Die griechischen Fahnder werden erfolgreicher, die Steuersünder einfallsreicher

Noch nie waren die griechischen Steuerfahnder so erfolgreich wie 2017. Doch die Steuerhinterzieher werden immer raffinierter.


Kürzlich in einem bekannten Nachtklub an der Athener Iera Odos, der Heiligen Straße: Der Nachtklub unweit des Kerameikos-Friedhofs, wo die Athener der Antike ihre Toten bestatteten, ist an diesem Freitagabend gut besucht. Ein Paar sitzt an der Bar, gleich neben der Registrierkasse. Er nippt an einem Scotch, sie hat einen Gin Tonic bestellt. Nach einer halben Stunde haben die beiden genug gesehen. Sie fragen nach dem Geschäftsführer und zücken ihre Dienstausweise: Steuerfahndung. Fast jeder zweite Drink, so notierten die Beamten, ging ohne die in der griechischen Gastronomie vorgeschriebene Quittung über den Tresen. Jetzt wartet auf den Nachtklubbetreiber eine eingehende Steuerprüfung.

„Mission erfüllt“: Das können nicht nur diese beiden Steuerfahnder melden. Im vergangenen Jahr hat die Unabhängige Behörde für öffentliche Einnahmen (Aade) 18.148 Kontrollen durchgeführt, fast 5000 mehr als im Jahr zuvor. Dabei wurden Steuerverstöße von 104,3 Millionen Euro festgestellt. Das war zwar fast das Dreifache der Vorjahressumme – aber immer noch nur ein kleiner Bruchteil der in Griechenland hinterzogenen Steuern und Abgaben.

Die Steuerhinterziehung gilt als eine der Ursachen der griechischen Staatsschuldenkrise. Fachleute veranschlagen, dass die Griechen pro Jahr mindestens 16 Milliarden Euro am Fiskus vorbeischleusen. Das wäre rund ein Drittel der im vergangenen Jahr tatsächlich erzielten Steuereinnahmen. Allein die hinterzogene Mehrwertsteuer dürfte sich auf rund sechs Milliarden im Jahr belaufen.


Jahrzehntelang galt die Steuerhinterziehung als „Volkssport“ und Kavaliersdelikt. Mit Rechtfertigungen waren die Griechen schnell bei der Hand. Schließlich habe das Volk vier Jahrhunderte unter der Knute der osmanischen Besatzer gelitten, und da sei es so etwas wie eine nationalen Ehrenpflicht gewesen, den Steuereintreibern des Sultans die Abgaben vorzuenthalten – eine Tradition eben. Sie erklärt vielleicht, warum es den aus Bayern nach Athen entsandten Finanzbeamten des ersten Griechenkönigs Otto von Wittelsbach schon Anfang des 19. Jahrhunderts schwer fiel, Steuern einzutreiben – weshalb Ottos Vater, der Bayernkönig Ludwig I., immer wieder Hilfsgelder nach Athen überweisen musste. Das klingt bekannt.

Unter dem Druck der heutigen Kreditgeber kommt die griechische Finanzverwaltung nun endlich in die Gänge. Die Gläubiger konstatieren merkliche Fortschritte bei der Reorganisation des Fiskus und der Steuerfahndung.

Bei den Kontrollen des vergangenen Jahres gingen den Ermittlern einige dicke Fische ins Netz: Ein Bauingenieur, der Einnahmen von 1,73 Millionen Euro verschleierte; ein Rechtsanwalt in Thessaloniki, der in seiner Steuererklärung 2,5 Millionen Euro verschwieg; ebenfalls in Thessaloniki spürten die Fahnder einen Arzt auf, der versäumt hatte, 3,8 Millionen Einkommen zu deklarieren; ein Arbeitsloser, der keine Erklärung für 803.597 Euro hatte und ein Rentner, der dem Finanzamt 2,1 Millionen verheimlichte.

Erfolgserlebnisse haben die Steuerfahnder vor allem immer dann, wenn sie, oft als Touristen getarnt, ins Nachtleben ausschwärmen oder Ferieninseln besuchen. In einem Hotel auf der kosmopolitischen Kykladeninsel Santorin stellten die Prüfer an einem einzigen Tag Umsätze von knapp 24.000 Euro fest, die an den Büchern vorbeigingen. In einem Athener Nachtklub trafen die Prüfer auf der Bühne einen bekannten Sänger an, der „vergessen“ hatte, für das Jahr 2015 eine Steuererklärung abzugeben. Die Jahreseinkünfte des Künstlers beliefen sich auf rund 620.000 Euro.


Der vergessliche Star ist kein Einzelfall. Viele Griechen erinnern sich an die Steueraffäre um Tolis Voskopoulos. Der griechische Roy Black gab jahrelang überhaupt keine Steuererklärungen ab. Die Steuerschulden des „Königs der Nacht“, wie Voskopoulos in den 1980er Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere genannt wurde, summierten sich schließlich auf 5,5 Millionen Euro. Der Fall wirft auch ein Schlaglicht auf die Zustände, die früher in der Steuerverwaltung herrschten: 17 Jahre lang war das Finanzamt nicht in der Lage oder nicht willens, die Schulden einzutreiben. Erst 2010, zu Beginn der Schuldenkrise, machte der damalige sozialdemokratische Finanzminister Giorgos Papakonstantinou den Fall publik und griff durch: Immobilien des Sängers wurden beschlagnahmt, Voskopoulos, inzwischen 78, stottert seither seine Steuerschulden ab.

Das Nachtleben ist ein Schwerpunkt der Schattenwirtschaft, weil hier besonders viel Bargeld unterwegs ist. Meist erhalten auch die Künstler ihre Gagen in bar. Um die Steuerhinterziehung zu bekämpfen, sind in Griechenland inzwischen Bargeldtransaktionen von mehr als 500 Euro verboten. Ärzte, Rechtsanwälte und Handwerker sind gesetzlich verpflichtet, Kartenterminals anzuschaffen, um bargeldlose Zahlungen zu ermöglichen. Die haben für den Fiskus den Vorteil, dass sie nachverfolgt werden können. Die Maßnahmen zeigen Wirkung: Im Weihnachtsgeschäft 2017 meldete der Einzelhandel einen Anstieg der Kartenzahlungen gegenüber dem Vorjahr von 80 Prozent. Die Anzahl der Kartenterminals im Einzelhandel hat sich in Griechenland in den vergangenen zwei Jahren fast verdoppelt. Selbst die meisten Periptera, die traditionellen Kioske, nehmen inzwischen Karten an. Bis zum 11. März müssen weitere 58 Berufsgruppen über die Terminals verfügen, darunter Schreiner, Schreibwarenhändler, Gärtnereien, Antiquitätenhändler, Makler und Bestattungsunternehmer.

Aber auch die Steuerhinterzieher gehen mit der Zeit und lassen sich immer neue Tricks einfallen. So kamen die Steuerfahnder jetzt einem Unternehmer aus der Provinz Böotien auf die Spur, der über Facebook einen schwunghaften Textilhandel aufgezogen hatte. Der Mann soll in nur sieben Monaten Einnahmen von rund 300.000 Euro verschleiert haben. Ein anderer beliebter Schwindel im Einzelhandel und in der Gastronomie: Geschäftsinhaber gründen eine Scheinfirma im Ausland. Im benachbarten Bulgarien zum Beispiel ist das billig und unkompliziert. Über diese Firma besorgen sie sich ein Kartenterminal. Die damit getätigten Kartenzahlungen fließen direkt zu einer ausländischen Bank. So kaschieren die Betrüger nicht nur einen Teil ihrer Umsätze und stecken die Mehrwertsteuer in die eigene Tasche. Sie umgehen auch die Kapitalkontrollen, die in Griechenland seit Mitte 2015 gelten.