Google startet Großoffensive im Mobile Payment in Indien


Eine Rikscha-Fahrt in Indien wird oft nicht mehr mit Cash bezahlt: Stattdessen scannen die Passagiere nach der Fahrt einfach einen am Fahrzeug angebrachten QR-Code ein – und bezahlen mit der in Indien mittlerweile allgegenwärtigen Bezahl-App PayTM.

Mit seiner radikalen Bargeld-Reform im vergangenen November hat Regierungschef Narendra Modi bei den digitalen Bezahlanbietern Euphorie verbreitet: Über Nacht erklärte er die meisten Scheine für ungültige Zahlungsmittel. Modi hatte im November 2016 kurzerhand Geldscheine im Wert von 500 und 1000 Rupien zu unzulässigen Zahlungsmitteln erklärt – und damit rund 86 Prozent des Bargeldes aus dem Verkehr gezogen. Mit dem Schritt sollte die grassierende Schattenwirtschaft in dem Land bekämpft und Transparenz geschaffen werden: Die Inder sollten ihr Geld auf Konten einzahlen und nachweisen, ob sie das Geld jemals versteuert hatten. Neben Kreditkarten waren Apps wie PayTM der Rettungsanker für Millionen verzweifelte Inder.


Mittlerweile sind zwar wieder ausreichend Bargeld-Scheine im Umlauf. Dennoch greifen die Inder nun immer häufiger zum Smartphone statt zum Portemonnaie. Von diesem Trend wollen künftig auch die großen US-Konzerne profitieren. Diese Woche ist Google mit seiner Bezahl-App Tez an den Start gegangen. In einem gemeinsamen Bericht mit der Unternehmensberatung Boston Consulting Group rechnet Google vor, dass sich digitale Bezahlvorgänge bis 2020 jährlich auf rund 500 Milliarden US-Dollar summieren werden.

Unterstützt werden die Konzerne dabei von der indischen Regierung. Sie versucht auch nach der radikalen Maßnahme Modis, den Gebrauch von Bargeld schrittweise zu reduzieren. Bei der Präsentation der neuen Google-App stand etwa Indiens Finanzminister Arun Jaitley auf der Bühne. „Mit so einer komfortablen Applikation wird das, was einst Zwang war, zu einer komfortablen Angelegenheit“, sagte er im Hinblick auf den brachialen Schritt seines Regierungschefs.


Was den digitalen Zahlungsverkehr betrifft, ist der indische Staat eine enge Allianz mit der Wirtschaft eingegangen: Die drastische Reduktion von Bargeld und der damit verbundene Kampf gegen Steuerhinterziehung kommt den großen Technologie-Konzernen sehr gelegen: Anhand der Zahlungsströme lassen sich Kundenpräferenzen noch einfacher erkennen.

Angesichts des eigenen Interesses an einer weiter fortschreitenden Digitalisierung von Bezahlprozessen macht es der Staat den Unternehmen einfach. Caesar Sengupta, Chef von Googles Schwellenländer-Programm „The next Billion“-Initiative, geht davon aus, dass Indien im digitaler Zahlungsverkehr „den Westen bald überholen wird“. Google-Chef Sundar Pinchai twitterte, die neue App sei Googles Beitrag zur Digitalisierungsinitiative des Regierungschefs.


Konkurrenz aus dem Lokalen

Für die neue App Tez (zu deutsch: “schnell”) greift der amerikanische Konzern auf das sogenannte Unified Payments Interface (UPI) der indischen Regierung zurück. Die Plattform wurde erst vergangenes Jahr geschaffen und soll Zahlungen per Handy erleichtern.

Indem Google die Plattform nutzt, kann es einen anderen Service anbieten als klassische E-Wallets, wie beispielsweise Paypal. Bei E-Wallets muss der Kunde erst sein Konto beim Anbieter aufladen. Beim Bezahlen wird der Betrag wieder abgebucht. Per UPI können Kunden dagegen per Handy eine Überweisung direkt von ihrem Bankkonto auf ein anderes erledigen. Bisher haben sich bereits mehr als 50 indische Banken dem UPI-System angeschlossen.


Gebühren erhebt Google für den Service nicht. Das Unternehmen dürfte mithilfe des Angebots jedoch an interessante Kundendaten für sein Werbegeschäft kommen. Im Bericht erklärt der Konzern: „Zahlungsdaten ermöglichen Zahlungsdienstleistern relevante Deals, Angebote und Rabatte anzubieten, um Kundenentscheidungen zu beeinflussen.“ Google kann in Indien bereits auf eine breite Kundenbasis zurückgreifen: Rund 96 Prozent aller Smartphones laufen über das Google-Betriebssystem Android. Tez soll künftig zudem auf zahlreichen Handys auf dem indischen Markt vorinstalliert sein.

Allerdings wird das Unternehmen wohl nicht mehr lange das einzige US-Tech-Unternehmen bleiben. Auch bei Facebooks Messenger-Dienst Whatsapp laufen indischen Medienberichten zufolge bereits Vorbereitungen für einen Bezahlservice, der ebenfalls über die UPI-Plattform laufen soll. Der Chat-Service hat rund 200 Millionen Nutzer in Indien.


Die größte Konkurrenz kommt von einem lokalen Wettbewerber. Das indische Startup PayTM hat die Cash-Knappheit nach der Bargeldreform exzellent genutzt und seinen Kundenstamm innerhalb weniger Monate auf über 225 Millionen gesteigert. Gründer Vijay Shekhar Sharma wird bereits als „König der Demonetarisierung“ bezeichnet.

Angesichts des Erfolgs konnte das Unternehmen bereits Geld von ausländischen Investoren einsammeln, etwa vom japanischen Telekommunikationskonzern Softbank oder vom chinesischen Onlinehändler Alibaba. Allein Softbank investierte im Mai rund 1,4 Milliarden US-Dollar. Das frische Kapital will der Gründer allerdings für eine altmodisch erscheinende Expansion nutzen. Künftig sollen die Nutzer über seine App in eines der ältesten Zahlungsmittel der Welt investieren können: Gold.