Glyphosat – der Anfang vom Ende

Erst wollte die EU-Kommission die Zulassung des Herbizids um zehn Jahre verlängern, dann ging sie auf sieben Jahre herunter. Dafür fand sich bei den Mitgliedstaaten keine Mehrheit. Für Deutschland ist das ein Segen.


Landwirte und Gärtner verspritzen es weltweit massenhaft, obwohl die Weltgesundheitsorganisation es als krebserregend einstuft: das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Die EU-Zulassung des von Monsanto entwickelten Herbizids läuft im Dezember aus und um die Verlängerung wird in Brüssel seit Monaten erbittert gestritten. Nun haben die Glyphosat-Gegner einen wichtigen Etappensieg errungen: Die EU-Kommission schaffte es heute nicht, im zuständigen Fachausschuss der Mitgliedstaaten eine Verlängerung der Zulassung um fünf bis sieben Jahre durchzusetzen. Ursprünglich hatte die Brüsseler Behörde sogar eine Verlängerung um zehn Jahre verlangt.

Nachdem große Mitgliedstaaten wie Frankreich sich dagegen ausgesprochen hatten, ging die Kommission auf fünf bis sieben Jahre herunter. Doch Mittwochvormittag musste die EU-Behörde feststellen, dass sie im zuständigen Expertengremium der EU-Staaten selbst dafür nicht die erforderliche qualifizierte Mehrheit gefunden hätte. Ihren Vorschlag, die Zulassung um fünf bis sieben Jahre zu verlängern, legte die Kommission deshalb in dem Ausschuss gar nicht erst vor. Daher gab es auch keine Abstimmung.

Für die Vertreter Deutschlands in dem Fachausschuss war das ein Segen. Die Bundesregierung konnte sich über das Thema Glyphosat bislang nicht einigen: Das Umweltministerium will das Mittel vom Markt nehmen, das Landwirtschaftsministerium dagegen weiter zulassen. Welche Haltung die künftige Koalition in Berlin dazu einnehmen wird, ist nicht absehbar.


In Brüssel wird nun erwartet, dass der Fachausschuss der EU-Staaten sich im November noch einmal mit Glyphosat befassen wird. Bis dahin will die Kommission „mit den Mitgliedstaaten an einer Lösung arbeiten, die größtmögliche Unterstützung hat“. Eine solche Lösung kann nur daraus hinauslaufen, dass Glyphosat schneller als bisher geplant vom Markt genommen wird. Vielleicht bekommt das Mittel noch eine Zulassung von drei bis fünf Jahren. Mehr dürfte kaum möglich sein, zumal auch das Europaparlament Anfang der Woche ein Verbot von Glyphosat bis spätestens 2022 gefordert hat. Die EU-Volksvertretung darf bei der Zulassung des Herbizids formal zwar nicht mitreden. Dennoch dürfte das Votum der EU-Volksvertreter nicht völlig wirkungslos bleiben.


Glyphosat ist ein sogenanntes „Total-Herbizid“. Das bedeutet: Wo es verspritzt wird, wächst nicht nur sprichwörtlich kein Gras mehr. Nicht nur Unkraut, sondern auch alle anderen mit Glyphosat benetzten Pflanzen sterben. In Deutschland kommt Glyphosat, das unter dem Markennamen Round-up vertrieben wird, im Ackerbau, auf Obstplantagen und Weinbergen zum Einsatz aber auch auf Bahndämmen und in Privatgärten. Der ökologische Landbau ist glyphosatfrei.

Die Weltgesundheitsorganisation hält Glyphosat für krebserregend. Das Mittel gilt außerdem als extrem schädlich für die Umwelt. Mit der vollständigen Vernichtung von Kräutern und Gräsern werde Insekten und Vögeln die Lebensgrundlage entzogen, erklärte das Umweltbundesamt. Ganze Nahrungsnetze könnten zusammenbrechen. Die Umweltorganisation Nabu meldete erst vor wenigen Tagen, dass die Zahl der Insekten in Deutschland um 80 Prozent zurückgegangen sei. Das hat fatalen Folgen für die auf Insekten angewiesenen Vögel.

KONTEXT

Glyphosat - Wie gefährlich ist das Pflanzengift?

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) und dient der Unkrautvernichtung. Glyphosat kommt weltweit zum Einsatz und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Der US-Konzern Monsanto hat Glyphosat in den 70er Jahren zum Pestizid entwickelt.

Warum wird das Mittel so großflächig eingesetzt?

In Europa wird das Mittel beim Anbau von Getreide, Raps, Wein, Oliven und Zitrusfrüchten angewandt, vor allem nach der Ernte. In Deutschland etwa werden 87 Prozent aller Rapsanbauflächen nach der Ernte mit Glyphosat behandelt. Das spart nach Angaben der Hersteller Zeit, Energie und Kosten, weil ein Acker oft nicht mehr umgepflügt werden muss. Ohne das Mittel würden sich die Ernteerträge einiger Pflanzen in Deutschland um fünf bis 40 Prozent verringern, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat.

Warum gibt es Streit?

Der Streit dreht sich um vor allem um mögliche Gesundheitsgefahren des Mittels. Strittig sind nicht nur die Ergebnisse verschiedener Berichte und Studien, sondern die wissenschaftliche Herangehensweise insgesamt, zum Beispiel wann eine Studie glaubwürdig ist.

Welche möglichen Gefahren sind benannt worden?

Bedenken äußerte im März die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC): Glyphosat sei "wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen", erklärte die zur Weltgesundheitsorganisation gehörende IARC.

Zu welcher Erkenntnis kommen die Behörden in Deutschland und der EU?

Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU kamen zu dem Schluss, dass Glyphosat keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen darstellt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gab der EU-Kommission deshalb grünes Licht für eine erneute Zulassung von Glyphosat. Über den entsprechenden Vorschlag der Kommission werden die EU-Mitgliedstaaten nun abstimmen.

Wie kann es zu solch unterschiedlichen Einschätzungen kommen?

Darüber gibt es nur Spekulationen. Immer wieder wird behauptet, die Efsa fälle ihre Entscheidungen nicht völlig unabhängig von Industrieinteressen. Im Fall von Glyphosat fehlt dafür aber ein Nachweis.