Die Gründe für das deutsche Staffel-Debakel

Jonas Nohe, Andreas Kloo
Denise Herrmann, Franziska Preuß und Franziska Hildebrand mussten im Staffelrennen jeweils einmal in die Strafrunde

Zusammen mit Erfolgen im Rodeln und in der Nordischen Kombination war es fast schon eine sicher eingeplante Goldmedaille für Deutschland bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang.

Sieben der acht vergangenen Staffel-Rennen haben die deutschen Biathlon-Damen um Laura Dahlmeier gewonnen.

Doch am Donnerstag verpassten sie nicht nur Gold, als Achte mit insgesamt drei Strafrunden erlebten sie ein Debakel.

Die äußeren Bedingungen mit Schneefall und wechselnden Winden waren schwierig, doch als Ausrede wollte sie Bundestrainer Gerald Hönig nicht gelten lassen: "Heute sind wir blank an unseren Leistungen gescheitert", hielt er fest.

Ähnlich sah es auch Schlussläuferin Dahlmeier, die als einzige ohne Strafrunde geblieben war: "Es sind drei Staffeln auf dem Podium, die sind damit klargekommen."

Versehentlicher Nachlader bei Preuß

Stellt sich die Frage, warum die sonst so sieggewohnten deutschen Biathletinnen ausgerechnet beim Saison-Höhepunkt nicht abliefern konnten.

Es ging schon schlecht los. Die deutschen Fans rieben sich verwundert die Augen und rätselten, warum Franziska Preuß am Schießstand blieb, obwohl sie doch schon alle fünf Scheiben abgeräumt hatte. (SERVICE: Der Medaillenspiegel)

"Franzi hat gesehen, dass sie beim vierten Schuss unsauber abgekommen ist, das war ein Randtreffer links. Ist aber gefallen. Für sie war es von der Wahrnehmung ein schlechter Schuss, ein Fehler, darum hat sie nachgeladen", erklärte Hönig.

Zwischenzeitlich musste man danach sogar die Disqualifikation des deutschen Teams befürchten, da es verboten ist, mit geladener Waffe zu laufen. Preuß hatte den überzähligen Schuss aber noch am Schießstand regelkonform rausrepetiert.


Erinnerung an Sotschi

Dennoch verunsicherte das erste Schießen die Oberbayerin völlig, wie sie zugab:  

"Das hat mich alles aus dem Konzept gebracht. Ich habe meinen Kopf nicht mehr klar bekommen. Es war von Anfang an der Wurm drin." Die Folge: beim Stehendschießen kam Preuß überhaupt nicht zurecht und musste in die Strafrunde - für den Bundestrainer völlig unerklärlich.

"Gerade bei Franzi Preuß hätte ich gedacht, dass sie als gute Schützin, die auch ein bisschen über die Reaktion schießen kann, nicht solche Probleme bekommt, wie sie sie heute hatte."

Was Hönig unterschätzt hat: ihren olympischen Albtraum von Sotschi hat Preuß noch nicht vergessen. Auch vor vier Jahren war sie als Startläuferin der Staffel ins Rennen gegangen, stürzte, bekam Schnee in den Diopter und fabrizierte fünf Fehlschüsse.

Diese Erinnerung spielte sicher eine Rolle.

Fakten sprachen für Preuß

Zudem kämpfte Preuß eineinhalb Jahre lang mit körperlichen Problemen, was ihr auch psychisch zusetzte.

Offenbar ist sie doch noch nicht so gefestigt, wie es zuletzt den Eindruck machte. (SERVICE: Der Olympia-Zeitplan)

Dabei sprachen die harten Fakten durchaus für eine Aufstellung von Preuß. Bei beiden Staffel-Einsätzen in diesem Winter war sie fehlerfrei geblieben. In Pyeongchang überzeugte die 23-Jährige mit einem starken vierten Platz im Einzelrennen.

Herrmann zu unerfahren

Preuß' Einsatz ist aber nicht der einzige, der im Nachhinein zur Debatte steht.

Franziska Hildebrand hat eine sehr durchwachsene Saison hinter sich und für Ex-Langläuferin Denise Herrmann erwiesen sich zwei Jahre Biathlon-Erfahrung im Nachhinein als zu wenig.

Das gab auch Hönig zu: "Stehend war sie bei diesen schwierigen Bedingungen leider überfordert. Da hat ihr vielleicht die Erfahrung gefehlt. Man konnte sehen, was eine abgezockte Schnellschützin da rausholen konnte. Wierer kommt mit 1:20 Rückstand zum Stehendschießen und geht mit Führung raus." (Alle Olympia-Entscheidungen im LIVETICKER)

Zudem hatte Herrmann in Pyeongchang auch nicht die überragende Laufform. Mit Vanessa Hinz und Maren Hammerschmidt hätte Hönig zwei Biathletinnen in der Hinterhand gehabt, die ihre Fähigkeiten nicht zuletzt beim WM-Gold 2017 unter Beweis gestellt haben. Hinz hatte allerdings die Mixed-Staffel tags zuvor in den Beinen.


Hinz und Hammerschmidt patzen in Oberhof

Dennoch stellte Hönig klar: "Die Vier sind berechtigt gelaufen, haben alle die Vorleistungen gehabt. Die Staffel würde ich ohne - zu wissen, wie es ausgeht - ähnlich oder so wieder aufstellen."

Gerade, weil die Wettervorhersagen eher schlecht waren, bekamen Hinz und Hammerschmidt nämlich diesmal nicht das Vertrauen von Hönig.

Und das erklärt sich durch das Staffel-Rennen Anfang Januar in Oberhof. Beide handelten sich damals im Thüringer Nebel jeweils eine Strafrunde ein.

So war Hönig gezwungen, sich personelle Alternativen mit Blick auf Olympia zu überlegen.