Als das letzte Tabu der Bundesliga gebrochen wurde

Udo Muras
·Lesedauer: 6 Min.
Als das letzte Tabu der Bundesliga gebrochen wurde
Als das letzte Tabu der Bundesliga gebrochen wurde

Was war da los in der Saison 1989/90? Borussia Mönchengladbach hatte seit dem Aufstieg 1965 erst vier Trainer gehabt. Hennes Weisweiler (1965 – 1975), Udo Lattek (1975 – 1979), Jupp Heynckes (1979 – 1987) und seit Juli 1987 Wolf Werner.

Obwohl die glorreiche Zeit schon längst vorbei war und der UEFA-Cup-Sieg von 1979 als letzter Titel zehn Jahre zurücklag, hielt Manager Helmut Grashoff an seinen Prinzipien fest: "Ich würde eher Spieler entlassen als den Trainer."

In dieser Wohlfühloase hatte sich auch Wolf Werner in trügerischer Sicherheit eingerichtet, als in seiner dritten Saison im Amt die große Krise ausbrach. Der Verein hatte im Sommer mehr auf Talent denn auf Erfahrung gesetzt und eine besonders junge Mannschaft ins Rennen geschickt, die Abgänge von Nationalspieler Michael Frontzeck und Haudegen "Schorsch" Dreßen wurden nicht gleichwertig ersetzt.

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Effenberg büchst aus dem Trainingslager aus

Beim Trainingsspiel Jung gegen Alt war man mit 24 schon bei den Alten. "Gute Kost oder junges Gemüse?", kommentierte die Rheinische Post skeptisch die Personalpolitik des fünffachen Meisters, dem es augenscheinlich vor allem an Offensivstärke fehlte.

So gibt es schon vor der Krise eine Krise, vier der ersten sechs Spiele endeten 0:0. Im September lacht die Fußballwelt noch über die Eskapaden der Jungspunde Stefan Effenberg und Jörg Neun, die vor einem Spiel aus dem Trainingslager ausbüchsen und mit dem Jeep von Masseur Charly Stock zum Golfen wollen.

Und zwar so schnell wie möglich. Dumm nur, dass ihre Abkürzung über eine steile Müllkippe führt, an der der Wagen liegen bleibt und vom ADAC geborgen werden muss. Die beiden Ausreißer werden für ein Spiel suspendiert.

Das kann sich Werner da noch leisten, doch drei Wochen später beginnt sie, die historische Talfahrt. Mit einem 0:2 ausgerechnet im Heimderby gegen den 1. FC Köln geht es los, Borussia fällt auf Platz acht. Es folgt ein 2:4 bei Waldhof Mannheim, nun ist sie Neunter, ein 1:3 gegen den HSV (13.), ein 0:3 in Frankfurt (15.), ein 1:2 gegen Bochum (16.) und ein 0:4 in Stuttgart. (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

Gladbach erstmals Schlusslicht

Ausgerechnet in diesem Spiel, als Sensationstransfer Igor Belanow, Europas Fußballer des Jahres 1986, sein lange ersehntes Debüt gibt, rutscht die Borussia erstmals in ihrer Bundesligageschichte, im 832. Spiel, auf den letzten Platz ab.

Noch immer ist Grashoff - welch Parallele zu Max Eberl - standhaft: "Notfalls steigen wir mit dem Trainer ab." Es sind noch andere Zeiten. Im Fußball, wie in der Weltpolitik, wo gerade neue anbrechen.

Die alte Ordnung stürzt zusammen, Glasnost und Perestroika sind die Worte, die besonders die Menschen in Europa auf den Lippen und im Herzen tragen. Der Kalte Krieg endet. In Berlin fällt die Mauer, was bitte bedeutet da schon ein verlorenes Fußballspiel?

So darf Wolf Werner immer weiter verlieren. Am 10. November, dem Tag nach dem Mauerfall, muss Borussia im Pokal zu Zweitligist Kickers Offenbach und geht nach 90 Minuten endlich mal nicht als Verlierer vom Platz. Aber auch nicht als Sieger, bei 0:0 gibt es Verlängerung und in der treffen nur die Kickers.

Kamps, Effenberg, Bruns, Neun, Belanow - große oder verheißungsvolle Namen, der Lächerlichkeit preisgegeben. Sieben Niederlagen in Folge. Was nun, Borussia? Präsident Dr. Beyer entgegnet den Kritikern und erbosten Fans, die Köpfe rollen sehen wollen: "Helmut Grashoff bleibt, der Trainer bleibt, ich bleibe."

"Wir haben nur ein Problem: die Stürmer treffen das Tor nicht!"

Grashoff vereinfacht die Lage: "Wir haben nur ein Problem: die Stürmer treffen das Tor nicht!" Torwart Uwe Kamps sieht die Sache diffiziler und schlägt Alarm: "Wir sind in Gruppen und Grüppchen zerfallen, kein echtes Team."

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Dieser heterogene Haufen soll am Samstag, den 18. November, wenigstens Bayer Uerdingen schlagen, das nur einen Punkt mehr hat. Verteidiger Thomas Eichin gibt sich einer Illusion hin: "Ich glaube, dass inzwischen auch der letzte kapiert hat um was es am Samstag geht."

Nur 16.300 Zuschauer wollen sich davon noch überzeugen, der Rückhalt bei den Fans bröckelt. Sie sehen nicht mal ein schlechtes Spiel ihrer Fohlen-Elf, aber es ist wie zuletzt immer, "erneut wurden viele Chancen vergeben, im Mittelfeld regierte die Hektik", analysiert der kicker und "Belanow wartete immer wieder auf lange Pässe, um seine Schnelligkeit auszuspielen - sie kamen nicht."

Was in jenen Tagen mit Gewissheit kommt, ist ein Gegentor. Marcel Witeczek, der auch noch mal das Borussen-Trikot tragen wird, bringt die Gäste in Führung (34.). Es ist das Tor des Tages.

Eins reicht ja, um diese Borussen zu schlagen. Die verlieren zu allem Übel noch Verteidiger André Winkhold durch Platzverweis. Dann ist es zu Ende und die achte Niederlage in Folge, davon sieben in der Liga, ist perfekt.

Nur die Älteren können sich an eine längere Serie erinnern, 1956/57 hat Borussia mal die ersten 15 Saisonspiele verloren, aber das war noch in der Oberliga West. In der Bundesliga ist es eine traurige Premiere und sie schreit nach unerhörten Konsequenzen, die zwar zum Geschäft gehören, aber nicht zum Bökelberg. (Die Tabelle der Bundesliga)

Die Journalisten wittern Morgenluft, als Grashoff auf die obligatorische Frage nach der Zukunft des Trainers diesmal antwortet: "Dazu äußere ich mich nicht in einer Pressekonferenz, darüber werden wir intern beraten."

Deutlicher wird der 3. Vorsitzende Alfred Gerhards, ein Mediziner: "Wenn ich in meiner Krankenhauszeit zehn Leichen produziert hätte, hätte ich auch zur Disposition gestanden. Für mich ist jetzt der Zeitpunkt des Trainerwechsels gekommen."

Spätestens jetzt muss Werner ahnen, dass es die Wohlfühloase für Trainer nicht mehr gibt am ehrwürdigen Bökelberg. Immerhin hat er Kapitän Hans-Günther Bruns noch auf seiner Seite, der die Reporter anfaucht: "Ihr wollt ihn wohl unbedingt weghaben, dabei gibt der Trainer alles. Die Mannschaft steht zu einem großen Teil hinter ihm."

Hitzfeld lehnte Trainerjob bei der Borussia ab

Wenn dem so ist, wird sie am Dienstag, den 21. November, zu einem Großteil enttäuscht. Der Vorstand stellt Werner frei und übergibt Co-Trainer Gerd vom Bruch das Himmelfahrtskommando, das ein gewisser Ottmar Hitzfeld, in Diensten von Grashopper Zürich, ausschlägt.

Vom Bruch wird den Klassenerhalt schaffen - am letzten Spieltag. Werner gesteht derweil Fehler ein, zum Beispiel "dass ich zugelassen habe, dass wir nur mit einer bundesligatauglichen Spitze in die Saison gegangen sind. Und ich habe den Verkauf von Stammspielern wie Rahn, Dreßen oder Frontzeck nicht verhindert."

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Aus Loyalität zu einem Vorstand, der ihn nun fallen lässt. Der kicker schreibt: "Das letzte Tabu der Bundesliga ist gebrochen. Borussia Mönchengladbach, die in 25 Jahren noch nie vorzeitig einen Coach entließen, hat sich von Wolf Werner getrennt."

Nach einer Serie, wie sie seither keiner mehr hinbekommen hat in Mönchengladbach. Mitten in einer Zeitenwende, einer Zäsur im gesellschaftlichen Zusammenleben, die den Fußball in den Schatten stellt. Wer Rose böse will, erkennt die Parallelen zur Gegenwart. Verlieren verboten!