Im Griff des eisernen Raufbolds


Die Arbeit auf den Ölfeldern der USA ist hart und dreckig, aber üppig bezahlt. Die Mitarbeiter verdienen gut und gerne 100.000 Dollar und mehr im Jahr. Doch für die Bohrspezialisten wird es seit einigen Jahren immer schwieriger, eine Stelle zu finden: Eine Maschine namens Iron Roughneck (deutsch: „eiserner Raufbold“) automatisiert die schwierige Verbindung der Rohrstücke weitgehend. Sie erleichtert den Arbeitern die Aufgabe, nimmt vielen von ihnen aber auch den Job weg.

Der Raufbold ist ein Beispiel dafür: Die Digitalisierung verändert die Industrie im rasanten Tempo. Roboter werden immer besser und übernehmen immer mehr Aufgaben. Vernetzte Produktionsstraßen behalten ihren eigenen Zustand permanent im Auge und warnen den Schichtleiter vor Ausfällen. Und mit Datenbrillen können Spezialisten in Deutschland beschädigte Komponenten im Ausland überprüfen und den Technikern vor Ort bei der Reparatur helfen.


Das hat große Folgen für Unternehmen und Mitarbeiter, wie die Referenten auf dem Handelsblatt Industriegipfel betonten. „Jeder Konzern muss den massiven Umbruch managen“, warnte Michael Schulte, Geschäftsführer von Capgemini Deutschland, auf der Konferenz bei SAP in St. Leon-Rot – kaum einer habe das bislang mit den Sozialpartnern durchdacht. Auch für die Unternehmensführung zeichnen sich gewaltige Änderungen ab.

Ob eiserner Raufbold oder smarte Fabrik: Bei der Automatisierung geht es seit jeher darum, die Produktion schlanker und schneller zu machen. Wie das in naher Zukunft aussehen wird, lässt sich bald in einer Anlage von Bosch Rexroth beobachten, der Industrietochter des Bosch-Konzerns. Ein intelligenter Raum mit induktiver Ladetechnik im Boden und Vernetzung per Datenturbo 5G soll es Produktionsrobotern erlauben, autonom zu agieren. Das Ziel: „Die Produktion stellt sich selber auf, jeden Tag neu“, sagt Vorstandschef Rolf Najork.

Die Maschine übernimmt nicht nur in der Fabrik und auf dem Ölfeld viele Aufgaben: Auch Bürojobs lassen sich mithilfe künstlicher Intelligenz automatisieren. Spezialsoftware kann Kundenanfragen mit passenden Satzbausteinen beantworten oder E-Mails mit wütendem Ton identifizieren. Im Callcenter helfen bald Sprachassistenten bei der Lösung von Standardproblemen, und auch bei kaufmännischen Aufgaben spielen Computer ihre Stärke aus, etwa wenn es um den Abgleich von eingegangenen Zahlungen mit ausstehenden Posten geht.


Wirtschaftswissenschaftler versuchen mit verschiedenen Studien abzuschätzen, welche Tätigkeiten künftig die Maschine übernimmt und welche Berufe dadurch verschwinden. Mit unterschiedlichen Ergebnissen: „Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitsmärkte lassen sich nicht eindeutig prognostizieren“, schreibt die Stiftung Neue Verantwortung in einer Debattenübersicht. Einig sind sich alle, dass sich die Arbeitswelt grundlegend verändern wird. Ob es mehr oder weniger Jobs geben wird, ist jedoch umstritten.

So oder so, die kühlen Zahlen können zu emotionalen Ausbrüchen führen, wie Capgemini-Manager Schulte einmal beim Digitalchef eines Logistikunternehmens erlebt hat: Der klagte, dass er in einigen Büros viele leere Arbeitsplätze hat, weil er nicht die Spezialisten für digitale Technologien findet, während im in anderen Teilen des Gebäudes Kollegen entgegenkommen, deren Jobs es in einigen Jahren nicht mehr geben wird – ob Callcenter-Agenten oder Gabelstaplerfahrer.


Chance für neue Jobs in Deutschland


Das Beispiel zeigt, wie sich der Arbeitsmarkt spalten könnte. Einerseits braucht es weniger Mitarbeiter, die einfache Aufgaben erledigen. „Wir rechnen damit, dass alle Arten von Standardtätigkeiten nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen ausgeführt werden“, sagte die Forscherin Marion Weissenberger-Eibl – das betreffe „zunehmend auch kognitive Tätigkeiten“. Andererseits aber geht es nicht ohne Experten, die die Technik programmieren oder mit ihr zusammenarbeiten können. Auch die Arbeit in der Fabrik wird somit immer anspruchsvoller.

Als Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung und Professorin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) betrachtet Weissenberger-Eibl das Thema ganzheitlich. Sie sieht die Digitalisierung grundsätzlich als „großartige Chance, Dinge „besser zu machen“ – so ein Projekt wie die Energiewende sei ohne Technologie nicht denkbar. Auch sei es dank digitaler Werkzeuge leichter denn je, eine Firma aufzubauen. Die Voraussetzung für eine neue Gründerzeit.


Wichtig sei aber, die soziale und ökologische Dimension nicht zu vergessen. Bildung ist dabei entscheidend, sie bekomme in Zukunft „einen noch höheren Stellenwert“: Weil sich das Umfeld immer schneller wandle, spiele die Anpassungsfähigkeit eine zentrale Rolle. Lebenslanges Lernen werde wichtiger denn je. Ihr Appell lautete: „Wir müssen verstehen, wie der Wandel funktioniert.“ Ob es die Unterhändler der möglichen Jamaika-Koalition hören?

Auch die Chefs müssen sich auf die neue Arbeitswelt einstellen. „Die digitale Transformation stellt den Führungsstil auf den Prüfstand“, betonte Filiz Albrecht, Topmanagerin bei der Robert Bosch GmbH. So ersetzen in der vernetzten Welt datenbasierte Informationen das Bauchgefühl. Bei der Produktentwicklung arbeiten immer häufiger Kunden und Partner mit. Und all das geschieht in einer bislang nicht gekannten Geschwindigkeit.

Ein Patentrezept gebe es nicht, betonte die Personalexpertin – aber einige Zutaten. Wichtig sei etwa das Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Führungskräften. Das helfe, Transformationsprozesse auch in Zeiten zu überstehen, „in denen es Verwirrung oder vielleicht sogar manchmal etwas Chaos gibt“. Dafür brauche es empathische und kommunikationsstarke Chefs. Darüber hinaus brauche es einige Innovationsexperten, etwa in Person eines Chief Digital Officer: „Sie sind fähig, Teile der Organisation mitzunehmen.“ Albrecht betonte: „Am Ende geht es immer um das Miteinander.“


Paradoxerweise könnte diese Entwicklung in den Fabriken helfen, in Deutschland Jobs zu halten oder sogar neue zu schaffen. Unternehmen mit Industrierobotern tendieren seltener dazu, Produktionskapazitäten auszulagern, wie Guido Jouret betonte, Chief Digital Officer beim Industrieriesen ABB und per Video aus Brasilien zugeschaltet. Nicht umsonst sei in Ländern mit hoher Automatisierung wie Deutschland, Japan und Südkorea die Arbeitslosenquote sehr niedrig, würden schnell wegfallende einfache Tätigkeiten durch höherqualifizierte Jobs ersetzt.

Der Manager sieht es pragmatisch: „Einige Jobs werden verschwinden, andere werden entstehen.“ Urteilsvermögen und Expertise seien weiterhin gefragt, das könne die Maschine dem Menschen nicht abnehmen. „Was anders ist als bei früheren Revolutionen: Wir haben nicht vier Generationen Zeit, um uns daran anzupassen.“

Es ist ein Spagat für Familienunternehmer und Vorstände, wie Michael Süss beipflichtete, Verwaltungsratschef von Oerlikon: „Es wird Gewinner und Verlierer geben. Wir müssen aufpassen, dass wir niemanden überfordern – wir dürfen aber auch nicht langsamer werden.“ Die Chance ist indes enorm: Industrienationen, so ist Süss überzeugt, könnten ihre herausgehobene Position in den nächsten 30 Jahren mithilfe der Technologie halten. Nicht jeder Betrieb gerät in den Griff des eisernen Raufbolds.

KONTEXT

Wo IoT-Technik im Einsatz ist

Schon gehört?

Dem Internet of Things (IoT) gehört die Zukunft. IfD Allensbach und Statista haben Menschen gefragt: Von welchen dieser Entwicklungen haben Sie schon gehört?

86 Prozent

86 Prozent: Über das Handy oder einen Tablet-PC kann man die Haustechnik bedienen.

81 Prozent

Über das Internet kann man genau verfolgen, wo sich Paketsendungen gerade befinden: 81 Prozent.

72 Prozent

Autos steuern sich weitgehend selbst, man muss kaum noch selbst lenken: 72 Prozent.

67 Prozent

Mit einem sogenannten 3DDrucker kann man ganze Objekte ausdrucken: davon haben 67 Prozent der Befragten gehört.

62 Prozent

Wichtige Körperfunktionen werden gemessen und die Daten automatisch an einen Arzt übermittelt: 62 Prozent.

44 Prozent

Kühlschrank registriert, wenn Lebensmittel zur Neige gehen, und bestellt automatisch nach: 44 Prozent.

43 Prozent

Auto informiert automatisch den Fahrer und die Werkstatt, wenn Autoteile ausgetauscht werden müssen: 43 Prozent.

Quellen: IfD Allensbach, Statista

Entnommen aus de Magazin "business impact" 1/2017.

"business impact" 1/2017.