"So krass": Gosens beeindruckt Training mit Bayern-Stars

Florian Plettenberg
·Lesedauer: 11 Min.

Robin Gosens ist der wohl außergewöhnlichste Nationalspieler Deutschlands.

Nahezu unbemerkt hat sich der 26-Jährige bei Champions-League-Teilnehmer Atalanta Bergamo in die Nationalmannschaft gespielt. Dank starker Leistungen, einer ordentlichen Portion Selbstvertrauen und Physis darf sich Gosens seit seinem überzeugenden DFB-Debüt gegen Spanien Anfang September bei Joachim Löw auf der linken Seite für eine EM-Nominierung empfehlen.

Gosens, der ursprünglich Polizist werden wollte und einst bei einem Probetraining von Borussia Dortmund durchfiel, durchlief nie ein Nachwuchsleistungszentrum. Erst im Alter von 18 Jahren wechselte er 2012 vom VfL Rhede im Münsterland zur U19 von Vitesse Arnheim. Von dort ging es über den FC Dordrecht, die U21 von Vitesse und Heracles Almelo 2017 nach Bergamo. Auf seinem Weg nach oben ist er der Typ von nebenan geblieben. Er steht für ehrliche Arbeit auf dem Platz, für klare und erfrischende Worte außerhalb davon.

Vom Bundestrainer wurde der in Emmerich geborene Linksfuß nun erneut berufen. Diesmal für das bevorstehende Testspiel gegen Tschechien am 11. November (Länderspiel: Deutschland - Tschechien, Mi., ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) und die beiden Nations-League-Partien gegen die Ukraine (14. November) und Spanien (17. November). In Bergamo plagte ihn zuletzt eine Wadenzerrung, weshalb er am Sonntag bei Atalantas 1:1 gegen Inter Mailand nicht zum Einsatz kam.

Im SPORT1-Interview spricht er ausführlich und ehrlich über sein neues Dasein als Nationalspieler, beeindruckende Trainingserlebnisse mit den Bayern-Stars und weitsichtige Pläne nach seinem Karriereende.

SPORT1: Herr Gosens, wie fühlt es sich für Sie an, Nationalspieler zu sein?

Robin Gosens: Mein Wortschatz beinhaltet nicht dieses eine Wort, das beschreibt, wie viel es mir bedeutet. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Ich bin mir darüber bewusst, dass ich mein Land repräsentiere. Das bedeutet, dass ich mich auf dem Platz zerreißen muss, um die Nation stolz zu machen und etwas zurückzuzahlen. Es ist auch ein riesengroßer Stolz darauf, dass ich nach der Meinung von Joachim Löw zu den aktuell besten Spielern eines nicht unwichtigen Landes zähle. Das ist eine unfassbare Ehre und große Verantwortung.

SPORT1: Sehen Sie sich etwa nicht unter den derzeit besten deutschen Spielern?

Gosens: War ja klar, dass diese Rückfrage kommt (lacht). Natürlich sehe ich mich auf meiner Position und mit meinen Leistungen aktuell berechtigt, im Kreise der Nationalmannschaft zu sein.

Gosens: "Mein WhatsApp-Foto soll nicht arrogant wirken"

SPORT1: Ihr Profilfoto auf WhatsApp zeigt Sie im Trikot der Nationalmannschaft.

Gosens: Als ich bei meinem ersten Lehrgang dabei war und im Nachgang die Bilder geschickt bekam, wie ich den Adler auf der Brust getragen oder neben Legenden wie Toni Kroos trainiert habe, konnte ich das gar nicht realisieren, weil alles so groß gewirkt hat. Das alles war für mich so lange so weit entfernt. Daher präsentiere ich das jetzt gerne. Mein WhatsApp-Foto soll nicht arrogant wirken. Es soll Stolz ausdrücken.

SPORT1: Läuft man Gefahr, als Nationalspieler abzuheben?

Gosens: Ich kann mir vorstellen, dass es passieren könnte. Man gehört zu einem elitären Kreis, der besondere Privilegien genießt. Ich mache mir um mich aber keine Sorgen. In meinem Umfeld sind genug Menschen, die mir einen riesengroßen Arschtritt verpassen, sollte ich mal abheben. Wenn ich etwa in der Wahrnehmung meines Papas, meiner Mama oder meiner Freundin eine Aussage treffen würde, die arrogant klingt, würden sie sofort sagen: 'Robin, beruhig# dich mal wieder. Du bist jetzt zwar Nationalspieler, aber trotzdem noch einer von uns.' Für so ein Feedback bin ich enorm dankbar.

Gosens: Ein Länderspiel muss ein nationales Event sein

SPORT1: Was muss passieren, damit die deutsche Nationalmannschaft wieder Begeisterung entfacht?

Gosens: Wir müssen wieder dahin kommen, dass ein Spiel von uns ein nationales Event ist. Es darf nicht sein, dass die Menschen denken: 'Puh, schon wieder Nationalmannschaft? Ich will lieber Bundesliga schauen.' Klar bekommen wir Spieler die Stimmung in der Öffentlichkeit mit und das schwindende Interesse. Wir sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Wir müssen mit Siegen und gutem Fußball für einen Umschwung sorgen. Es geht aber nur zusammen. Unsere Mannschaft ist im Umbruch. Bei manchen Nationen dauert es Jahre, bis dieser vollzogen wird. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Aber wir brauchen auch die Menschen hinter uns, die uns feiern und nach vorne pushen.

SPORT1: Kann die sagenumwobene Bolzplatzmentalität, die Sie erfolgreich verkörpern, zum Umschwung verhelfen?

Gosens: Klar. Es gehört dazu, mal dreckig zu sein, die Sense auszupacken oder ein Foul zu begehen. Diese Dinge sind nicht immer angebracht, aber sie können der anderen Mannschaft zeigen: 'Ihr könnt uns bis zu einem gewissen Grad verarschen, aber jetzt ist Feierabend.' Das sind Tugenden, die ich mir immer beibehalten habe. Sie sind die Basis meines Erfolgs.

SPORT1: Was löst eine erfolgreiche Grätsche bei Ihnen aus?

Gosens: Es ist nicht das gleiche Euphorie-Gefühl wie bei einem Tor. Aber wenn man mit einer wichtigen Sense ein Tor verhindert, fühle ich mich genauso geil wie beim Torerfolg. Wenn man clean verteidigen kann, sollte man das tun. Eine Sense gibt mir aber manchmal das Gefühl, stark zu sein. Manchmal brauche ich das, um mich zu pushen. Dem Gegner sage ich damit: 'Ich bin da, Junge! Du kommst hier nicht vorbei.' Das sind kleine Signale, die bei mir und beim Gegenspieler etwas bewirken. Vor allem, wenn die Fans nicht im Stadion sind.

Gosens hatte bis zum 18.Lebensjahr "nie etwas mit Taktik am Hut"

SPORT1: Timo Werner erzählte einst, dass er mit seinem Vater an einem Hügel Sprinttrainings absolviert hat. Wie haben Sie in Ihrer Kindheit trainiert?

Gosens: Wir haben zu Hause einen großen Garten. Dahinter ist eine kleine Straße, dazwischen ein Zaun. Mein Papa hat am Ende des Gartens immer eine Bank aufgestellt. Von der Straße aus musste ich sehr oft einen Flugball über den Zaun unter die Bank schießen. Damit haben wir meine Passgenauigkeit trainiert. Es wurde ein richtiges Duell zwischen uns beiden, weil er gut kicken konnte. Mit meinem Opa habe ich Holztore gebaut. Die haben wir auf der Straße aufgestellt und Vier gegen Vier gespielt. Da habe ich gelernt, bissig zu sein und mich mit anderen zu messen.

SPORT1: Sie wurden fußballerisch nie in einem NLZ ausgebildet, haben aber dennoch einen imposanten Weg hingelegt.

Gosens: Ich frage mich schon sehr oft, wie meine Karriere verlaufen wäre, wenn ich in einem NLZ gewesen wäre. Wäre ich dann überhaupt ein Profi geworden, weil ich so ein Freigeist bin? Wenn ich in meiner Pubertät immer von morgens bis abends gesagt bekommen hätte, was ich zu tun habe, ohne die Freiheit haben zu können, mein eigenes Leben zu leben. Dann glaube ich, dass ich es nicht zum Profi geschafft hätte. Andererseits habe ich bis zu meinem 18. Lebensjahr nie etwas mit Taktik am Hut gehabt. In meinen Jugendmannschaften ging es immer drum: Ecke aufbauen, Torschuss, zocken. Koordinatives, Positionsspiel, die erste Annahme, all das habe ich nie gelernt. Durch viele Extraschichten habe ich versucht, an meinen Defiziten zu arbeiten. Ich weiß auch nicht, ob ich die jemals aufarbeiten werde. Dafür bringe ich andere Sachen mit.

SPORT1: Beschreiben Sie uns bitte den Spieler Robin Gosens.

Gosens: Bei mir schreien die Leute im Stadion vielleicht nicht 'Wow!'. Aber mich zeichnet Folgendes aus: Ich weiß, was ich kann, und mache nichts, was ich nicht kann. Es gibt viele Profis, die das nicht verinnerlicht haben und so geht vieles in die Hose. Ich werde nie ein Dribbler werden, der auf engem Raum drei Gegenspieler austanzen kann. Ich bringe hingegen eine enorme Dynamik mit. Hinten kann ich Löcher stopfen, vorne welche reißen. Mit diesen Charakteristiken kann ich wichtig für eine Mannschaft sein und einen Mehrwert darstellen.

Gosens findet Trainingsqualität des DFB-Teams surreal

SPORT1: Lassen Sie sich ihren DFB-Platz vor der EM noch nehmen?

Gosens: Ich wurde jetzt zum dritten Mal berufen. Daher räume ich mir Chancen ein und ich habe die Ambition, im nächsten Jahr die EM zu spielen. Ich bin jetzt so dicht dran und will es schaffen. Das geht vor allem über eine gute Saison im Verein.

SPORT1: Wie ist Ihre Kommunikation mit Joachim Löw?

Gosens: Mir als Neuling hat er es sehr einfach gemacht, mich zu integrieren. Er hat mir immer mitgegeben, dass ich meine Berechtigung habe, dabei zu sein. Er hat mir damit von Anfang an ein gutes Gefühl gegeben. Er vermittelt uns viel Positivität.

SPORT1: Wie ist das Trainingsniveau beim DFB?

Gosens: Es ist schon surreal und beeindruckend zu sehen, wie gut die Jungs kicken können. Bei Atalanta habe ich Trainingseinheiten dabei, bei denen ich auf Sparflamme trainieren kann, wenn ich mich müde fühle. Wenn ich bei der Nationalmannschaft nur ein Prozent runterschalte, bin ich sofort viel schlechter als alle anderen. Ich kann mir also nicht erlauben, unaufmerksam zu sein.

SPORT1: Bläst ein anderer Wind beim DFB, wenn die Bayern-Stars dabei sind?

Gosens: Nach meiner zweiten Trainingseinheit mit ihnen habe ich abends sofort meine Freundin angerufen und ihr gesagt: 'Weißt du, was ich so krass finde? Wenn diese Jungs auf dem Platz sind, merkt man ihre absolute Gewinnermentalität.' Für mich war es sofort greifbar, dass die alles gewinnen wollen. Wie die sich da reinsteigern, ist beeindruckend. Egal, ob es ein Positionsspiel ist oder ein Fünf-gegen-Fünf: Wenn sie nicht gewinnen oder das Tor treffen, zerreißen sie sich. Die Bayern-Spieler sind für unsere Mannschaft enorm wichtig, weil sie uns das Gewinnen vorleben und uns damit führen können.

Gosens treibt sein Studium voran

SPORT1: Wie nähert man sich als neuer Nationalspieler den anderen an?

Gosens: Ich versuche mich mit den Jungs im Foyer zu treffen, um zu quatschen und bei einem Kaffee etwas über sie zu erfahren. Je besser man sich kennenlernt, desto privater werden die Gespräche. Es gibt auch Spieler, mit denen bleiben die Gespräche an der Oberfläche. Das ist aber überhaupt nicht schlimm. Wir sprechen viel über Fußball, denn das ist, was uns alle am meisten verbindet. Mir und vielen anderen Spielern ist es aber wichtig, auch über das Leben außerhalb des Fußballs zu sprechen. Wir leben schließlich in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Kulturen.

SPORT1: Mit wem verstehen Sie sich gut?

Gosens: Beim ersten Lehrgang hatte ich mit Suat Serdar, Luca Waldschmidt und Robin Koch sofort einen guten Draht, weil sie so ticken wie ich. Ich habe mich zudem immer besser mit Niklas Süle verstanden. Beim zweiten Lehrgang waren erstmals die Bayern dabei. Da hatte ich einen schnellen Klick mit Joshua Kimmich und Serge Gnabry, weil wir auch auf einer Wellenlänge liegen. Ich wünsche Joshua übrigens eine schnelle Genesung. Er ist ein klasse Typ und überragender Fußballer.

SPORT1: Wie verbringen Sie Ihre freie Zeit bei der Nationalmannschaft?

Gosens: Ein Großteil der jüngeren Spieler hat die Playstation dabei. Ich habe stattdessen ein, zwei Bücher im Gepäck, die ich immer schaffe durchzulesen. In meiner Freizeit bemühe ich mich vor allem, in meinem Psychologie-Studium voranzukommen. Ich habe immer etwas zu tun, versuche die Studienbriefe durchzuarbeiten und Hausarbeiten zu schreiben. Denn wir haben im Mannschaftshotel oft Leerlauf.

Nach der Karriere will Gosens "mit Fußball nichts an der Mütze haben"

SPORT1: Was lesen Sie?

Gosens: Viele Thriller - und ich mag alles, was mit Spannung zu tun hat. Ich bin ein großer Fan von Sebastian Fitzek. Von ihm habe ich fast alles gelesen. Es ist meinem Studium geschuldet, dass ich viele Dinge lese, die mit dem Kopf zu tun haben. Mentale Geschichten gefallen mir, um noch mehr über mich selbst und meine Gedanken zu lernen.

SPORT1: Reflektieren Sie, um zu begreifen, welchen Weg Sie hingelegt haben?

Gosens: Ja. Selbstreflexion ist essenziell, um sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Es gibt diese Momente in Italien, da setze mich an Sommertagen mit einem schönen Glas Rotwein auf meinen Balkon und esse ein Stück dunkle Schokolade. Von meinem Balkon aus kann ich weit in die Ferne schauen. Dann mache ich mir meistens noch ein bisschen Musik an und lasse die Tage und Wochen Revue passieren. In den Wintermonaten sitze ich gerne im Sessel, mache mir einen Tee und lese ein Buch. Nach ein paar Seiten lege ich es beiseite und gönne mir ein paar Minuten, in denen ich durch die Gegend gucke und ein bisschen tagträume. Ich sage mir dann: 'Pass mal auf: Was du die letzten zwei Jahre erlebt hast, ist alles anderes als normal und etwas ganz Großartiges. Das darf dir keiner mehr nehmen.' Das sind Methoden, um meinen Alltag verarbeitet zu bekommen.

SPORT1: Haben Sie schon Pläne für Ihre Zeit nach der Karriere?

Gosens: Für mich steht fest, dass ich mit dem Fußball erstmal nichts mehr an der Mütze haben will, wenn das hier vorbei ist. Ich will meinen Bachelor fertigmachen und meinen Master in der Sportpsychologie drauflegen. Später möchte ich eine psychologische Praxis aufmachen, um Menschen zu helfen, die Probleme mit Druck und Angst haben. Ich bin selbst in einem Business, wo Einwirkungen von außen dazukommen. Deswegen habe ich ein gutes Gesamtpaket, um Menschen helfen zu können.

SPORT1: Das hört man nicht oft.

Gosens: Als Fußballer kann man nach der Karriere in ein großes Loch fallen. Auf einmal ist man nicht mehr berühmt und bekommt nicht mehr überall alles gratis. Ab dann muss man schauen, wo man bleibt. Daher mache ich jetzt schon etwas für meine Weiterbildung, um ein kompletterer Mensch zu werden. Ich habe gerade eine wunderschöne Zeit, sauge die Erfahrung auf, und werde dafür ewig dankbar sein. Nach der Karriere hat das Leben allerdings noch viel mehr zu bieten als nur Fußball. Es warten auf anderen Ebenen noch viele Herausforderungen. Fußball wird aber meine Passion bleiben. Auch wenn ich Rentner bin.