Google Clips setzt künstliche Intelligenz ein, um Bilder Ihrer Kinder und Haustiere zu machen – irgendwie

Ja, Google produziert immer wieder mal wirklich bizarre Geräte. (Erinnern Sie sich noch an das Nexus Q, Googles sozialen Streaming Player? Ich auch nicht.)

Nun hat es das Unternehmen schon wieder getan: Google Clips ist das bisher seltsamste Gerät (etwa 210 Euro).

Es ist eine dünne Kamera, die knapp fünf Zentimeter hoch ist und Eigenschaften einer Spionage-Kamera, einer GoPro-Kamera sowie einer Handykamera vereint.

Googles neuestes Gerät ist eine seltsame AI Kamera.

Die Clips ist für Eltern (von Kindern oder Haustieren) entwickelt worden. Selbstverständlich haben wir alle gut funktionierende Handykameras – sogar bessere Kameras. Aber nur das Handy zu nutzen, bringt einige Probleme mit sich:

  • Man hat nie Bilder von sich mit dem Kind oder Haustier.
  • Babys und Kleinkinder hören oft mit der niedlichen Sache auf, die sie gerade tun, wenn sie bemerken, dass Sie Ihr Handy zücken, denn es ist ziemlich groß und eine Ablenkung.
  • Man kann nie wissen, wann das Kind oder Haustier etwas Niedliches tut und die Chancen sind ziemlich hoch, dass Sie es verpassen.
  • Wenn Sie so viel Filmen und Fotografieren, dass Sie nichts verpassen, dann haben Sie endlos Material, das Sie bearbeiten müssen.
  • Alle Fotos und Videos Ihres Kindes sind aus dem gleichen Winkel gemacht: Ihrer Größe.

Die Clips ist gerade dick genug, dass sie auf der Kante stehen kann. Im Lieferumfang ist außerdem eine gummiartige Halterung/ein Gehäuse enthalten, die entweder als Ständer oder als Halterung an Kleidungsstücken eingesetzt werden kann, damit Sie coole Blickwinkel für Ihre Aufnahmen erhalten (der Name „Clips“ ist eine Anspielung auf die gummiartige Clip-Halterung sowie auf die kurzen Videos, die die Kamera aufnimmt. Mehr dazu gleich.)

Die Clips hat ein Silikon Clip-Gehäuse.

Wenn etwas Niedliches passiert, holen Sie die Clips heraus, drehen die schwarze Linse, um sie anzuschalten und stellen sie (oder befestigen sie) in einem Abstand von einem bis zweieinhalb Meter vom Geschehen.

Zu diesem Zeitpunkt drückt natürlich niemand auf den Auslöser und es gibt auch keinen Selbstauslöser. Stattdessen nutzt die Kamera – das ist es, womit die Clips wirbt – künstliche Intelligenz, um zu entscheiden, was und wann aufzunehmen ist. Was immer sie aufnimmt, wird auf Ihrem Handy in der Clips-App angezeigt (iPhone oder Android).

Die Kamera lernt angeblich mit der Zeit, wer zu Ihrer Familie gehört, indem sie erkennt, welche Gesichter am häufigsten zu sehen sind. (Die Fähigkeit der Kamera, Menschen, Hunde und Katzen zu erkennen, wird durch die AI ermöglicht, die Google Photos verwendet. Ich habe tatsächlich schon Google Photos verwendet, um Personen zu taggen und die Clips behandelt diese Personen als bekannte Gesichter und bevorzugt sie bei den Aufnahmen.

Aber die Kamera hat auch einen Knopf, mit dem Sie manuell Porträts machen können – in der Art „Dies ist eine Person, die mir wichtig ist“.

Clips und Datenschutz

Wenn Sie einmal die Linse an der Clips angeschaltet haben, überwacht sie den Raum drei Stunden lang, wenn Sie voll aufgeladen ist. Eine LED-Lampe blinkt, um Ihnen anzuzeigen, dass die Kamera aktiv ist, aber es gibt kein Anzeichen, was sie tatsächlich aufnimmt.

Eine Kamera, die selbst entscheidet, was sie aufnimmt und einem nicht anzeigt, wenn sie filmt, ist definitiv merkwürdig. Aus diesem Grund hat sich Google größte Mühe gegeben, um den Schutz Ihrer Daten zu gewährleisten:

  • Diese Kamera ist nicht mit dem Internet verbunden – sie kann nicht verbunden werden. Der gesamte AI-Lernprozess wird direkt in der Kamera durchgeführt, nicht auf irgendwelchen Cloud-Servern. (Google sagt, dass diese Funktion, künstliche Intelligenz in einem so winzigen Gerät zu verbauen, ein großer Fortschritt ist. So eine Kamera hätte es vor einigen Jahren noch nicht geben können – so viel Rechnerleistung hätte den Akku in wenigen Sekunden entladen.) Die einzige Verbindung besteht zu Ihrem Smartphone.
  • Die Fotos sind auf der Kamera verschlüsselt. Wenn jemand sie klaut, hat er keinen Zugriff auf die gemachten Aufnahmen.
  • Die Kamera nimmt mit den Videos keinen Ton auf.

Oh je, das ist ein Minuspunkt. Kein Ton? Also was nimmt sie denn dann auf? Wie so vieles andere rund um die Clips benötigt auch dieser Teil etwas Erklärung.

Die App

Die Clips schießt schnell hintereinander 105 Fotos, die sie zu etwas zusammenfügt, das Google ein Motion Photo nennt – im Prinzip ein sieben Sekunden langes Videoclip. Eines, das mit recht ruckeligen 15 Bildern pro Sekunde abgespielt wird (zum Vergleich: das Fernsehen zeigt 30 Bilder pro Sekunde).

Seltsam, oder?

Was beeidnruckend ist, ist die Schnelligkeit, mit der die Kamera neue Aufnahmen an die verknüpfte Clips App auf Ihrem Handy schickt (sie nutzt eine private WLAN-Direktverbindung).

Was Sie noch in der App tun können:

  • Sie sehen eine Live-Vorschau der Kameraausrichtung, denn die Kamera selbst hat keinen Bildschirm.
  • Sie können eine Aufnahme manuell auslösen.
  • Sie können schnell und effizient durch Ihre Aufnahmen scrollen: Wischen Sie nach links, um eine zu löschen, wischen Sie nach rechts, um Sie in Ihrem Kamera-Archiv auf dem Handy zu speichern. Auf dem iPhone wird sie dann zu etwas, das Apple ein Live Photo nennt – ein Standbild, das einen dreisekündigen Videoclip abspielt, wenn man es mit dem Finger antippst. (In diesem Fall hat das Live Photo einen siebensekündigen Videoclip, was die raffinierte Programmierung von Google beweist.) Auf einem Android-Handy bleibt es ein Motion Photo.
  • Sie können Sie ein Video kürzen oder zuschneiden.
  • Sie können eine Aufnahme des Videos als Foto wählen, auch wenn es oft vorkommt, dass diese verschwommen sind.
Standbilder, die Sie aus den Clips-Videos extrahieren, zeigen oft verschwommene Bewegungen.
  • Sie können die künstliche Intelligenz der App nutzen, um automatisch eine Untergruppe der Aufnahmen – die „Besten“ – zu erstellen.
  • Sie können die Einstellungen korrigieren, damit die Kamera häufiger oder seltener Aufnahmen macht.

Die App ist wirklich gut. Die Fotos dagegen sind eine andere Geschichte.

Was Sie bekommen

Trotz der coolen Idee einer AI-Kamera sind die Ergebnisse enttäuschend.

Die Fotos sehen nicht so gut aus wie die, die Sie mit Ihrem Smartphone machen. Bei wenig Licht sind sie körnig, in Räumen kommt es oft zu Bewegungsunschärfe.

Die Kamera hat eine Weitwinkellinse (130 Grad) mit fester Brennweite. Als Resultat ist alles, was näher als einen Meter ist, verschwommen und alles, was weiter als 2,5 Meter entfernt ist, sieht wirklich winzig aus. Und alles, was nah am Bildrand ist, wird seltsam verzerrt und entstellt.

Anmerkung an kraniofaziale Chirurgen: Mit Codys Kopf ist alles in Ordnung. Daran ist nur die Clips-Kamera schuld.

Das größere Problem ist jedoch, dass die künstliche Intelligenz nicht besonders gut funktioniert. Die Kamera nimmt Sachen auf, okay, aber ich bin mir nicht sicher, ob die künstliche Intelligenz an Ihre Intelligenz herankommt.

Ich habe einen Morgen mit meinem süßen fünf Monate alten Freund Cody und seiner Mutter Lauren verbracht. Die Clips hat viele niedliche Aufnahmen gemacht – aber nicht immer tolle. An einem Punkt schaffte es Cody, sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen. „Gut gemacht!“, freute sich seine Mutter. „Hat sie das aufgenommen?“, fragte sie mich.

Nein, hatte sie nicht.

Bei mir zu Hause liebe ich es, Wilbur, the Wonder Cat, Leckerlis zuzuschmeißen. Er schlittert wie wild geworden über den rutschigen Boden und stürzt sich dann auf das Leckerli und rutscht urkomisch noch ein zwei Meter weiter. Ich habe Clips an einer guten Stelle für die Landung angebracht und habe die Leckerlis mehrfach in diese Richtung geworfen. Aber Clips schaffte es nicht, Wilbur beim Schlittern aufzunehmen.

Und dann ist da auch die elementare Frage, ob man dem Aufnahmemodus trauen kann. Ja, die Kamera nutzt künstliche Intelligenz, aber was bedeutet das?

Google sagt, die Kamera wartet auf die richtige Kombination von Beleuchtung, Bildaufbau und lächelnden Gesichtern. Aber möchte man wirklich Fotos (oder stumme Videoclips) nur von den glücklichen Momenten des Lebens? Ist es möglich, dass man manchmal auch traurige Momente festhalten möchte – zum Beispiel den tragischen Moment, wenn die Eiscreme des Vierjährigen aus der Waffel fällt? Googles AI würde das nicht aufnehmen (Das Unternehmen sagt, es plant in einem künftigen Update, dass man die emotionale Stimmung per Einstellung wählen kann.)

Ich liebe die Idee einer Kamera, die künstliche Intelligenz einsetzt, um gute Sachen festzuhalten. Und ich liebe die neuen Möglichkeiten von Winkeln und Positionen, von der aus mit der Clips aufgenommen werden kann.

Sie können die Clips-Kamera an Orten und Winkeln anbringen, wo Ihr Smartphone nie funktionieren würde.

Aber ich bin trotzdem nicht von den Clips der Clips überzeugt.

Man bezahlt fast 210 Euro für eine Kamera, die weder Standaufnahmen noch Videos mit Ton machen kann. Sie funktioniert nicht als „Umgebungskamera“ wie eine Sicherheitskamera, die die ganze Zeit aufnimmt. Sie funktioniert auch nicht als GoPro-artige Kamera und sie hat einen extremen Weitwinkel, der, wenn Sie die Kamera zum Beispiel an Ihrem Körper befestigen, die Videos nicht anschaubar ruckelig macht. Und die AI funktioniert nur mittelmäßig.

Ich bin froh, dass Google das Clips-Experiment gewagt hat, denn da stecken einige wirklich gute Ideen drin und echte Probleme, die gelöst werden können. Aber ich denke nicht, dass Sie sie kaufen sollten.

David Pogue