Ginter: Man muss härter gegen den Hass kämpfen

Martin van de Flierdt, Jochen Stutzky
Matthias Ginter startete seine Profikarriere 2012 beim SC Freiburg.

Bittet man Fußballfans, die deutsche Startelf des Confed-Cup-Finales hinunter zu beten, fehlt oft ein Name. Denn Matthias Ginter fliegt oft ein wenig unter dem Radar.

Dabei ist der immer noch erst 23-Jährige schon Weltmeister, Silbermedaillengewinner bei Olympia in Rio de Janeiro und DFB-Pokalsieger mit Borussia Dortmund. Und auf dem besten Weg zur festen Größe bei Bundestrainer Joachim Löw.

Im SPORT1-Interview vor dem WM-Qualifikationsspiel in Stuttgart gegen Norwegen am Montagabend (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) spricht Ginter über die Diskrepanz zwischen seiner sportlichen Entwicklung und der öffentlichen Wahrnehmung sowie die Vorfälle von Prag.

SPORT1: Herr Ginter, Sie waren in den vergangenen fünf Länderspielen immer von Anfang an dabei. Was macht der Aufstieg zum Stammspieler mit Ihnen?

Matthias Ginter: Es ehrt mich. Ich spüre auch ein anderes Standing. Der Confed Cup hat dafür eine entscheidende Rolle gespielt. Das Turnier hat mir sehr gut getan. Jeder, der dabei war, konnte Pluspunkte sammeln. Das Vertrauen des Bundestrainers versuche ich in jedem Spiel zurückzugeben. Die klassischen Stammspieler gibt es aber im modernen Fußball nicht mehr zwingend. Heutzutage brauchst du 14, 15 oder mehr Spieler, die immer wieder zum Einsatz kommen. Diese Flexibilität ist wichtig. Und das macht unsere Mannschaft insgesamt so stark.


SPORT1: Es hat den Anschein, dass der Bundestrainer besonders bei einer Dreierkette auf Sie setzt. Was genau erwartet er dabei von Ihnen?

Ginter: Er spricht sehr viel mit mir und erwartet, dass ich meine spielerischen Fähigkeiten ins Spiel einbringen soll. Das ist in einer Dreierkette etwas einfacher, weil man generell weiter vorne steht und wesentlich an der Spieleröffnung beteiligt ist. Als Innenverteidiger liegt der Fokus eher darin, defensiv richtig zu stehen und die Zweikämpfe zu gewinnen.


SPORT1: In Russland haben sie mal links und mal rechts in der Dreierreihe agiert. Wo sehen Sie sich auf Dauer eher?

Ginter: Als Rechtsfuß bevorzuge ich natürlich die rechte Seite. Aber ich bin sehr offen für alles. In Dortmund habe ich letzte Saison ja auf vielen verschiedenen Positionen gespielt, manchmal sogar im Mittelfeld oder ganz außen als Rechtsverteidiger. Da bin ich flexibel.

SPORT1: Ist Vielseitigkeit wie die Ihre eher Fluch oder Segen?

Ginter: In Dortmund war es beides. Für einen Trainer ist es natürlich sehr praktisch. Und für einen jungen Spieler ist die Flexibilität wichtig, um Einsatzzeiten zu bekommen. Für mich war es aber nun wichtig, mich im Verein auf einer Position fest zu spielen. Das war auch ein Hauptgrund für den Wechsel nach Gladbach.


SPORT1: Genießen Sie in Gladbach gleich ein anderes Ansehen, weil man 17 Millionen Euro für Sie ausgegeben hat und auf Sie setzt?

Ginter: Ich denke schon. Das Vertrauen des Trainers und des Vereins war auf Anhieb da. In Gladbach werde ich als Führungsspieler gesehen. Und als solcher kann ich mich dann auch für die Nationalmannschaft empfehlen. Ich möchte als Persönlichkeit weiter wachsen und vorangehen. Die Ablöse empfinde ich als Wertschätzung. Viel wichtiger ist es jetzt, Akzente zu setzen und Verantwortung zu übernehmen, besonders wenn es eng wird oder Spiele auf der Kippe stehen.

SPORT1: Sie sind Weltmeister, Confed-Cup-Sieger, Olympia-Silbermedaillengewinner, DFB-Pokalsieger, aber im Rampenlicht stehen eher andere. Kommen Sie in öffentlicher Wahrnehmung zu schlecht weg?

Ginter: Ich bin eher ein ruhiger Typ, vielleicht macht es deshalb den Anschein. Das bringt auch die Position mit sich. Wenn man als Innenverteidiger ein unauffälliges oder solides Spiel macht, ist das ja etwas Positives. Wenn es schlecht läuft, fällt es eher auf. Klar, ich will im Spielaufbau und in der Offensive meine Akzente setzen: offene Räume erkennen, dort hinein starten, Angriffe einleiten sowie Torgefahr bei Standards ausstrahlen.

SPORT1: Sie sind ein eher ruhiger Typ. Wie bringen Sie sich im Mannschaftskreis ein?

Ginter: Als Abwehrspieler, der alles vor sich hat und sieht, ist es auf dem Platz sehr wichtig mit seinen Neben- und Vorderleuten zu sprechen. Außerhalb des Platzes sind es dann meistens die älteren Spieler wie Thomas Müller oder Mats Hummels, die aufgrund ihrer Erfahrung und ihres Standings den Ton angeben.


SPORT1: Das war in Prag auch so. Dort hat die Mannschaft beschlossen, sich aufgrund des Verhaltens einiger Krawallmacher nicht nach dem Spiel in der Fankurve blicken zu lassen. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Ginter: Das sind keine Fußballfans. Wir als Mannschaft distanzieren uns klar davon. Es war richtig, ein Zeichen zu setzen. Die wahren Fans zeigen und leben Respekt, Toleranz und Fairplay vor, genauso wie wir. Leider erleben wir in letzter Zeit immer häufiger, dass Menschen ihren Hass auf die Straße tragen, oder ins Fußballstadion. Das bedeutet auch, dass man gemeinsam härter dagegen kämpfen muss. Wir sind da als Nationalspieler auch Vorbilder.

SPORT1: Nun geht es am Montagabend gegen Norwegen. Sehen Sie nach dem glatten 3:0 im Hinspiel eine Bedrohung?

Ginter: Die Norweger laufen gefährliche Konter. Schon im Hinspiel gab es die eine oder andere brenzlige Situation. Aber wir werden uns darauf einstellen und dann wird es – wie so oft in der Quali - an uns liegen, wie das Spiel ausgeht.

SPORT1: Gelingt die WM-Qualifikation, "droht" Ihnen der sechste Turniersommer in Folge. Wissen Sie überhaupt noch, wie Sommerpause geht?

Ginter: Gute Frage. Das letzte Mal mit sechs Wochen Urlaub war 2012. Es ist eine Ehre, so viele Turniere mit Deutschland spielen zu können. Da gibt es ja auch immer eine realistische Titelchance, weil man automatisch zu den Favoriten gehört. Ich bin darüber auf keinen Fall traurig, es kann gerne so weiter gehen.