Grünen-Fraktionschefin : Kirsten Jahn will „ein radfreundliches Köln“

Grünen-Fraktionschefin Kirsten Jahn über Bühnensanierung, Stadionausbau und Verkehr.

Frau Jahn, was denken Sie über den Vorstoß von SPD-Fraktionschef Martin Börschel, einen Neubau der Oper an anderer Stelle prüfen zu wollen?

Meine erste Reaktion war, das ist ja Wahnsinn. Den Ansatz „Das wird man doch mal sagen dürfen“, finde ich populistisch. Es gibt bei der Oper bestimmte Fakten, die geschaffen worden sind. Der Zeitpunkt eines „zurück“ ist längst überschritten. Wir haben den technischen Betriebsleiter der Bühnen Bernd Streitberger mit circa 40 Leuten losgeschickt, um die Baustelle zu prüfen und zu schauen: Wie lange brauchen wir und was wird es kosten, um Oper und Schauspielhaus bespielbar zu machen? Jetzt einfach die These aufzustellen, man glaubt dem Ganzen nicht, ist schlichter Populismus. Ich vertraue da Herrn Streitberger, dass er das vergangene Jahr für eine solide Prognose gut genutzt hat. Zudem wären die bereits jetzt ausgegebenen etwa 330 Millionen Euro vergeudet – ein Neubau an anderer Stelle würde auch mehrere hundert Millionen Euro kosten.

Er schlägt auch vor, zu schauen, ob das Staatenhaus in Deutz nicht dauerhaft als Oper zu nutzen wäre. Was halten Sie von dieser Idee?

Das Staatenhaus ist nur ein Interim, das eine Zeit lang auch spannend ist und eine gewisse kreative Kraft entfalten kann. Auf Dauer entspricht es nicht den Anforderungen eines modernen Opernhauses. Zudem ist das Staatenhaus für Musicals vorgesehen. Die SPD suggeriert, dass man etwas ändern kann, was aber unrealistisch ist. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass die SPD ein Thema für die Bundestagswahl sucht. Sie will die berechtigte Kritik an der Kostenentwicklung auf sehr durchsichtige Art und Weise nutzen und gaukelt den Menschen kostengünstigere Alternativen vor. Verantwortung für die Stadt zu übernehmen sieht anders aus.

Baudezernent Franz-Josef Höing wechselt nach Hamburg und wird dort Oberbaudirektor. Was muss sein Nachfolger können?

In Bayern würde man sagen, dass wir eine eierlegende Wollmilchsau suchen. So etwas gibt es zwar nicht, aber es gibt sehr fähige Personen, die bauen und planen können. Wir brauchen jemanden, der kreativ die Stadt weiterbaut, Ideen entwickelt und die wachsende Stadt Köln mit all ihren Facetten voranbringt. Wir brauchen aber auch jemanden, der das danach zügig umsetzt, Genehmigungen beschleunigt und baut. Diese Zwitterperson suchen wir. Franz-Josef Höing hat diese Stadt mit seinen Ideen nach vorne gebracht und tolle Architekten nach Köln geholt. Er kann aber auch bauen. Dieser Vorwurf, das könne er nicht, ist zu kurz gegriffen – und den teile ich nicht.

Wird der neue Baudezernent wie Herr Höing auch für die Gebäudewirtschaft zuständig sein?

Die Stelle wird jetzt so ausgeschrieben, wie Herr Höing sie innehat. Den Baudezernenten zum reinen Planer zu reduzieren, halte ich in unserer Lage für nicht angebracht. Er muss bauen können und braucht die Gebäudewirtschaft an seiner Seite. Auf schwarz-grüne Initiative hat der Rat die Stärkung der Gebäudewirtschaft beschlossen. Wir unterstützen die Oberbürgermeisterin bei der Umsetzung. Die Gebäudewirtschaft ist verantwortlich für Schulgebäude, Verwaltungsgebäude und bald auch für Kulturbauten.

Bleibt Betriebsleiterin Petra Rinnenburger an der Spitze der Gebäudewirtschaft?

Ich glaube, sie ist jemand, die eine Schlagkraft und Durchsetzungsfähigkeit hat, aber es ist natürlich ein riesiger Laden. Das sind fast 700 Mitarbeiter. Wir könnten uns durchaus vorstellen, die Gebäudewirtschaft mit einer operativen Doppelspitze zu verstärken. Da sind wir aber noch im Gespräch.

Kommen wir zu einem anderen Bauvorhaben. Wie sieht es mit dem Ausbau des Rhein-Energie-Stadions in Müngersdorf aus?

Wir warten auf die Machbarkeitsstudie. Baurecht, Planungsrecht, Denkmalschutz, Verkehr, Lärm und nicht zu vergessen Landschaftsschutz – all diese Themen müssen berücksichtigt werden. Und dann müssen wir sehen, was am Standort in Müngersdorf geht und was nicht. Es ist kein Geheimnis, dass Köln und auch die Grünen den FC in Köln halten wollen.

Der FC könnte nach der Debatte um den Bau neuer Trainingsplätze am Geißbockheim aber das Gefühl haben, dass die Grünen ihn nicht in Köln haben wollen, oder?

Nein, der FC soll in Köln bleiben. Er ist ein wichtiger Player in dieser Stadt. Die Verantwortlichen waren vermutlich etwas überrascht, dass ich sie wie jeden anderen Vorhabenträger behandelt habe, aber das ist nun mal auch so. Man muss nicht immer alles emotionalisieren. Planrecht ist weniger Emotion. Fußball ist Emotion, ein Spiel dauert 90 Minuten. Und dann sehen wir das Ergebnis.

Wir werden anhand der Machbarkeitsstudie feststellen, welche Möglichkeiten der Erweiterung es gibt. Ich sehe den FC weiterhin am liebsten in Müngersdorf und kann mir übrigens auch nicht vorstellen, dass die Fans einen Umzug vor die Tore der Stadt mittragen. Mir geht es aber auch um den Schutz der Anwohner und des Äußeren Grüngürtels.

Wird die Stadt tatsächlich am Roncalliplatz eine Historische Mitte mit einem neuen Stadtmuseum bauen?

Es ist völlig klar, dass wir an dem Ort mit einem maroden Kurienhaus, einem Verwaltungsgebäude des Römisch-Germanischen Museums und hinsichtlich des Stadtmuseums etwas unternehmen müssen. Wir haben jetzt eine historische Chance. Architekt Volker Staab hat einen wirklich schönen städtebaulichen Entwurf gemacht – die Fassade muss noch etwas mehr Glanz erfahren. Wir müssen aber genau wissen, was es kosten würde und mit welcher Organisationsstruktur es sich überhaupt realisieren ließe. Das soll bis Ende des Jahres geklärt sein, und dann müssen wir uns tief in die Augen schauen und eine Entscheidung treffen – ob so oder anders. Völlig klar ist, dass an der Südseite des Roncalliplatz etwas passieren muss. Nichts tun ist keine Handlungsoption.

Die Stärkung des Radverkehrs ist doch eigentlich ein klassisches grünes Thema. Woran mangelt es in diesem Bereich?

Wir haben gute Pläne, wie Köln-Mobil 2025, wo festgeschrieben wurde, dass wir beim Gesamtverkehr einen Anteil von einem Drittel Autofahrer und zwei Drittel Radfahrer, Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs und Fußgängern anstreben. Davon sind wir leider noch weit entfernt. Wir müssen für ÖPNV und Radverkehr die Infrastruktur stärken und den Aspekt Sicherheit stärker in den Fokus nehmen. Es macht zurzeit keinen Spaß, in der Innenstadt mit dem Rad zu fahren. Jede Woche erhalten wir Nachrichten von Radfahrern, die in toten Winkeln und an freilaufenden Rechtsabbiegern verunglücken. Das Auto verbraucht immer noch die meiste Fläche im öffentlichen Raum. Ich will Köln zu einer fahrradfreundlichen Stadt umbauen. Durch eine sichere und attraktive Infrastruktur schaffen wir Anreize, dass die Menschen im Alltag vom Auto aufs Rad umsteigen. Das entlastet auch den fließenden Verkehr auf den Straßen.

Das Gespräch führten Tim Attenberger, Christian Hümmeler und Stefan Worring

Zur Person

Kirsten Jahn ist 41 Jahre alt und seit 2014 Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat. Die Diplom-Geografin ist seit 2009 Mitglied des Stadtrats. Das Gespräch mit ihr ist der mittlere Teil einer Reihe von Sommer-Interviews mit den Chefs der drei größten Ratsfraktionen....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta