Graue Eminenz der Sechziger: Das Kölner Museum Ludwig feiert den Sammler Wolfgang Hahn

Der Künstler wird in einer längst überfälligen Ausstellung geehrt.

„Also einverstanden. Am 21. April wird das Ding gemacht.“ Allerdings traf sich dann keine Panzerknackerbande zum großen Bruch, sondern Daniel Spoerri und einige andere Künstler schauten im Kölner Zuhause von Wolfgang Hahn vorbei. Gemeinsam aßen sie an einem großen Tisch zu Abend, bis Spoerri den Leim zückte und Flaschen, Gläser, Teller, Besteck und Schüsseln auf der Tischplatte fixierte. Schließlich stellte er das Klebebild in die Senkrechte – fertig war „Hahns Abendmahl“.

Im Frühjahr 1964 gehörte Wolfgang Hahn zu den wenigen Menschen, die derlei Kunst nicht nur zu schätzen wussten, sondern auch bereit waren, ihr Geld dafür zu investieren. Und im Falle Hahns, von Beruf Chefrestaurator am Kölner Wallraf-Richartz-Museum, war das Geld auch noch vom sprichwörtlichen Munde (auch der eigenen Familie) abgespart. Trotzdem gelang es Hahn, sein Haus bis unters Dach mit Werken vollzustellen, die, wie Spoerris Tischplatte, aus dem Alltag gegriffen schienen.

Er kaufte Andy Warhol eine nachgebaute Putzmittelkiste ab, erwarb George Segals lebensgroße Gipsfrau, die in einer Restaurantnische sitzt, und von Joseph Beuys eine fachgerecht abgefackelte Holztür. All dieses stillgestellte echte Leben drängte sich nun zwischen die Möbel und den Alltag im Hause Hahn und wurde so wieder zu einem Teil dessen, was es einmal gewesen war.

Sammlung 1968 erstmals ausgestellt

Als diese Sammlung 1968 erstmals ausgestellt wurde, hätte man eigentlich ins Hahn’sche Heim einladen müssen, um sie wirklich zu verstehen. Aber auch ohne die innige Verbindung von Kunst und Leben hinterließ die Schau im Kölner Wallraf großen Eindruck – nicht zuletzt beim deutlich wohlhabenderen Sammler Peter Ludwig.

Die Gelehrten streiten sich noch, ob Ludwigs 1968 einsetzender Heißhunger auf Pop Art durch Hahns Vorbild ausgelöst oder nur befeuert wurde. Aber man kann wohl sagen, dass es ohne Hahn das Kölner Museum Ludwig möglicherweise nicht geben würde: Er überzeugte seinen Arbeitgeber, die rasant wachsende Sammlung Ludwigs 1969 auszustellen – der Rest ist Stadt- und Kunstgeschichte.

Heute ist der 1987 verstorbene Hahn in Köln eine gleichermaßen prominente wie geisterhafte Figur: Der wichtigste in Köln vergebene Kunstpreis trägt seinen Namen, aber wer der Mann hinter dieser Ehrung war, das ist praktisch unbekannt; selbst einen Wikipedia-Eintrag zu Hahn suchte man bei Abfassung dieses Artikels vergeblich. Auch Hahns Sammlung war nicht mehr in Köln zu sehen, seit Hahn sie 1978 durch Vermittlung Peter Ludwigs ans Wiener Museum für Moderne Kunst verkaufte.

Lücke endlich geschlossen

Jetzt wird diese schon fast absurde Lücke mit der schönen Ausstellung „Kunst ins Leben!“ im Museum Ludwig endlich geschlossen. Die Schau bringt aber nicht nur wichtige Kunstwerke der 60er Jahre zurück nach Köln, sie lässt sich, mit den Worten ihrer Kuratorin Barbara Engelbach, als „Zeitkapsel“ verstehen, in der die Kölner Kunstszene im intellektuellen Jagdtrieb des Sammlers lebendig wird.

Denn selbstredend konnte Hahn nur deshalb Ikonen der Moderne abstottern, weil er an einer wichtigen Quelle dieser Umbruchjahre saß: Beuys lehrte in Düsseldorf, die Fluxus-Bewegung wurde im Rheinland groß, Mary Bauermeister hielt Hof für die Pioniere der Neuen Musik und die mächtig aufstrebende Kölner Galerienszene begeisterte die junge amerikanische Kunstwelt für den Dom.

In der Ausstellung begegnen wir Wolfgang Hahn zunächst persönlich in Briefen und auf Fotografien (mit dem Ehepaar Ludwig beim New Yorker Galerienbummel beispielsweise), bevor wir mit den Künstlern den Alltag als Motor der neuen Moderne entdecken: François Dufrêne fertigte Bilder aus Plakatabrissen, Nam June Paik behängte ein Klavier wie einen Weihnachtsbaum (mit Stacheldraht als Lametta) und George Segals mittlerweile weltberühmte Gipsfrau hält sich immer noch an ihrer Kaffeetasse fest.

Auch sonst ist fast alles zu sehen, was in den 60er Jahren entstand und seinen Schöpfern heute Rang und Namen gibt: die Schrottskulpturen von Jean Tinguely, ein weißes Schachspiel von Yoko Ono, Christos Verpackungen oder Niki de Saint Phalles Schießübungen auf Farbpatronen. An einigen Stellen müssen wir hingegen noch zu Hahns Kunstverstand aufschließen: Bruce Conner und Boris Lurie werden gerade erst in ihrer ganzen Bedeutung entdeckt, und Ursula steht trotz Kostbarkeiten wie eines Pelzvogelkastens immer noch tief im Schatten ihres Ehemanns Bernard Schultze.

Am Ende der Ausstellung ist aus dem geisterhaften Wolfgang Hahn eine graue Eminenz der 60er Jahre geworden. Es wäre Zeit, dem Wiener Museum ein Angebot zu machen, das es nicht ablehnen kann....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta