Gravierende Qualitätsmängel: Wie zuverlässig Corona-Tests für Schulen, Kitas und staatliche Testzentren wirklich sind

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Teile eines Corona-Schnelltests liegen in einer Realschule vor einem Schüler auf einem Tisch.
Teile eines Corona-Schnelltests liegen in einer Realschule vor einem Schüler auf einem Tisch.

Corona-Schnelltests sind in Deutschland notwendiger Alltag. Bahn fahren? Geimpft sein, genesen sein – oder einen Schnelltest vorlegen. Ins Büro? Geimpft sein, genesen sein – oder einen Schnelltest vorlegen. Ins Museum oder Krankenhaus? Geimpft sein, genesen sein – oder einen Schnelltest vorlegen.

In Zukunft werden die sogenannten Antigentests noch wichtiger werden. Bund und Länder haben in der vergangenen Woche die 2G-Plus-Regel beschlossen: Nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens sollen bald auch für Geimpfte und Genesene nur noch mit einem negativen Corona-Schnelltests zugänglich sein.

Die Nachfrage nach Schnelltests ist und wird also groß. Viele Bundesländer bieten daher längst eigene Corona-Testzentren an oder versorgen Schulen beziehungsweise Kitas mit Schnelltests. Recherchen von Business Insider zeigen jedoch: Viele dieser so angebotenen Tests sind nicht zuverlässig.

Viele vom Staat verwendete Corona-Schnelltests zeigen schlechte Wirkungen

Business Insider hat alle Bundesländer angefragt, welche Schnelltests sie in selbst betriebenen oder finanzierten Corona-Testzentren verwenden. Nicht alle betreiben eigenständig Corona-Testzentren. Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Hamburg, Sachsen-Anhalt, Bremen, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Brandenburg sind unter letzteren Bundesländern zu finden. Doch in den Ländern, die Tests anbieten – oder die Bildungseinrichtungen mit solchen versorgen –, zeigt sich: Viele verlassen sich auf Hersteller, deren Schnelltests wenig effektiv beziehungsweise unzuverlässig sind.

Diese Erkenntnis ergibt sich aus dem Vergleich der Angaben der Landesgesundheitsministeriums über die in den Ländern verwendeten Schnelltests mit einer Studie des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Das Institut hatte im vergangenen Jahr 122 Corona-Schnelltests auf ihre Wirksamkeit und Effektivität bei dem Erkennen von Corona-Infektionen überprüft. Bei einer "sehr hohen" Viruslast galten dem Institut Tests als zuverlässig, die mindestens 75 Prozent der Infektionen erkannten.

Viele Tests zeigten in der PEI-Untersuchung unzuverlässige Werte selbst bei sehr hoher Viruslast, 26 der Tests fielen komplett durch. Einige dieser unzuverlässigen und teils mangelhaften Schnelltests werden jedoch durch den deutschen Staat verwendet.

Niedersachsen: Schulen und Kitas werden mit fragwürdigen Schnelltests versorgt

Das Land Niedersachsen betreibt keine eigenen Corona-Testzentren. Auf Anfrage teilt das niedersächsische Gesundheitsministerium jedoch mit, welche Corona-Schnelltests in dem Bundesland durch die Regierung an öffentliche Schulen und Kindertagesstätten geliefert werden. Von den 14 verschiedenen Tests weisen einige teils dramatisch schlechte Effektivitätswerte auf.

So wurden Schul- und Kitakinder in Niedersachsen unter anderem mit dem Schnelltest des chinesischen Herstellers Hangzhou Alltest Biotech getestet. Laut dem Paul-Ehrlich-Institut erkennt dieser selbst bei einer "sehr hohen" Viruslast jedoch nur 17 Prozent aller Corona-Infektionen. Ist die Viruslast lediglich "hoch", erkennt der Test keine Infektion.

Ein weiterer Extremfall: Der ebenfalls in Niedersachsens Schulen und Kitas verwendete Schnelltest des chinesischen Herstellers Guangzhou Wondfo Biotech. Dieser erkennt immerhin noch 88 Prozent aller Corona-Infektionen bei "sehr hoher" Viruslast. Ist die Viruslast "hoch", erkennt der Test jedoch keine Infektionen. Auch der aus China importierte Schnelltest des Herstellers Hangzhou Laihe Biotech weist keine guten Werte aus: 94 Prozent aller Corona-Infektionen werden bei "sehr hoher" Viruslast erkannt, jedoch nur 17 Prozent bei einer "hohen Viruslast".

Die restlichen der weiteren in Niedersachsens Schulen und Kitas verwendeten Corona-Schnelltests weisen zumindest bei "sehr hoher" Viruslast ordentliche bis gute Werte bei der Überprüfung durch das Paul-Ehrlich-Institut auf – zwischen 89 und 100 Prozent aller Infektionen werden erkannt. Doch ist nur eine "hohe" Viruslast gegeben, schwankt die Wirksamkeit erheblich. Einige Tests erkennen hier noch zwei Drittel oder sogar über drei Viertel aller Infektionen. Viele sind jedoch deutlich weniger effektiv: Die Zahl der erkannten Infektionen schwankt hier zwischen 30 und 52 Prozent.

Berlin: Testzentren des Senats nutzen unzuverlässigen Schnelltest

Der Berliner Senat betreibt zwölf eigene Testzentren in der deutschen Hauptstadt. Laut Angaben des Berliner Gesundheitsressorts werden in diesen Schnelltests des Herstellers Nal von Minden eingesetzt.

Nal von Minden hat mit seinen Schnelltests bereits für Aufsehen gesorgt. Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde ein von dem Unternehmen hergestellter Corona-Schnelltest von der Schnelltest-Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) gestrichen, weil das Paul-Ehrlich-Institut ihn als mangelhaft bewertet hatte. Der Test erkannte dem Institut zufolge selbst bei "sehr hoher Viruslast" nur 35 Prozent aller Infektionen. Nach der Corona-Testordnung wurde der Test damit staatlich nicht mehr vergütet – ein K.O.-Kriterium für private Testzentren.

Nal von Minden entwickelte nach anfänglichen Protesten einen neuen Schnelltest; er wird nun in Berlin verwendet, auch in Kitas. Doch auch der neue Test erzielte bei den Untersuchungen des Paul-Ehrlich-Instituts keine guten Werte. Bei einer "sehr hohen Viruslast" wurden 83 Prozent aller Corona-Infektionen erkannt. Das reicht, um dem Institut als zuverlässig zu gelten – bedeutet aber, dass nahezu jede fünfte Infektion nicht erkannt wird. Bei einer "hohen" Viruslast erkannte der Test sogar nur 13 Prozent aller Infektionen.

Bayern: Zwei zuverlässige, ein problematischer und ein schlechter Test

Das Bundesland Bayern betreibt keine eigenen Corona-Teststellen, hat jedoch zwischen Oktober 2020 und April 2021 Schnelltests besorgt, um diese an 96 Kreisverwaltungsbehörden zu verteilen. Diese Behörden wiederum nutzten die Tests in von ihnen betriebenen Testzentren.

Die meisten der Tests hielten den Qualitätsstandards des Paul-Ehrlich-Instituts stand. Ein von Siemens hergestellter Test detektierte 100 Prozent der Corona-Infektionen bei "sehr hoher" und 87 Prozent bei "hoher" Viruslast. Nicht viel schlechter schnitten die Tests des Herstellers Panbio ab: 100 Prozent bei sehr hoher, 61 Prozent bei hoher Viruslast.

Die von Bayern gekauften und verteilten Schnelltests des Herstellers Hangzhou Testsea Biotechnology sind da schon problematischer. Zwar wurden bei der Überprüfung durch das Paul-Ehrlich-Institut 100 Prozent aller Infektionen bei sehr hoher Viruslast erkannt. Jede zweite Infektion bei einer lediglich hohen Viruslast wurde jedoch übersehen.

Noch unzuverlässiger wirkt der in Bayern verwendete Test des Herstellers SD Biosensor, der zum Schweizer Pharma-Konzern Roche gehört. Bei sehr hoher Last erkennt der Test laut den Forschern des Paul-Ehrlich-Instituts jede zehnte Corona-Infektion nicht. Bei einer lediglich hohen Viruslast werden 70 Prozent aller Infektionen nicht erkannt.

Saarland: Drei Schnelltests im Angebot – zwei mit Schwächen

Das Saarland betreibt acht Landestestzentren. In diesen werden laut Angeben des saarländischen Gesundheitsministeriums drei verschiedene Corona-Schnelltests angewandt. Einer der Tests – der des Herstellers Viromed NanoRepro – findet sich nicht in der Liste der vom Paul-Ehrlich-Institut untersuchten Schnelltests; die zwei anderen schon.

Die Tests des Herstellers Medsan GmbH schneiden bei der Überprüfung ordentlich ab. Bei einer "sehr hohen" Viruslast werden 100 Prozent der Corona-Infektionen erkannt. Bei einer geringeren ("hohen") Viruslast ist es jedoch nur noch knapp jede zweite Infektion.

Unzuverlässiger ist der im Saarland verwendete Test des Herstellers SD Biosensor. Die Tests erkennen laut Paul-Ehrlich-Institut bei einer sehr hohen Viruslast nur 89 Prozent aller Infektionen. Das genügt den Ansprüchen des PEI, doch jede zehnte Infektion wird demnach nicht erkannt. Ist die Viruslast nur "hoch", werden nur noch 30 Prozent aller Infektionen erkannt.

Mecklenburg-Vorpommern: Ein weitgehend verlässlicher Schnelltest für Kommunen

Das Land Mecklenburg-Vorpommern betreibt keine eigenen Testzentren, unterstützt aber die Kommunen im Bundesland, indem es Corona-Schnelltests für Testzentren vor Ort ordert und verteilt. Die Tests stammen laut Angaben des Gesundheitsministeriums vom Hersteller Abbott Rapid Diagnostics aus Jena. Eine gute Wahl: Laut der Untersuchung durch das Paul-Ehrlich-Institut werden bei sehr hoher Viruslast 100 Prozent, bei hoher Viruslast immerhin noch 61 Prozent aller Infektionen erkannt. Im Vergleich der 122 vom Institut untersuchten Tests ist das ein sehr guter Wert.

Omikron könnte die Effektivität von Corona-Schnelltests weiter beeinträchtigen

Zur Effektivität der in den Bundesländern verwendeten Schnelltests ist weiterhin festzuhalten: Das Paul-Ehrlich-Institut überprüfte die Tests, bevor die Omikron-Variante zur dominanten Variante des Coronavirus in Deutschland wurde. Zwar geht das Bundesgesundheitsministerium davon aus, dass fast alle über die Corona-Testverordnung abgerechneten Schnelltests auch Omikron-Viren zuverlässig erkennen können. Daten aus den USA werfen jedoch Fragen dazu auf, wie effektiv Omikron-Infektionen durch Antigentests erkannt werden können.

Sollte sich herausstellen, dass die Effektivität von Corona-Schnelltests bei der Omikron-Variante noch weiter abnimmt, könnten selbst Tests, die bisher zuverlässig Infektionen erkannt haben, zu mangelhaften Instrumenten im Kampf gegen die Corona-Pandemie werden.

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