Der grüne Drache der Jamaika-Verhandlung


Am frühen Freitagmorgen, als sich die vermeintliche Endrunde der Jamaika-Sondierer auf den nächsten Nachmittag vertagt, verlinkt Jürgen Trittin auf Twitter das Lied „The harder they come, the harder they fall“ von Jimmy Cliff. Zu deutsch etwa: „Je härter sie sind, desto härter fallen sie.“ Ob er mit den Schwarzen und Liberalen Doppelkopf gespielt hat in der Nacht, sagt er nicht.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP, Marco Buschmann, wird im Interview mit WDR5 deutlich. Sein Eindruck sei, „dass Herr Trittin im Moment besonders große Freude hat, Sand ins Getriebe zu streuen“. Er stelle sich die Frage, ob „der am Tisch sitzt, um mit uns eine konstruktive Lösung zu finden“. Trittin selbst sagt etwas kryptisch, es habe in der Verhandlungsnacht „bestimmte Bewegungen gegeben“. Nun müsse man halt sehen, ob es für ein Ergebnis reiche.


Trittin, immer wieder Trittin. Der Grüne ohne Amt ist in wenigen Wochen wieder zu einer zentralen Figur der Ökopartei geworden: Er ist Mitglied in der zentralen Verhandlungskommission und Chefunterhändler für Finanzen – dabei ist er eigentlich ein Verlierer. Der, der die Wahl 2013 vergeigt hat und in die dritte Reihe zurücktreten musste. Doch seit der Wahl 2017 ist Jürgen Trittin zurück– die Gegner reiben sich vor allem an ihm, dem scharfzüngigsten unter den Grünen. In den eigenen Reihen ist er wieder der Vormann der Linken. Selbst eingefleischte Realpoltitiker der Grünen, die anfangs Angst hatten, er könne Jamaika torpedieren, loben den früheren Umweltminister (1998 bis 2005) als extrem kooperativ. „Ich bin mittlerweile echt froh, dass Jürgen dabei ist“, bekennt einer von ihnen.

Bei den anderen Parteien sieht man das mitunter anders. FDP-Mann Buschmann regt sich etwa darüber auf, dass Trittin bei der Debatte über die Außenpolitik „quasi über Nacht“ mit einer Forderung nach dem Abzug deutscher Soldaten aus Afghanistan aufgewartet habe und „allen anderen Partnern damit die Einigung so gut wie unmöglich macht“.

Während der einstige grüne Außenminister Joschka Fischer längst Parteigeschichte ist, hat Jürgen Trittin sich zurückgekämpft, obwohl er dem Ruf getreu bleibt, einer zu sein, an dem sich andere schon mal reiben. Selbst die Kanzlerin suchte zuletzt seine Nähe: Bei der Konstituierung des Bundestages am 24.Oktober saßen beide ins Gespräch vertieft in den Abgeordnetenreihen. Trittin strahlte – wissend, dass die Kameras den Moment einfangen würden. Er schätzt Angela Merkel ob ihrer Klugheit – wo er für viele andere im Berliner Betrieb nur Hohn übrig hat.


Öffentliche Huldigung erwies Trittin dieser Tage ausgerechnet Jens Spahn, der 37-Jährige Jungstar der Union, ebenfalls mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein ausgestattet: Er adelte den 63-Jährigen als „coole Socke“, und fügte hinzu: „Hätte ich gar nicht gedacht“. Kein Wunder, lacht der grüne Bundesgeschäftsführer Michael Kellner: „Da nähern sich offenbar zwei an, die beide übers Geld wachen wollen. Jürgen ist da wie der Drache Smaug aus Herr der Ringe, der den Goldschatz bewacht.“

Viel früher erkannte der erfahrene Liberale Wolfgang Kubicki das neue politische Gewicht des grünen Antipoden, der einst schon Guido Westerwelle zur Weißglut trieb: Schon in der ersten langen gemeinsamen Sondierungsnacht gaben sich die beiden Alpha-Tiere die Hand unter dem mächtigen Bild Bismarcks in der Parlamentarischen Gesellschaft – seither duzen sich „der Jürgen“ und „der Wolfgang“.

Eigentlich war Trittin nach der Bundestagswahl 2013 erledigt. Der damalige Spitzenkandidat hatte das Programm der Grünen damals mit einer Arie von Steuererhöhungsforderungen gespickt und mit Schärfe propagiert. Für die alberne Veggie-Day-Debatte, die dem Gegner billige Munition lieferte, konnte er so wenig wie für das aus den Untiefen der grünen Geschichte aufgetauchte Pädophilie-Drama. Doch am Ende war er der Verlierer – und mit ihm der gesamte linke Flügel der Grünen.


„Trittin spielt in einer völlig anderen Liga als Özdemir“


Seine damalige Co-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt jedoch schaffte es, sich an der Spitze der Fraktion zu halten. Eine Demütigung für Trittin, der sich mit einem Platz in der dritten Reihe zufrieden geben musste. 2017 verkündete Göring-Eckardt im Wahlkampf vollmundig, „Herr Trittin wird in möglichen Koalitionsverhandlungen keine Rolle spielen.“ Weit gefehlt. Unmittelbar nach der Wahl war klar, dass die Realos den versiertesten Grünen, den einzigen, der jahrlange Regierungserfahrung im Bund hat, nicht beiseiteschieben können.

Den Kniefall vor dem Altmeister vollzog dann eine Woche nach der Wahl ausgerechnet Robert Habeck: Er bat ihn vom Podium aus um Entschuldigung dafür, dass die Partei damals, nach dem Wahldebakel von 2013, mit ihm so hart ins Gericht gegangen sei. Politik sei ein „scheißhartes Geschäft“, rief Schleswig-Holsteins Umweltminister den Delegierten in den Berliner Uferstudios zu. „Mir tut leid, dass wir mit euch damals so hart umgegangen sind.“

Habeck, der grüne Super-Realo-Sunnyboy aus Kiel – bei der Kür der grünen Spitzenkandidaten nur knapp Cem Özdemir unterlegen und für viele Lieblingskandidat als nächster Parteichef – hatte erst wenige Monate zuvor mit Daniel Günther (CDU) und Wolfgang Kubicki (FDP) eine Jamaika-Koalition gezimmert. Er weiß: Sollten die Sondierungen im Bund je so weit gedeihen, dass ein Parteitag darüber entscheidet, muss Trittin mitmachen. Das gibt Trittin den Rückhalt, in den Verhandlungen auch mal querzuschießen.

Sicher ist Trittin nicht mehr der unumschränkte Vormann des Linken Flügels, vor allem Fraktionschef Toni Hofreiter und Bundesgeschäftsführer Michael Kellner fahren seit längerem einen von ihm eigenständigen Kurs. Doch gegen ein eindeutiges Veto von ihm kann eine Regierungsbeteiligung nicht gelingen.


Fragt man den ehemaligen Kommunisten Trittin selbst nach seiner neuen Macht, setzt er seine undurchdringliche Miene auf und wiegelt ab: Seine Beteiligung hätten die zuständigen Gremien eben so vorgeschlagen, sagt er unschuldig, und nun mache er seinen Job. Das daraus resultierende Dilemma der Grünen fasst einer der Chefunterhändler so zusammen: „Wir haben eben kein Machtzentrum.“

Das erleben nun auch die Jamaika-Sondierer der anderen Parteien: Göring-Eckardt und Özdemir seien bemüht, sich die Führung von Trittin nicht aus der Hand nehmen zu lassen, erzählen sie. Und erinnern daran, dass Trittin es war, der zu Beginn der Verhandlungen als erster den angeblichen Kompromiss zum Soli-Abbau, den die FDP stolz verkündet hatte, infrage stellte.

Klar ist, dass Trittin nicht nur für die Sache, sondern auch für sich selbst kämpft. Nach Lage der Dinge könnte der Preis eigentlich nur ein Ministeramt sein. Doch an genau dieser Stelle wird es kompliziert: Denn die beiden ‚Spikas‘, die Spitzenkandidaten, haben das erste Zugriffsrecht auf einen Ministerjob, gefolgt von Toni Hofreiter. Und auf mehr als drei Ministerien hoffen selbst optimistische Grüne nicht.

Es könnte jedoch sein, „dass wir auf das Außenamt verzichten, für das Özdemir gehandelt wird, und eher das Finanzministerium fordern, weil es den Grünen am Ende viel mehr Punkte bringt“, sagt einer aus dem inneren Zirkel. Den Kassenwart jedoch trauen viele Özdemir nicht zu – zumindest nicht ohne längere Einarbeitungszeit. Parat stünde jedoch Trittin. Aber weil das alles so kompliziert ist, schieben die Grünen diese Frage ganz weit nach hinten. Noch ist ja offen, ob sich die Personalfrage überhaupt stellt. Dann jedoch dürfte „die Harmonie in der Verhandlergruppe kippen“, prophezeit eine mit gerunzelter Stirn.

Trittin hält sich einstweilen in Form: „Ich persönlich bin der Meinung, dass man drauf achten soll, auch in angespannten Zeiten noch laufen gehen zu können und gelegentlich zu schlafen. Daran halte ich mich.“ Die meisten Parteifreunde hingegen „schlafen zu wenig“, sagt er noch. Am Ende wird es darauf ankommen, wer im entscheidenden Moment am ausgeschlafensten ist.

Mitarbeit: Martin Greive und Dana Heide