Die Gründe für Kerbers Absturz

Michael Prieler
Angelique Kerber fällt sich nach ihrem traumhaften Aufstieg 2016 wieder aus den Top Ten

Als Titelverteidigerin bereits in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers die Segel zu streichen - das ist vor den diesjährigen US Open (täglich im LIVETICKER) in der Open Era seit 1968 erst vier Spielerinnen passiert.

Angelique Kerber ist nach der Auftaktniederlage gegen den japanischen Tennis-Teenie Naomi Osaka nun die fünfte Akteurin in diesem unrühmlichen Kreis.

Die historische Pleite in New York ist der endgültige Tiefpunkt eines Horrorjahrs für die einstige Weltranglistenführende. Die Linkshänderin konnte 2017 erst 25 Matches für sich entscheiden. Zum Vergleich: 2016 kam Kerber auf eine Traum-Bilanz von 64 Siegen bei 20 Niederlagen.

SPORT1 nennt die Gründe für Kerbers krachenden Absturz.


1. Gefangen im Teufelskreis

Seit jeher zählt das Kraftpaket zu den Vielspielerinnen auf der WTA-Tour. Ihre 84 Matches im Vorjahr waren eine absolute Rekordmarke. Dieses Mammutprogramm strapaziert den Körper ungemein, Kerber nimmt die verkürzte Regeneration aber zugunsten der Spielpraxis traditionell in Kauf.

Das hat sich in diesem Jahr gerächt. Immer wieder warfen die Deutsche kleinere Verletzungen zurück, zuerst an der Schulter, dann am Ellenbogen.

Im Drang nach möglichst vielen Bewährungsproben verzichtete Kerber aber darauf, diese Blessuren länger auszukurieren. Die Folge: Nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte kassierte die 29-Jährige viele frühe Niederlagen, die sie auch mental zusehends mitnahmen.

Der Teufelskreis war perfekt: Die ausbleibende Form verschaffte ihr nur geringe Chancen auf mehr Partien. In den wenigen Spielen, die ihr blieben, konnte sie kein Selbstvertrauen tanken. Matchpraxis, körperliche Topform und Selbstvertrauen - was in diesem Jahr fehlt, war 2016 noch Kerbers Schlüssel zum Erfolg.

"Ich hätte vielleicht ein, zwei Wochen länger Urlaub machen sollen, um mich neu zu resetten", sagt Kerber jetzt selbst im Rückblick. Die frühere Weltklassespielerin Chris Evert empfahl dem Sorgenkind, "in der Off-Season alles auf Null zu stellen".


2. Fragwürdige Personalentscheidungen

Resetten, alles auf Null stellen, neue Impulse setzen. All diese Ratschläge hat Kerber in diesem Jahr schon zigfach gehört. Steffi Graf oder Boris Becker wurden ihr schon als "Super-Coaches" nahe gelegt.

Auf der Herrentour vertraut inzwischen fast jeder Top-Spieler auf einen Berater, der einst selbst Grand-Slam-Titel sammelte. Zuletzt holte Shootingstar Alexander Zverev den spanischen French-Open-Sieger Juan Carlos Ferrero ins Team - und eilt seitdem von Erfolg zu Erfolg.

Nach dem Wimbledon-Turnier, bei dem Kerber noch den besten Eindruck im Jahresverlauf hinterlassen hatte, krempelte sie ihr Trainerteam tatsächlich um und stellte Erfolgscoach Thorben Beltz, der sie endgültig in die Weltspitze geführt hatte, den ausgewiesenen Experten Benjamin Ebrahimzadeh zur Seite.


"Eine neue Stimme, ein neuer Impuls" sei Ebrahimzadeh. Doch von neuem Impuls kann keine Rede sein. Der Deutsch-Iraner betreute Kerber bereits vor Beltz - und das recht erfolglos. Auch die Tatsache, dass Ebrahimzadeh eigentlich an der Akadamie von Serena Williams' Trainer Patrick Mouratoglou in Biot in Süd-Frankreich angestellt ist, irritiert.

Statt frischen Wind hat die Personalentscheidung eher Unsicherheit ins Umfeld von Kerber gebracht, zumal sie wie eine Degradierung von Stammtrainer Beltz anmutet.

3. Killerinstinkt ist weg

Eine Statistik belegt besonders, wie schwer sich Kerber in diesem Jahr mental in den wichtigen Spielen tut: Während sie 2016 24 Erfolge gegen Top-20-Spielerinnen feierte, verlor sie seit Januar alle neun Duelle gegen Konkurrentinnen dieser Güteklasse.

Die Kämpfernatur schafft es nicht mehr, sich in Matches hineinzubeißen, ihr Killerinstinkt ist abhanden gekommen.

"Angie wirkt blockiert. Ihr tolles Jahr 2016 scheint körperliche und psychische Spuren hinterlassen zu haben. Sie kämpft immer noch - aber eben auch gegen sich selbst", analysierte Kerber-Fan Chris Evert treffend.

Dazu kommt, dass sich ihre Gegnerinnen auf Kerbers Konterstil eingestellt haben.

"Man merkt, dass Angie im entscheidenden Moment das Selbstvertrauen fehlt, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen", sagte Bundestrainerin Barbara Rittner: "Angie versucht alles, ist auch von der Körpersprache her positiver. Aber das Selbstvertrauen und das Mentale sind nicht auf der Höhe."

Bis auf den ermutigenden Auftritt in Wimbledon verabschiedete sich die 29-Jährige aus jedem Grand-Slam-Turnier sang- und klanglos, gewann bei ihren Pleiten nie mehr als fünf Spiele im Match. Selbst über den Kampf findet Kerber nicht mehr zu ihrem Spiel.


4. Kerber ist zu brav

Während Kontrahentinnen wie Serena Williams oder Maria Scharapowa eine schier unendliche Erfolgsgier antreibt, die schon einmal dazu führt, dass sie auf dem Court richtig ungemütlich werden können, wirkt Kerber oft zu brav.

Ihre Einstellung im Erfolgsjahr: "Meine Grand-Slam-Siege kann mir keiner mehr nehmen" - fast schon so, als erwarte sie den baldigen Einbruch.

Und je enttäuschender ihre Auftritte auf der WTA-Tour wurden, desto mehr zog sie sich zurück. Statt einmal Dampf abzulassen, gab sie nur Durchhalteparolen von sich, wie nun auch nach dem US-Open-Aus: "Das war nicht mein Tag. Aber ich gebe nicht auf, ich weiß, was ich kann."

Williams oder Scharapowa wären bei der Pressekonferenz nach einer ähnlichen Niederlage wohl zu journalisten-fressenden Raubtieren mutiert - und wären mit dem Messer zwischen den Zähnen in die Vorbereitung auf das nächste Turnier gestartet.