Die Gründe für das Tourismus-Comeback der Türkei

Anschläge, Verhaftungen, Erdogan: Zwei Jahre lang mieden deutsche Touristen die Türkei. Jetzt steigen die Buchungszahlen wieder rapide an.


Der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu könnte auf diese Dienstreise eigentlich verzichten. Trotzdem will er kommende Woche zur Reisemesse ITB nach Berlin reisen, obwohl sein Kollege, Tourismusminister Numan Kurtulmus, sich bereits seit Wochen für die führende Tourismusausstellung Deutschlands angemeldet hat.

Cavusoglu hat jedoch noch ganz eigene Ziele. Er will die deutsch-türkische Partnerschaft zementieren. Und dazu gehört auch, dass wieder mehr Bundesbürger an die Strände an der türkischen Riviera kommen.

Bis zu 5,6 Millionen Deutsche jährlich machten in der Vergangenheit Urlaub in der Türkei. Doch seit 2015 ging diese Zahl zurück, auf 2,5 Millionen im Jahr 2016. Für den Rückgang verantwortlich waren zum einen zahlreiche Anschläge in dem Land, bei denen unter anderem auch zwölf Deutsche starben.


Hinzu kommt die Verhaftung tausender Menschen, darunter mehrerer deutscher Staatsbürger. Im Juli 2017 hatte das Auswärtige Amt im Zuge der Krise die Reisehinweise für die Türkei verschärft. Schließlich wollten viele Deutsche mit ihrem Fernbleiben ein Zeichen gegen den türkischen Staatspräsidenten Erdogan setzen, dessen Politik und Führungsstil vielen aufstieß.

Die hehren Motive der Urlauber scheinen nun den rationalen Argumenten zu weichen. „Die Türkei, die im Vergleich zu 2015 insgesamt 50 Prozent Gäste aus Deutschland verloren hatte, ist wieder im Kommen“, heißt es vom Verband der Deutschen Reisewirtschaft (DRV).

Das belegt auch eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (Gfk). Der Untersuchung zufolge hat sich die Zahl der Türkei-Buchungen aus Deutschland im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Ende Januar lag der Wert demnach um 101 Prozent über dem Wert im Januar 2017, gab das Institut am Donnerstag bekannt. Das Gesamtvolumen der Buchungen sei dennoch nur halb so hoch wie das für Reisen nach Griechenland.

„Die Krise ist vorbei“, sagte Alaattin Özyürek von der türkischen Entwicklungsagentur WDMA bereits im Januar vor deutschen Journalisten. Rückenwind bekommt seine Aussage von den aktuellen politischen Entwicklungen. Mitte Februar war mit Deniz Yücel der prominenteste deutsche Staatsbürger aus türkischer Untersuchungshaft freigelassen worden.


Auch die Rhetorik zwischen Berlin und Ankara entspannt sich. Statt Nazi-Vergleichen betonen türkische Politiker nun wieder die Gemeinsamkeiten. Die positive Atmosphäre wirkt zwar etwas künstlich. Aber es wird deutlich, dass Ankara aktiv an einer Entspannungspolitik arbeitet.

Nur reden scheint aber nicht zu reichen. Nach Aussagen des türkischen Tourismusministers Numan Kurtulmus gibt der Staat auch Zuschüsse. So würden seit der Krise Charterflieger in die Türkei bezuschusst.


Türkisches Ansehen im Ausland leidet


Die Resultate dieses Strategiewechsels lassen nicht lange auf sich warten. Der Reisekonzern Tui meldet ein Plus von 50 Prozent für Türkei-Buchungen. Ähnliches gibt es beim Konkurrenten Thomas Cook zu hören. „Wir haben unsere Flugkapazitäten in die Türkei für den Sommer aufgestockt“, erklärte eine Sprecherin des Konzerns.

Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes DRV, erklärte den Anstieg der Türkeibuchungen damit, dass die Sicherheitslage sowie die politische Situation in dem Land sich stabilisiert hätten. Hinzu komme der Preis: „In der Türkei kann man einen All-Inclusive-Urlaub in einem Fünf-Sterne-Hotel zu einem Preis bekommen, für den man in Spanien bereits Schwierigkeiten hätte, ein Drei- oder Vier-Sterne-Hotel zu finden“, zitiert die türkische Tageszeitung Hürriyet Fiebig.


Aus türkischer Sicht sind die Urlauber aus Europa besonders wichtig: Sie bringen Devisen ins Land. Die Türkei leidet unter einem großen Haushaltsdefizit. Das heißt, dass die Importe regelmäßig größer sind als die Exporte. Um das Minus zu begleichen, ist die Türkei wie viele andere Länder auf der Welt auf ausländisches Geld angewiesen. Das kommt häufig von Touristen.

Für die Türkei steht noch mehr auf dem Spiel. Der Streit mit europäischen Nachbarn, insbesondere Deutschland, hat dem Ansehen des Landes im Westen schwer geschadet. Der geplante EU-Beitritt ist vorläufig ad acta gelegt, selbst die Verhandlungen über eine Zollunion stocken. Die Türkei sieht sich zwar als Mittler zwischen westlicher und östlicher Welt, möchte aber unbedingt vermeiden, dass die Bindungen zu den alten Partnern vollends abreißen.

Wohl auch deswegen lässt es sich der Außenminister nicht nehmen, dem Comeback im Tourismussektor beizuwohnen. Auf der ITB hat die Türkei, wie bereits häufiger in der Vergangenheit, den größten Stand angemietet. Cavusoglus Wahlkreis ist übrigens die Touristenhochburg Antalya.