haushalte zu stärken, sollte man bei einer kapitalgedeckten Altersvorsorge den Hebel ansetzen, hieß es in der Expertenrunde in der Frankfurter Börse. Außerdem sollten die steuerlichen Rahmenbedingungen für Investitionen in kleine und mittelgroße Unternehmen gestärkt werden. In Deutschland gebe es rund 1300 „hidden champions“, bei vielen stehe in den kommenden Jahren eine Nachfolgereglung an, für die sich beispielsweise die Rechtsform der KGaA anbiete. Im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU spielt die Stärkung der Aktienkultur so gut wie keine Rolle, „man hätte sich da mehr gewünscht“, sagte DAI-Chefin Bortenlänger.

Wie groß der Abstand zum US-Markt mittlerweile ist, zeigen neue Daten von Thomson Reuters. Demnach wurden in den ersten beiden Monaten des Jahres schon 30 IPOs mit gut elf Milliarden Dollar durchgezogen, das war doppelt so viel wie im vergangenen Jahr. Nur zur Jahrtausendwende war die Bilanz noch besser ausgefallen. In Deutschland wird man auch 2018 eher kleine Brötchen backen. „Trotz der jüngsten Turbulenzen sind im laufenden Jahr weiter 13 bis 18 Börsengänge in Deutschland zu erwarten“, prognostiziert Martin Steinbach, IPO-Experte bei der Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young).

Das ist zwar deutlich weniger als in den USA, allerdings sagt das noch wenig über die Qualität der Emissionen aus. „Ende der 90er-Jahre war die explodierende Anzahl an Börsengängen als Signal für Anlegereuphorie und damit für den baldigen Eintritt eines Bärenmarkts zu werten. Heute ist das Umfeld für Börsengänge jedoch solide“, sagt Torsten Reidel, Geschäftsführer des unabhängigen Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments.