Was Griechenland von den anderen Euro-Krisenstaaten lernen muss

Es war eine frohe Botschaft, die EU-Währungskommissar Pierre Moscovici am Dienstag den Abgeordneten des griechischen Parlaments verkündet hat. „Nach acht schwierigen Jahren kehrt Griechenland zur Normalität zurück, zur Autonomie und zu den Kapitalmärkten.“

Aber was der Besucher aus Brüssel unter der Überschrift „Ein neues Kapitel für Griechenland“ im Parlamentsgebäude am Athener Syntagmaplatz vortrug, klang über weite Strecken wie Wunschdenken. Von Normalität kann angesichts des erdrückenden Schuldenberges kaum die Rede sein. Er ist mit 180 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung dreimal so hoch wie es der EU-Stabilitätspakt erlaubt.

Und weil Griechenland noch auf Jahrzehnte unter verschärfter Kontrolle der internationalen Gläubigerinstitutionen bleibt, ist es auch mit der Autonomie nicht weit her. Von einer Rückkehr an den Kapitalmarkt kann ebenfalls noch keine Rede sein. Die Rendite der zehnjährigen griechischen Staatsanleihe liegt mit knapp vier Prozent beim Zwei- bis Vierfachen dessen, was andere Krisenländer den Anlegern zahlen müssen.

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Die hohen Risikozuschläge zeigen: Von allen Euro-Problemstaaten kämpft Griechenland an den Märkten immer noch mit dem größten Misstrauen.

Als erstes Euro-Land musste Hellas im April 2010 nach Finanzhilfen rufen. Wenig später gerieten Irland, Portugal, dann Spanien und schließlich Zypern in den Strudel der Krise. Aber während die anderen vier Problemländer ihre Hilfsprogramme längst erfolgreich abgeschlossen haben, hängt Griechenland immer noch am Tropf der Hilfskredite.

Der Euro-Stabilitätsfonds ESM wird voraussichtlich Mitte Juli die Auszahlung der letzten Finanzspritze von 15 Milliarden Euro bewilligen. Der Großteil des Geldes soll in eine Rücklage von insgesamt gut 24 Milliarden Euro fließen, mit der Athen sich nach dem Ende des Programms im August 2018 notfalls auf 22 Monate refinanzieren könnte, ohne mit neuen Anleihen die Märkte anzapfen zu müssen.

Irland, Portugal und Zypern konnten ihre Hilfsprogramme nach drei Jahren abschließen, Spanien benötigte sogar nur 18 Monate. Dagegen verbrachte der griechische Patient über acht Jahre auf der Intensivstation. „In keinem anderen Programmland waren die Probleme so groß und die Verwaltung so schwach wie in Griechenland“, erläuterte ESM-Chef Klaus Regling dem Handelsblatt.


Jedes der fünf Problemländer hat seine Besonderheiten. In Irland und Spanien lagen die Wurzeln der Krise in der Immobilienblase, die den Bankensektor kontaminierte. In Zypern wurden das aufgeblähte Finanzsystem, die Banken-Misswirtschaft und die enge wirtschaftliche Verzahnung mit Griechenland zum Verhängnis.

Am ehesten mit Griechenland vergleichbar waren die Krisenursachen in Portugal: Jahrzehntealte Strukturschwächen, eine dünne industrielle Basis, Wettbewerbseinbußen infolge steigender Lohnkosten und hohe Haushaltsdefizite.

In Griechenland war aber alles eine Nummer größer – der Reformstau, die fiskalische Misere und die Schulden. So rutschte Hellas während der Krisenjahre in die tiefste und längste Rezession, die ein europäisches Land jemals in Friedenszeiten durchzumachen hatte: Die Wirtschaftskraft schrumpfte zwischen 2009 und 2016 um ein Viertel.

Griechenlands Wirtschaft wächst schwächer als erwartet

2014 zeichnete sich zwar ein Ende der Rezession ab, und Griechenland gewann kurzzeitig wieder Zugang zum Kapitalmarkt. Doch dann warf der Wahlsieg des radikalen Linksbündnisses Syriza das Land weit zurück.

Unter dem exzentrischen Finanzminister Yanis Varoufakis habe sich Griechenland 2015 „sechs Monate lang auf einen Irrweg begeben, der die Griechen Milliarden kostete“, erinnert sich ESM-Chef Klaus Regling. Im Sommer 2015 stand das Land vor der Pleite. Premier Alexis Tsipras musste vor den Geldgebern kapitulieren und als Bedingung für weitere Hilfskredite ein hartes Spar- und Reformprogramm umsetzen.

Inzwischen tragen die Anstrengungen Früchte. „Seit 2016 schreibt das Land, dessen Defizit noch 2009 bei 15 Prozent der Wirtschaftsleistung lag, beständig eine schwarze Null“, sagt Regling. Griechenland habe „tiefgreifende und schmerzhafte Strukturreformen unternommen“, lobt der ESM-Chef. „Löhne und Gehälter wurden beispielsweise real deutlich gekürzt, was nötig war, weil sie vorher viel schneller gewachsen sind als die Produktivität und das Land im Euroraum seine Wettbewerbsfähigkeit verlor.“

Hilfskredite von 274 Milliarden Euro werden bis zum Programmende nach Griechenland geflossen sein, mehr als in alle anderen Problemstaaten zusammen. Irland, Portugal, Spanien und Zypern können sich inzwischen wieder zu vertretbaren Konditionen am Kapitalmarkt refinanzieren.

Irland und Zypern werden den Großteil ihrer Hilfskredite bis 2031 zurückzahlen, Portugal bis 2038, Spanien bis 2027. In Griechenland werden hingegen zwei Generationen die Verbindlichkeiten abstottern müssen: Erst 2066 sind die Darlehen vollständig getilgt – wenn alles gut geht.


Was kann Griechenland beim Ausstieg aus dem Hilfsprogramm von den anderen Problemstaaten lernen? „Ehemalige Programmländer wie Irland oder Spanien haben heute die höchsten Wachstumsraten in Europa“, stellt ESM-Chef Regling fest.

Auch Griechenlands Wirtschaft wächst zwar seit 2017 wieder, aber deutlich schwächer als vorhergesehen. Ein Grund könnte darin liegen, dass manche Athener Regierungspolitiker bei den Reformen immer noch bremsen.

„Die früheren Programmländer haben die Reformagenda entschlossen umgesetzt und sich zu eigen gemacht, sie haben damit signalisiert, dass die Wirtschaftspolitik auch nach dem Programmende den Zielen Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit dient“, sagt Regling. Der griechische Premier Tsipras hat dagegen die Reformschritte nur widerwillig umgesetzt und immer wieder betont, er müsse unter dem Druck der Gläubiger eine Politik machen, „an die ich nicht glaube“.

ESM-Chef Regling ist aber zuversichtlich: Wenn Griechenland auf Reformkurs bleibe, „dann sehe ich für das Land eine gute Zukunft im Euroraum“. Griechenland habe zugesagt, den Reformkurs fortzusetzen. „Einige der zusätzlich gewährten Schuldenerleichterungen könnten sonst gestrichen werden“, warnt Regling.

Athen bleibt deshalb bis 2066 unter Aufsicht des ESM. Aber nicht nur die Gläubigerinstitutionen passen auf. „Griechenland weiß, dass es in Zukunft – wie die anderen ehemaligen Programmländer – wieder der permanenten Beobachtung und Bewertung der Märkte und Investoren unterliegt“, sagt Regling. „Die wollen wissen, dass ihr Geld langfristig gut und sicher angelegt ist.“