Größte Streiks der Unternehmensgeschichte stellen Ryanairs Geschäftsmodell infrage


Ende April war die Welt für Ryanair-Chef Michael O‘Leary noch in Ordnung. Dass die Boeing 737, mit der der Manager von Liverpool zurück nach Dublin fliegen wollte, eine halbe Stunde verspätet war, störte weder ihn noch die Passagiere. „Wir mussten noch den Starjockey Davy Russell an Bord lassen“, verkündete O‘Leary zur Begründung über die Sprechanlage. Aber dafür werde er allen Passagieren einen Drink ausgeben.

Der Manager war gut gelaunt. Sein Pferd „Tiger Roll“, geritten von Russell, hatte gerade bei einem der wichtigsten Pferderennen Großbritanniens den ersten Platz errungen. So erhielt O‘Leary, wohl auch für den Drink, von den Passagieren Applaus. In den kommenden Tagen kann der 57-Jährige das nicht erwarten: Tausende Kunden der irischen Billigfluglinie sind sauer.

Am Mittwoch und Donnerstag wird das Kabinenpersonal von Ryanair in Spanien, Portugal und Belgien streiken – und das mitten in der Urlaubszeit. Es ist der größte Streik in der Geschichte des irischen Billigfliegers, an dessen Spitze der Ire seit 25 Jahren steht.


An jedem der beiden Streiktage entfallen 300 Flüge. Weil Start- und Landezeiten der Flugzeuge eng kalkuliert sind, kann sich eine Verspätung oder Annullierung darüber hinaus auf den Rest des Streckennetzes ausweiten. Der „unnötige“ Streik werde lediglich zwölf Prozent der Ryanair-Kunden betreffen, versucht der Billigflieger zu relativieren. 88 Prozent der gelb-blauen Flugzeuge würden wie geplant quer durch Europa fliegen. Für 50.000 betroffene Passagiere, die ihre Urlaubspläne ändern müssen, ist das kein Trost.

Der Arbeitskampf wirft zudem die Frage auf, ob das Geschäftsmodell von Ryanair noch zu halten ist. Schließlich ist es Kern der Strategie, die Kosten so gering wie möglich zu halten – auch durch geringe Löhne. Das aber gelingt der Airline immer weniger, wie die aktuellen Geschäftszahlen des Billigfliegers belegen. So flogen in den drei Monaten bis Ende Juni zwar 38 Millionen Passagiere mit Ryanair, fast drei Millionen mehr als ein Jahr zuvor.

Der Umsatz stieg um neun Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Doch der Gewinn nach Steuern brach um ein Viertel auf 319 Millionen Euro ein. Ein Grund: höhere Gehälter. Die Kosten für die Mitarbeiter sind um 34 Prozent gestiegen, wovon allein 20 Prozent auf höhere Gehälter für Piloten zurückzuführen sind.

Auch der gestiegene Ölpreis sowie die Kosten für die Streiks der französischen Fluglotsen machten sich in den Zahlen bemerkbar. Darüber hinaus erweist sich die neue Beteiligung an Laudamotion teurer als gedacht. Anders als Ryanair hat sich die österreichische Gesellschaft nicht einmal zum Teil gegen den höheren Ölpreis abgesichert. Die Nettogewinnmarge von Ryanair sackte angesichts dessen um sechs Prozentpunkte ab – auf nunmehr 15 Prozent.


Das ist der „schlimmste Quartalsbericht von Ryanair seit Jahren“, sagt Analyst Neil Wilson von Markets.com. An der Börse rutschte der Aktienkurs deutlich ab – und dass, obwohl O‘Leary die Jahresprognosen bekräftigte. Man dürfe Ryanair noch nicht abschreiben, meint aber Branchenexperte John Strickland von JLS Consultancy: Selbst wenn die Mitarbeiter dem Management Zugeständnisse abringen würden, werde Ryanair noch „mit deutlichem Abstand“ die niedrigsten Kosten in der Branche haben.

Die kommenden Monate könnten gleichwohl hart werden, sagt Wilson: Bis Ryanair sich mit seinen Mitarbeitern einigt, wird „es noch einige Zeit dauern, und es wird zu weiteren Störungen kommen“. Darauf stellt sich auch O'Leary ein. Er sei nicht bereit, „unangemessenen Forderungen zuzustimmen, die entweder unsere niedrigen Tarife oder unser hocheffizientes Modell beeinträchtigen würden“, machte er am Montag klar – selbst wenn das zu weiteren Streiks führe. Wenn man sich nicht einigen könne, werde Ryanair überlegen, Standorte zu verkleinern. „Das könnte zu Arbeitsplatzverlusten führen.“

Dass man in Dublin trotz der heiklen Lage an seinen langfristigen Zielen festhält, hat mehrere Gründe. Zum einen hofft Ryanair, durch neue Flugzeuge mit mehr Sitzen und geringerem Treibstoffverbrauch in Zukunft Geld zu sparen. Gegen die Streiks der französischen Fluglotsen – die andere Airlines im Übrigen genauso treffen wie Ryanair – hat O‘Leary zusammen mit dem Rivalen IAG, der Holdinggesellschaft von British Airways und Iberia, geklagt.



Der höhere Ölpreis könnte nach Einschätzung des Iren dazu führen, dass schwächere Konkurrenten aufgeben müssten und Ryanair dann aus deren Insolvenzmasse günstig Flugzeuge oder Flughafenslots kaufen kann. Zum anderen hat auch das erste Quartal gezeigt, dass die Passagiere von Ryanair mehr Geld für Extra-Leistungen wie eine Sitzplatzreservierung oder zusätzliches Gepäck ausgeben. Derartige Leistungen machen mittlerweile fast ein Drittel des gesamten Konzernumsatzes aus.

Im ersten Quartal stieg dieser Posten um 25 Prozent. Zum Leidtragenden seiner Zuschläge wurde diesmal auch O‘Leary selbst. Der Transport des Siegerpokals aus dem Pferderennen habe ihn „ein Vermögen für Extragepäck“ gekostet, klagte er vor Journalisten.