Google und Facebook steigen in den Hausbau ein

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Google und Facebook steigen in den Hausbau ein

Der Hausbau ist eine der letzten analogen Bastionen. Doch nun will das Silicon Valley das Geschäft übernehmen und Smart Homes anbieten.


Smart Home. Das hört sich putzig an – nach „intelligenten“ Lautsprechern, einem Türöffner mit Videokamera oder einer Internetanbindung, der Heizungs- und Lichtsteuerung per App oder dem unvermeidlichen Kühlschrank mit Flatscreen, der die Milch nachordert, wenn sie ausgeht.

Gerade erst hat Amazon wieder mit der Akquisition des Türöffner-Start-ups „Ring“ für Aufsehen gesorgt. Der Kaufpreis soll bei rund einer Milliarde Dollar gelegen haben und im Nachgang wurde auch gleich der Verkauf des Konkurrenzprodukts Nest von Google über Amazon ausgesetzt. Ring war witzigerweise ein Start-up, das 2013 von den Experten der TV-Show „Shark Tank“ abgelehnt wurde, als sie 700.000 Dollar für zehn Prozent ihrer Firma haben wollten. So viel zu TV-Experten.

Jetzt übernehmen Google & Co: Der Kampf der Valley-Giganten endet dabei weder an der Türe, noch im Schlaf- oder Kinderzimmer. Getreu dem Motto „Go big or go home“ ist das Smart Home nicht perfekt, wenn es nicht komplett im Silicon Valley entworfen, geplant und gebaut worden ist. Die Digitalisierung macht endgültig nicht mehr vor der Bauindustrie halt, die sich lange erfolgreich gegen Modernisierung des Ein- und Mehrfamilienhauses gewehrt und jede Steckdose extra abgerechnet hat.

Der Probelauf hat schon begonnen: Google wird 10.000 Wohneinheiten in der Nähe seines neuen Firmensitzes in Mountain View errichten, die Bauanträge sind im Dezember genehmigt worden. Facebook baut einen ganzen Stadtteil neben der Erweiterung des Firmensitzes in Menlo Park.

Eines der acht Bauunternehmen, die Google angesprochen haben soll, ist Katerra. Das kaum bekannte Start-up aus Menlo Park stellt Modulhäuser und Wohnungen her und hat im Januar eine gigantische Kapitalspritze von 865 Millionen Dollar des japanischen Investors Softbank bekommen. Die Risikokapital-Datenbank CB Insights meldete für 2017 insgesamt rund 169 Millionen Dollar in 25 Bau-Start-ups.

Katerra will den Bauprozesses durch integrierte Planung und Konstruktion deutlich beschleunigen – bis hin zum Innendesign und der Anlieferung der Elemente an einem Fließband. Mit effizienter Produktion kennt sich das Unternehmen aus. CEO Michael Marks war nicht nur lange Partner bei KKR, sondern auch CEO von Flex, einem bekannten Auftragsfertiger für elektronische Bauteile.

Acre aus Mountain View bietet schlüsselfertige Häuser mit kompletter Ikea-Küche, Solarenergieversorgung, integrierten „Nest“-Kontrolleinheiten, Tesla Powerwall- Akkus, Sonos Audio, smarten Türschlössern, integriertem Mesh-Wifi und vielem mehr ab 675.000 Dollar an. Der Aufbau soll nur wenigen Tage dauern, verspricht der Anbieter. Die Digitaltechnik wäre beim Hausbau nicht mehr Anhängsel, sondern integrierter Bestandteil von Anfang an.


Andere Anbieter setzen auf Modulhäuser, die teilweise sogar transportabel sind. Die Wohnmodule werden in Hausgerüste mit Basistechnik wie Wasser- und Stromversorgung oder Aufzüge eingehängt. Beim Umzug werden die Module auf Sattelschlepper verladen und in Modul-Skelette in einer anderen Stadt integriert und angeschlossen.

Selbst die Mitwohnplattform Airbnb aus San Francisco wartet nicht mehr auf die Bauindustrie, sondern zieht in Zusammenarbeit mit Immobilienentwicklern eigene Airbnb-Appartementanlagen hoch. Die Wohnungen haben beispielsweise große abschließbare Safes für Wertsachen, wenn der Eigentümer verreist und die Wohnung vermietet. In der Lobby gibt es einen Empfang, der Schlüssel rausgibt und entgegennimmt, Gepäck aufbewahrt. Die Abrechnung und Reinigung der Einheiten wird ebenfalls zentral gesteuert.

Sidewalk Labs, eine Tochter der Google-Holding Alphabet, hat mit der Stadt Toronto einen Rahmenvertrag über ein 3,2 Quadratkilometer großes Filetgrundstück der kanadischen Metropole geschlossen, bei dem die Wohneinheiten praktisch um smarte Technologien herumgebaut werden. Bosch ist einer der Partner des Stadt San Francisco bei der kompletten Neuentwicklung des „Dogpatch“ genannten alten Industrieviertels an der Bucht von San Francisco, das zu einem Vorzeigestadtteil des 21. Jahrhunderts werden soll.

Das ultimative Ziel ist dabei gar nicht mehr so weit weg, wenn man bedenkt, dass Silicon-Valley-Technik schon bald die Reise zum Mars ermöglichen soll. Die Techies wollen ihre eigenen Städte, gebaut und verwaltet nach ihren Vorstellungen. Oder wie Google-Gründer Larry Page einmal sagte: Sein Traum wäre eine Insel ganz ohne Regulierungen, wo man noch mal ganz von vorne anfangen könne.


Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.