Google und Levi's haben eine „smarte“ Jeansjacke entworfen – hier ist meine Meinung dazu

Google designt seit Jahren real existierende Dinge. Aber wenn man einmal seine eigenen Kollektionen an Handys, Laptops, Lautsprechern, VR-Brillen, Kopfhörern und Kameras auf den Markt gebracht hat, was bleibt dann noch?

Kleidung.

Ja, Google hat sich mit Levi’s zusammengetan, um die ultimative tragbare Technologie zu erschaffen: Eine stylish aussehende Jeansjacke zu einem schwindelerregenden Preis (umgerechnet etwa 285 Euro). Sie trägt den unendlich langen Namen „Commuter Trucker Jacket with Jaquard by Google“.

Die CTJWJBG ist für einen extrem kleinen Kundenkreis gemacht: Fahrradfahrer, deren Hände den Lenker halten und nicht das Handy.

Google und Levi’s haben sich zusammengetan, um eine Jeansjacke mit Digitalfunktionen zu entwickeln.

Die schicke blaue CTJWJBG Jeansjacke sieht aus wie Levi’s traditionelle Trucker-Jeansjacke, hat allerdings einige wesentliche Unterschiede:

  • Zusätzliche Taschen an praktischen Stellen für Ihr Handy, die Sonnenbrille und alles andere. Zusätzlich zu den Brusttaschen mit zwei Druckknöpfen und den beiden normalen Seitentaschen auf Hüfthöhe gibt es auch eine mit Reißverschluss am linken Oberarm sowie Innentaschen mit Reißverschluss.
Zusätzliche Taschen bieten viel Platz für zahlreiche Geräte.
  • Reflektoren am Rücken helfen Ihnen, nachts auf der Straße aufzufallen.
  • Zusätzlicher Stoff am Rücken, um die Hüften zu bedecken, wenn Sie sich auf Ihrem Fahrrad nach vorne lehnen, damit sie der Welt nicht Ihren Fahrradfahr-Hintern zeigen.
Die Rückseite hat Reflektoren und zusätzlichen Stoff.
  • Ein kleiner Schlitz für das Snap Tag. Gleich mehr dazu. 

Der größte Unterschied ist allerdings nicht sichtbar. Auf der Oberfläche des linken unteren Ärmels hat Levi’s leitende, berührungsempfindliche Fäden verwoben, die von Google nur für diesen Zweck entwickelt wurden. Im Prinzip verwandeln Sie Ihren linken Jackenärmel in ein Touchpad für einfache Berührungen und Gesten – trotzdem bleibt die Jacke beweglich und, was noch wichtiger ist, waschbar. (Levi’s sagt, die CTJWJBG ist die erste tragbare Technologie in der Gecshichte, die waschbar ist.)

Leitende, berührungsempfindliche Fäden sind in den linken unteren Jackenärmel eingewoben.

Ganz offensichtlich braucht so ein Ärmel-Touchpad (Touchpad-Ärmel?) Strom und Schaltkreise. Dafür hat Google ein beeindruckend dünnes, bewegliches, 13 cm großes Gummi-Band entwickelt, das sich Snap Tag nennt. Es enthält die Batterie, Bluetooth, einen Vibrationsmodus, ein LED-Licht und Silikon. Wenn Sie das Tag laden müssen (oder die Jacke waschen wollen), dann lösen Sie es einfach ab. Ein Ende kann per USB zum Laden mit dem Computer verbunden werden und eine Ladung hält locker zwei Wochen. Sie können das Snap Tag ganz leicht mit einer Hand wieder an der Jacke anbringen: Ein Ende kommt in einen kleinen Schlitz im Ärmel, das andere Ende verbindet sich ganz einfach mit dem Ärmel.

Um das Snap Tag zu laden, ziehen Sie es aus der Jacke und stecken es in einen USB-Steckplatz Ihres Computers.

Die Funktionen

Wenn Sie die Jaquard App für Android oder iPhone heruntergalden haben und das Snap Tag mit Ihrem Handy verbunden haben, kann es losgehen.

Mit Ihrer rechten Hand können Sie vier verschiedene Bewegungen auf dem Ärmel-Touchpad ausführen: Doppeltipp, nach oben Wischen (weg von Ihrer Hand), nach unten wischen oder den Ärmel vollständig bedecken.

Über die App können Sie steuern, was diese Gesten bedeuten (also das Wischen und Tippen, aber wenn Sie es vollständig bedecken, dann bedeutet das immer „alles beenden“). Hier sind Ihre Optionen:

  • Musik abspielen/pausieren. Dieser Trick, wie die meisten Funktionen der Jacke, geht davon aus, dass Sie Kopfhörer tragen, die mit Ihrem Handy verbunden sind.
  • Nächster Titel/vorheriger Titel.
  • Diesen Song benennen. Sie hören den Namen des Songs und des Künstlers, die in Ihre Kopfhörer gesprochen werden.
  • Nächster GPS-Befehl. Zum Beispiel: „Biegen Sie an der Kreuzung in drei Kilometern links ab.“
  • „Sie werden in 20 Minuten ankommen.”
  • Zeitansage.
  • Vorlesen der eingehenden Nachricht.
  • Finden Sie Ihr Handy. Ihr Handy wird mit einem bestimmten Klingelton läuten, so lange es sich im Umkreis von ungefähr neun Metern der Jacke befindet.
  • Zählen. Seltsam, aber nett: Jedes Mal, wenn Sie diese Geste ausführen, fügen Sie einer laufenden Zählung einen mehr hinzu. Sie können Gäste zählen, die in die Bar kommen oder wie oft ein Kabarettist ein bestimmtes Wort sagt oder Vögel zählen – alles, was Sie wollen.
  • Aufleuchten. Damit aktivieren Sie die LED am Knopf des linken Ärmels.
Die drei Ärmel-Gesten zu programmieren ist sehr einfach.

Zusätzlich zu diesen individuell einstellbaren Gesten bedeutet ein Doppeltipp immer „Anruf annehmen“ (oder „Anruf beenden“). Wenn Sie gerade in die Pedale treten und einen Anruf erhalten, vibriert Ihr Handgelenk, der linke Snap leuchtet auf und wenn Sie dann auf Ihr linkes Handgelenk doppeltippen, dann können Sie den Anruf entgegennehmen.

Und den gesamten Schaft zu bedecken, bedeutet immer „Pausiere alles“. Musik pausiert, Anrufe sind stumm.

Alle diese Gesten funktionieren fehlerfrei. Ich meine, die Jacke und das Handy reagieren umgehend und ohne Probleme, jedes Mal. Was das angeht, haben Google und Levi’s wirklich einen guten Job gemacht.

Aber denken Sie daran: Sie können nur drei dieser Gesten wählen! Wenn Sie das Wischen einstellen für nächster/vorheriger Titel und das Doppeltippen für Play/Pause, dann können Sie weder die GPS-Funktion noch die Suchfunktion, das Zählen oder die Leuchtfunktion nutzen (zumindest nicht, ohne zuerst in der App die Einstellungen zu ändern).

Diese Beschränkung bedeutet, dass die CTJWBG ein ziemlich teures Zirkuspferd ist, das nur drei Tricks beherrscht.

Und es hat Konkurrenz. Denn Sie können bereits Ihre Musik über Knöpfe am Kopfhörerkabel kontrollieren – dafür braucht man keine Jacke. Und wenn Sie kabellose Kopfhörer haben, die auf Spracheingaben reagieren, wie Apples Airpods oder Googles Pixel Buds (sie kosten nur die Hälfte der Jacke), können Sie all das mit Ihrer Stimme regeln. Was das betrifft, fühlt sich die Jacke wie ein netter, aber irgendwie unnötiger Luxus an.

Die Zukunft

Google und Levi’s sind sich des Erfolgs/Misserfolgs durchaus bewusst, den sie in ihren Händen halten. „Die ist ein Pilotprodukt, nicht die finale Umsetzung“ der Idee, erzählte mir ein Manager.

Google hat bereits seit der Einführung der Jacke vergangenen Herbst neue Funktionen in der App hinzugefügt und Levi’s seinerseits sagt, man sei sehr daran interessiert, dieses Konzept fortzuführen. „Derzeit haben wir einen Berührungssensor, aber wir könnten mehr Sensoren hinzufügen: einen Temperatursensor, Heizplatten, Bewegungssenoren – alles ist möglich. Diese Jacke ist ein erster Schritt“, sagt ein Levi’s Sprecher.

Er betonte auch, dass „wir zum ersten Mal in der Geschichte der Kleidung Einblicke erhalten, wie sie genutzt wird. Wir bekommen einen Eindruck davon, welche Gesten, welche Funktionen die Leute am meisten nutzen.“

Ja, genau: Diese Jacke sammelt Daten über Sie. Was haben Sie von einem Google-Produkt erwartet?

(Das Unternehmen betont, dass diese Daten gesammelt und anonymisiert werden – sie verfolgen nicht Sie, sondern alle Jackenkäufer als Gruppe.)

Eine nicht-digitale Levi’s Trucker Jacke kostet normalerweise $90 (73 Euro) – tatsächlich kostet sie derzeit nur $70 (57 Euro). Das Hinzufügen der smarten Funktionen durch Google hat den Preis also mehr als verdreifacht.

Ganz offensichtlich werden nicht viele Leute diese Jacke zu diesem Preis kaufen und das sollten sie auch nicht. Aber das ist okay für Google und Levi’s. Ihr Ziel war nicht, einen Bestseller zu entwerfen, sondern ein Versuchsprodukt, um den ersten Schritt hin zu digitaler Kleidung der Zukunft zu machen. Und was das angeht, kann man ziemlich sicher sagen, dass das CTJWJBG-Experiment ein hervorragend designter, fehlerfrei funktionierender Erfolg ist.