Gleiche DNA, unterschiedliche Sexualität: Diese Zwillinge beschäftigen die Wissenschaft

Rosie Ablewhite (li.) und Sarah Nunn teilen zwar ihre DNA, aber nicht ihre sexuelle Ausrichtung. (Bild: Facebook/Spadge Nunn)

Sarah Nunn und Rosie Ablewhite sehen sich sehr ähnlich – typische eineiige Zwillinge, könnte man meinen. Doch trotz identischer DNA gibt es einen Unterschied: Sarah ist heterosexuell, Rosie liebt Frauen. Jetzt erhoffen sich Forscher neue Erkenntnisse zur Entwicklung der menschlichen Sexualität.

Die heute 29-jährigen Frauen aus Großbritannien bemerkten schon früh Unterschiede im Alltagsleben. Auf alten Familienbildern zum Beispiel, erzählen sie im Interview mit der britischen Zeitung „The Times“: Auf einem Kinderbild habe Sarah ein Kleid getragen und mit einer Barbie-Figur gespielt, während Rosie als Batman verkleidet gewesen sei.

Ein anderes Bild zeige die beiden als Familie Feuerstein: Sarah als Wilma, Rosie als Fred. Und auch ihr Verhalten sei unterschiedlich gewesen: „Die Jungs haben sich bei Rosie immer wohler gefühlt“, erinnert sich Sarah, „sie mochte Fußball, sprach über typische Jungs-Sachen und zockte Videospiele.“ Nur wenn es „ernst“ wurde, soll Rosie sich immer zurückgezogen haben.

Da die DNA der Schwestern komplett identisch ist und sie auch zusammen aufwuchsen, interessieren sich nun auch Wissenschaftler für Rosie und Sarah. Zwillingspaare wie die beiden Ablewhites könnten nämlich nach Meinung einiger Forscher neue Aufschlüsse zur Entwicklung der Sexualität liefern.

56 Zwillingspaare wurde getestet

Dr. Gerulf Rieger und Tuesday Watts von der University of Essex wollten mit einer Studie im Magazin „Developmental Psychology“ herausfinden, inwiefern Erbgut und Umfeld mit der sexuellen Orientierung zusammenhängen. Hierfür ließ Rieger sich von 56 Zwillingspaaren, bei denen die sexuelle Ausrichtung variiert, Bilder aus der Kindheit zeigen. Darunter die besagten Bilder von Rosie und Sarah, heißt es in „The Times“.

Die Ergebnisse bestätigen seine These, dass die sexuelle Orientierung schon in der frühen Kindheit abzulesen sei – und zwar anhand „geschlechtsuntypischem Verhaltens“, in Rosies Fall etwa der Hinwendung zu Spielzeug und Verkleidungen, die eher Jungs zuzuordnen sind. Riegers Studien zufolge zeigen sich die Unterschiede bei Mädchen ab einem Alter von sechs Jahren, bei Jungs ab acht Jahren – also schon lange vor der Pubertät und unabhängig vom Geschwisterkind. Damit könne die These vieler anderer Wissenschaftler, die sexuelle Ausrichtung sei allein genetisch bestimmt, widerlegt werden, so Rieger zu „The Times“.

Es gibt auch kritische Stimmen

Wenn sogar Zwillinge, die im selben Haushalt aufwuchsen, eine unterschiedliche sexuelle Ausrichtung entwickelten und sich erste Anzeichen schon so früh zeigten, müssten noch andere Faktoren in der frühkindlichen Entwicklung eine Rolle spielen. „Pränatale Hormone sind ein Top-Kandidat“, so Rieger. Denn im Mutterleib könnten Ernährung und Hormonhaushalt bei jedem Zwilling unterschiedlich ausfallen – und das könne schon vor der Geburt entscheidende Weichen für die Entwicklung stellen.

Diese Stars sehen aus wie Zwillinge

Die Studie wird jedoch nicht unkritisch gesehen, schließlich bestätige sie Stereotypen von „typisch“ männlichem oder weiblichem Verhalten. Ferner schließt Rieger vom „geschlechtsunüblichen“ Verhalten auf das sexuelle Begehren. Das weiß auch Rieger, der aber meint: „Für mich zählt nicht, ob das als kontrovers angesehen werden kann.“ Die Beobachtung des Verhaltens sei deutlich effektiver, als Leute zu befragen.

Es ist aber davon auszugehen, dass zu dem Thema weiterhin geforscht wird – nicht zuletzt, weil nur vergleichsweise wenige Probanden an der Studie teilnahmen.
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