„Jeder ist von Gott geliebt“: Schwuler Pfarrer motiviert Jugendliche zu sich zu stehen

Als 13-Jähriger wurde der Ehrenfelder Pfarrer als „Schwuchtel“ gehänselt.

Der Weg aus dem Westerwald bis nach Berlin ist weit. Und für manch einen noch viel weiter. Wenn Martin Dielmann, evangelischer Pfarrer in Ehrenfeld und aufgewachsen in einem 250-Seelen-Dorf in eben jenem Westerwald, ab heute sagt: „Ich bin verheiratet“, hört sich das erstmal banal an. „Aber das klingt einfach ganz anders als das künstliche Wort verpartnert“, meint er. Es klingt wie das, was es bald sein soll: normal.

Das Ende eines langen Weges

Wenn der Bundestag in Berlin heute die Ehe für alle beschließt, ist das für den Pfarrer, der mit seinem Mann Alexander Blicker-Dielmann im Pfarrhaus neben der Versöhnungskirche lebt und der einer der ersten bekennend homosexuellen Pfarrer in Deutschland war, das Ende eines langen Weges.

„Mit dem neuen Gesetz geschieht ein großer Schritt, die unselige Geschichte der Diskriminierung gleichgeschlechtlich liebender Menschen zu beenden“, sagt er, und das klingt sehr offiziell. Aber es rührt an seinem verletzten Kern.

„Ein Gräuel vor dem Herrn“?

Am Innersten des Jungen, der als 13-jähriger im Dorf als „Schwuchtel“ gehänselt wird. Der sich zurückzieht, zum Einzelgänger wird. Und der gerungen hat mit seinem Gott und seiner Kirche, die ihm, dem religiösen Teenager, damals in den 70er Jahren tief in die Seele eingepflanzt hatte, dass „etwas in mir nicht sein durfte“. Ja, dass seine Neigung „ein Gräuel vor dem Herrn“ sei, wie es damals hieß.

Dass er heute wie selbstverständlich seinen Mann bei offiziellen Anlässen vorstellt, ihn in das evangelische Gemeindeleben rund um die Versöhnungskirche einbindet und noch kein einziges Mal auf Widerstände gestoßen ist, das schien damals unvorstellbar.

Mit 21 Jahren outet er sich – Kontakt zu Eltern abgebrochen 

„Ob ich jemals meinen Traumberuf Pfarrer ausüben können würde, das war nicht klar, als ich den Weg eingeschlagen habe.“ Mit 21 Jahren beschließt Dielmann, dass das Leben in zwei verschiedenen Leben, die kraftraubende innere Spaltung aufhören musste. Er outet sich und beschließt, Theologie zu studieren. „Bestimmt war ein Motor auch, herauszufinden, ob es wirklich so war: Ob meine Art zu lieben Sünde ist.“

Die Antwort findet er schnell: Jeder ist von Gott geliebt – ohne Bedingung. Das ist das, was heute der Kern seiner Seelsorge ist und was er selbst vermitteln will. Gerade weil er das im irdischen Kontext so nicht erfahren hat: Seine eigenen Eltern haben sein Outing bis heute nicht akzeptieren können. Der Kontakt zu ihnen ist seit Jahren abgebrochen „Sie haben sich ihren Sohn einfach anders gewünscht“, sagt Dielmann, und der Kloß im Hals ist hörbar, auch nach vielen Jahren.

Hilfe bei der Suche nach Identität

Umso mehr sieht er sich als wichtiger Ansprechpartner für Jugendliche, die auf der Suche sind nach ihrer Identität, so wie er selbst damals. Er begleitet sie auch bei dem schwersten Gang, den junge Menschen antreten, wenn sie sich outen: Zum Gespräch mit den Eltern. Motiviert sie, zu ihrem Sein zu stehen.

So wie er, als er sich 1999 bei der Bewerbung auf seine erste Pfarrstelle im konservativen Herzogenrath-Kohlscheid als schwuler Pfarrer vorstellte und sich das Presbyterium gegen 70 Mitbewerber für ihn entschied. Das machte Mut für die weiteren Schritte: 2007 verpartnerte er sich im Kölner Rathaus mit Alexander. 2008, nach der Segnungsfeier damals in der Kohlscheider Kirche, richtete die Gemeinde ihm und seinem Mann ein rauschendes Fest aus. „Wir haben gesellschaftlich und kirchlich schon einen so weiten Weg zurückgelegt“, meint Dielmann und klingt auch ein wenig stolz. Auf dieses Land und auch auf seine Kirche....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta