Goldnachfrage fällt auf Acht-Jahres-Tief


Die geopolitischen Krisen scheinen in diesem Jahr ein unrühmliches Comeback zu geben: Die verschärften Spannungen zwischen Nordkorea und den USA, zunehmende Unsicherheit, ob die USA das Atomabkommen mit dem Iran doch wieder gänzlich aufkündigen können und die neuerliche Spannungen am Persischen Golf, hinter denen vor allem der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran steckt: Gründe für einen Preisauftrieb beim Krisenmetall gäbe es genug. Allein: So richtig stark reagiert der Goldpreis nicht. Nach den jüngsten Spannungen am Persischen Golf seit dem Wochenende etwa verteuerte sich das Edelmetall gerade einmal um 1,3 Prozent auf 1285 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Seit Jahresbeginn steht zwar ein Plus von fast 12 Prozent, welches sich jedoch vor allem auf den schwächeren US-Dollar, das wichtigste Gold-Pendant, zurückführen lässt.

Die jüngsten Daten des World Gold Council, eines Lobbyverbandes für Gold, zeigen, warum der Goldpreis zuletzt kaum vom Fleck kam: Die Nachfrage nach dem Edelmetall war zwischen Juli und September so schwach wie seit acht Jahren nicht mehr. „Hinter uns liegt ein ziemlich herausforderndes Quartal“, urteilt John Mulligan, Direktor des World Gold Councils, denn auch unumwunden. Zwei Entwicklungen macht er als Hauptursachen aus: Erstens in der von stärkeren Regeln und Besteuerung gebeutelten Nachfrage in Indien. Das Land ist nach China in absoluten Mengen der zweitstärkste Nachfrager. Doch sowohl beim Schmuck als auch bei privaten Investments brach der Markt zuletzt ein. Zweitens verschmähten Investoren zuletzt das Krisenmetall – trotz der geopolitischen Spannungen. Die Zahlen passen zu den Analysen von Thomson Reuters GFMS, die ebenfalls ein schwaches Quartal bescheinigten.


„Die Investoren haben sich eindeutig auf die stark steigenden Aktienmärkte fokussiert”, sagt Mulligan. Zwar kauften sie auch Gold, mit 180 Tonnen hat sich die Nachfrage in diesem Jahr bis Ende September im Vergleich zum Vorjahr aber geviertelt.

Immerhin: So ganz weg sei das Interesse nicht. Die Investoren mögen für den Moment etwas Gold-müde sein. Die Geopolitik könnte dies aber ändern. Schon im August und September, als die verbale Auseinandersetzung zwischen Nordkorea und den USA tobten, sei die sonst in diesem Jahr schwache Nachfrage aus den USA deutlich angezogen. In beiden Monaten zusammen hätten US-Investoren 90 Tonnen gekauft und damit die 60 Tonnen schweren Verkäufe aus dem Juli mehr als wettgemacht.

„Der Goldpreis steigt nur, wenn wir wieder mehr Krisen bekommen“, erklärte Eugen Weinberg, Rohstoff-Fachmann bei der Commerzbank, vor wenigen Tagen auf der Edelmetallmesse in München. Mit den zunehmenden Spannungen am Persischen Golf ist zumindest ein leichter Preisanstieg und damit eine Reaktion auf die Geopolitik zu erkennen, wenn auch noch schwach ausgeprägt. Nach einem Raketenbeschuss von jemenitischen Huthi auf die saudische Hauptstadt Riad warfen die Saudis dem Iran die Unterstützung der Gruppe und einen „Kriegsakt“ vor. Saudi-Arabien führt seit 2015 eine militärische Intervention im Jemen.

Keiner weiß, ob sich die Wogen glätten werden oder nicht. Entsprechend unsicher ist der Einfluss aus heutiger Sicht auf den Goldpreis.


Deutsche kaufen eifrig zu


Inmitten einer schwachen Nachfrage gibt es aber durchaus Hotspots – und das sind überwiegend Altbekannte. In China, dem wichtigsten Goldmarkt, ist die Nachfrage sowohl nach Goldschmuck (plus 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) als auch nach Goldinvestments (plus 57 Prozent) im vergangenen Quartal stark gestiegen. Auch die Zentralbanken in Russland, Türkei und Kasachstan kaufen weiter Gold im großen Stil.

In die Reihe der Goldfans reihen sich einmal mehr auch die deutschen Privatinvestoren ein. Deren Nachfrage ist mittlerweile so robust, dass der World Gold Council erst vor Kurzem eine Sonderpublikation unter dem Titel „Das Goldene Deutsche Jahrzehnt“ herausgab. An den Käufen pro Kopf gemessen deckte sich keine andere Nation im vergangenen Jahr so stark mit dem Edelmetall ein wie die Deutschen. Allein zwischen Juli und September kauften sie 25,1 Tonnen des Edelmetalls – und damit 45 Prozent mehr als 2016.


Ein Maßstab für die weltweite Nachfrage sei dies freilich nicht. Und so bleibt Mulligan, was den Ausblick angeht, zurückhaltend: Ob es bald wieder aufwärts geht hänge maßgeblich davon ab, ob Indiens Goldkäufer zurück in die Spur finden.
James Butterfill, Leiter der Analyseabteilung beim Fondshaus ETF Securities, sieht indes die Politik stärker in den Fokus rücken: „Sofern die geopolitischen Risiken in Nordkorea und im Mittleren Osten anhalten, sehen wir kaum Verlustpotenziale.“ Dann könnte Gold seine Stärke als Krisenwährung wieder voll ausspielen – wenn Investoren zuschlagen, um ihr Portfolio gegen drohende Kursverluste abzusichern.

KONTEXT

Die globalen staatlichen Goldreserven

Hintergrund

Die Daten des Internationalen Währungsfonds zeigen die Goldreserven ausgewählter Staaten (in Tonnen) zum Jahresende 2016. Die Statistik legt außerdem offen, wie groß der Anteil des Goldes an den gesamten staatlichen Währungsreserven ist. Viele Länder bunkern neben Gold große Devisenbestände, etwa in US-Dollar oder in Euro.

USA

Bestand: 8133,5 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 73,8 Prozent

Quelle: World Gold Council

Deutschland

Bestand: 3779,9 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 67,6 Prozent

Frankreich

Bestand: 2435,8 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 61,5 Prozent

China

Bestand: 1842,6 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 2,2 Prozent

Schweiz

Bestand: 1040,0 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 5,6 Prozent

Russland

Bestand: 1615,2 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 15,2 Prozent

Indien

Bestand: 557,8 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 5,7 Prozent

Großbritannien

Bestand: 310,3 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 8,5 Prozent