Goldener Handschlag: Mehr als 3.500 Daimler-Mitarbeiter haben Abfindungen von bis zu 400.000 Euro angenommen

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Mitarbeiter von Mercedes-Benz verbinden bei der sogenannten "Hochzeit" ein Motor mit der Karosserie einer S-Klasse.
Mitarbeiter von Mercedes-Benz verbinden bei der sogenannten "Hochzeit" ein Motor mit der Karosserie einer S-Klasse.

In der Daimler Zentrale in Stuttgart-Untertürkheim ist dieser Tage viel los. Der Konzern teilt sich in diesem Jahr in zwei, die komplette Modell-Palette bei Mercedes soll elektrifiziert werden – und dann ist da noch das Problem mit dem Mangel an Halbleitern, das für Produktionsengpässe und Kurzarbeit bei dem Unternehmen mit dem Stern sorgt. Das sind viele Baustellen gleichzeitig, die je hohe Investitionen erfordern und Kapazitäten binden.

Daimler-Chef Ola Källenius hat aus diesem Grund im vergangenen Jahr ein üppiges Abfindungsprogramm vorgestellt, das, wie er sagt, auf „doppelter Freiwilligkeit“ beruht. Will beispielsweise ein Ingenieur das Abfindungsprogramm annehmen, muss auch sein Vorgesetzter zustimmen. Keiner geht, den Daimler halten will – so die Argumentation von Källenius. In Wirklichkeit sieht das aber anders aus, berichten Unternehmens-Insider. Wenn jemand gehen will, dann geht er auch.

Und das Abfindungsprogramm ist üppig. Ein Ingenieur, der Anfang 40 ist und nach dem Studium bei den Stuttgartern angeheuert hat, kann auf eine Abfindung von bis zu 400.000 Euro hoffen. Das sind Summen, von denen man in anderen Branchen träumt. Mittlerweile haben mehr als 3.500 Mitarbeiter den goldenen Handschlag angenommen, erfuhr Business Insider aus Unternehmenskreisen.

Ein Unternehmenssprecher betonte, dass es sich bei dieser konkreten Zahl nur um einen Ausschnitt handelt, die Summe der Mitarbeiter, die das Unternehmen verlassen hätten, sei deutlich höher. In dieser Zahl sind nämlich nicht die Mitarbeiter einberechnet, die Daimler in Altersteilzeit verlassen haben oder in Rente gegangen sind. Rechnet man diese Zahl mit ein, wäre die Summe der Abgänge deutlich höher.

Auf Anfrage von Business Insider sagt der Unternehmenssprecher: „Die Automobilindustrie befindet sich in einer Restrukturierung. Für die erfolgreiche Transformation unseres Unternehmens müssen wir wettbewerbsfähig und zukunftsorientiert bleiben. Dafür sind auf der einen Seite Einsparungen bei Investitionen, Materialkosten und bei den Personalkosten notwendig.“

Im Dezember habe sich der Gesamtbetriebsrat mit der Konzernführung auf die Sparmaßnahmen geeinigt. „Daimler nutzt dazu zum einen die natürliche Fluktuation, um frei werdende Arbeitsplätze abzubauen. Zudem wurden beispielsweise die Möglichkeiten zur Altersteilzeit erweitert und in Deutschland ein Abfindungsprogramm gestartet, um Stellen insbesondere in der Verwaltung zu reduzieren. Bei diesem Programm gilt grundsätzlich die doppelte Freiwilligkeit“, sagt der Daimler-Sprecher.

Das Sparprogramm trug bereits im vergangenen Jahr erste Früchte. Im Jahr 2019 waren in Deutschland 174.000 Mitarbeiter beschäftigt, 2020 waren es nur noch 166.500 Beschäftigte. Das macht allein in diesem Zeitraum eine Differenz von 7.500 Beschäftigten aus.

Daimlers Stellenkürzung fällt in eine Zeit, in der Wettbewerber Tesla in Grünheide dringend nach gut ausgebildeten Ingenieuren sucht. Der US-Autobauer zahlt zwar niedrigere Gehälter als Daimler, VW oder BMW – lockt die Bewerber dafür mit üppigen Aktienpaketen im mittleren fünfstelligen US-Dollar-Bereich. Die Gehaltseinbußen stören die Ex-Daimler-Männer aber nicht besonders, schließlich haben sie ein dickes Abfindungspolster, auf das sie zurückgreifen können.

Business Insider hat mit Ex-Daimler-Mitarbeitern gesprochen, die zu Tesla gewechselt sind. Mit Anfang 40 haben sie die Gelegenheit am Schopf gepackt, den goldenen Handschlag der Stuttgarter angenommen, um noch einmal etwas Neues zu versuchen, sagten die Ingenieure. „Den Daimler“ fanden sie zu bürokratisch, Tesla hingegen reizend unorthodox. Vor allem die nachhaltige Ausrichtung des US-Autobauers habe ihnen gefallen.

Nun setzt aber auch „der Daimler“ in der Fahrzeugsparte auf Elektro und bei Trucks und LKWs auf die Brennstoffzelle. Der Konzern will noch vor 2039 klimaneutral werden. Ola Källenius hat jüngst die Losung ausgegeben, dass Daimler nicht mehr der Getriebene, sondern der Treibende ist. Es wird sich bald zeigen, ob die Ingenieure ihren Wechsel womöglich noch bereuen werden.

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