Gibt es noch Hoffnung? - Das sagt der Held aus dem 23. Jahrhundert

Sarah Kohlberger
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Gibt es noch Hoffnung? - Das sagt der Held aus dem 23. Jahrhundert

Es geht weiter für James Holden: Der US-Serienhit "The Expanse" hat bei Amazon eine neue Heimstatt gefunden. Hauptdarsteller Steven Strait weckt im Gespräch die Neugier auf die langersehnte vierte Staffel.

Kurzzeitig schien "The Expanse" am Ende zu sein. Der amerikanische Sender Syfy hatte nach drei Staffeln die Produktion der Science-Fiction-Serie eingestellt. Doch dann gingen die Fans auf die Barrikaden: Mit einem Flugzeug und einem riesigen "Save 'The Expanse'-Banner" flogen sie um den Amazon-Hauptsitz herum und forderten die Fortsetzung der Geschichte, die auf der gleichnamigen Buchreihe von James S. A. Corey basiert. Und der weltweite Fan-Aufstand zeigte Wirkung. Wie seine Schauspielkollegen ist auch Steven Strait, der die Hauptrolle James Holden verkörpert, erleichtert, dass Amazon die Serie übernommen hat. Denn die Story beschäftigt sich mit einem spannenden Thema: 200 Jahre in der Zukunft hat sich die Menschheit auf die Planeten verteilt. Im Interview erzählt der sympathische 33-Jährige, wie er sich die Zukunft vorstellt, welche Aspekte aus "The Expanse" (die vierte Staffel ist ab 13. Dezember abrufbar) realistisch sind und was er mit seiner Serienfigur gemeinsam hat.

teleschau: Die Serie "The Expanse" spielt im 23. Jahrhundert. Wie könnte Ihrer Meinung nach die Zukunft in 200 Jahren tatsächlich aussehen?

Steven Strait: Ich hoffe, dass wir in Zukunft einige der Fallen vermeiden, die wir in "The Expanse" zeigen. Viel von dem, was wir als Allegorie in der Show zeigen, ist ein Spiegel der heutigen Gesellschaft. Allerdings spricht das wieder dafür, dass die Menschheit, obwohl sie so weit gekommen ist, soziologisch gesehen in die gleichen Fallen tappen könnte: Tribalismus, Spaltungen und Konflikte über Ressourcen, Land, Kultur und vieles mehr. Meine Hoffnung ist, dass wir, wenn wir uns in den nächsten Jahrzehnten in das Sonnensystem ausdehnen, einen Weg finden, über die negativen Aspekte des menschlichen Zustands hinauszuwachsen.

teleschau: Löst so ein Szenario wie in "The Expanse" eher Angst oder Hoffnung aus?

Strait: Ich denke, ein bisschen von beidem. Das ist auch einer der Gründe, warum ich "The Expanse" so liebe: Die Serie zeigt diese Unordnung in der Menschheit auf eine sehr reale Weise. Man sieht unfassbare Verhältnisse, ausgelöst durch die Menschen und ihre Schwachstellen. Aber auf der anderen Seite steht auch die Hoffnung. Man sieht Menschen, die danach streben, näher zusammen zu sein. Das Protomolekül, das wieder als Allegorie zu verstehen ist, ist dabei die allumfassende Gefahr für jeden. Heutige Beispiele dafür wären zum Beispiel Atomwaffen oder der Klimawandel. Wie wir heute in der Welt sehen können, ist es nicht so einfach, alle zusammenzubringen, auch wenn die Gefahr so ernst ist.

"Davon könnten wir heute definitiv etwas gebrauchen"

teleschau: Welche Aspekte der Zukunft würden Sie gerne ins Heute übernehmen?

Strait: Ich muss sagen, die medizinische Versorgung in "The Expanse" ist ziemlich spektakulär. Holden wird in der ersten Staffel bestrahlt und hat eigentlich die gesamte Show über Krebs. Er bleibt nur weiterhin am Leben, weil er dieses Plättchen am Arm hat. Also von der Medizin in "The Expanse" könnten wir heute definitiv ein bisschen etwas gebrauchen.

teleschau: Hatten Sie die Bücher schon vorher gelesen?

Strait: Ja, ich war ein Fan der Bücher, bevor ich überhaupt wusste, dass es ein Drehbuch oder eine Serie geben soll. Ich liebe es zu lesen, und die Bücher wurden mir von einem Freund von mir empfohlen. Um ehrlich zu sein bin ich eigentlich kein großer Science-Fiction-Leser, ich lese eher zeitgenössische Fiktion oder Klassiker, aber diese Bücher konnte ich einfach nicht weglegen. James S. A. Corey, der im wirklichen Leben aus den zwei Männern Ty Franck und Daniel Abraham besteht, hat eine wunderbare Art zu Schreiben. Denn obwohl die Geschichte 200 Jahre in der Zukunft liegt, ist es im Wesentlichen ein Drama. Die Kulisse ist nur zweitrangig. Ich denke oft bei Science Fiction, dass die Leute vor allem an der Technologie, den Features, den Gadgets und solchen Dingen interessiert sind. In unserer Serie ist die Umgebung nicht so wichtig. Sie dient dazu, eine menschliche Geschichte zu umrahmen, die meiner Meinung nach viel interessanter ist.

teleschau: Gibt es viele Unterschiede zwischen den Büchern und der Serie?

Strait: Nicht so viele. Wir haben aber auch das Glück, dass die Autoren selbst die Autoren der Show sind. Sie schreiben die Drehbücher und sind auch die ausführenden Produzenten. Wir waren sehr vorsichtig damit, Dinge zu ändern und haben immer darauf geachtet, dass sie diejenigen sind, die die Hand am Steuer haben. Diese Bücher werden aus einem bestimmten Grund geliebt, darum sollte man nicht zu sehr an ihnen herumbasteln. So können wir auch das Wesen der Geschichte bewahren, auch wenn wir manches ein wenig ändern.

"Er will wirklich immer das Richtige tun"

teleschau: Ihre Figur James Holden steht oft Konflikten gegenüber, bei denen er sich offensichtlich unwohl fühlt. Was steckt dahinter?

Strait: James ist ein komplizierter Kerl, was mir als Schauspieler großen Spaß macht, weil er immer interessant ist. Wenn man ihn trifft, ist er ein eingebildeter, naiver Typ, er sieht die Welt nur in Schwarz und Weiß. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens damit, vor der Verantwortung zu fliehen, in der er geboren ist. Aus der Hintergrundgeschichte von "The Expanse" geht hervor, dass er in einer Gemeinde geboren wurde, die ihr Land verteidigen wollte. Und das funktionierte nicht ganz. Also hat er sich darauf eingestellt, dass er mit seiner Familie scheitert. Dann läuft er davon, tritt der Marine bei und geht so weit weg von zu Hause, wie er nur kann. Wenn wir ihn treffen, ist er der zweite Offizier auf diesem Eisschlepper, der so etwas wie ein moderner Öltanker ist. Beförderungen lehnt er immer wieder ab, er will die Verantwortung nicht. Er denkt sich: "Nein, es ist gut, wo ich bin, nimm du es."

teleschau: Wie entwickelt er sich dann weiter?

Strait: Er wird irgendwie in die Mitte einer riesigen Verschwörung im Sonnensystem geworfen. Er muss ständig vortreten, was ihn zwingt, sich zu entwickeln. Darüber ist er nicht immer glücklich. Es gibt eine Szene, in der er ein Schiff voller Ärzte in die Luft jagen muss, um der Sicherheit aller Willen. Für ihn ist es eine schreckliche Situation. Im Laufe der Zeit sehen wir, wie Jims Weltbild immer komplexer wird. Es ist nicht mehr nur noch Schwarz und Weiß, sondern bekommt im Laufe der Zeit auch Grautöne. Außerdem wird er im Laufe der Jahre als Anführer immer kompetenter. Mir war es wichtig, diesen Bogen sehr realistisch zu zeigen - nicht typisch, sondern chaotisch und an manchen Stellen auch hässlich. Er will wirklich immer das Richtige tun, aber manchmal weiß er nicht, was das ist. Für mich als Schauspieler war es wunderbar, diesen sehr menschlichen Weg zu zeigen, den er geht, um der Held zu sein, der er am Ende ist.

"Ich muss Holden nicht lieben, aber ich muss ihn verstehen"

teleschau: Sind Sie ihm ähnlich?

Strait: Ich habe die gleiche Kaffee-Sucht. (lacht) Aber sonst nicht wirklich. Es gibt manche Aspekte, die wir gemeinsam haben, zum Beispiel bin ich wie er sehr loyal zu meinen Freunden. Aber wir haben offensichtlich sehr unterschiedliche Lebenswege, Gott sei Dank. Das ist das tolle als Schauspieler: Ich kann in eine andere Psychologie einsteigen und für ein paar Minuten zwischen Action und Cut erleben, wie das in diesem Moment ist. Für mich ist es immer wichtig, etwas zu finden, in das ich mich hineinversetzen kann. Ich muss Holden nicht immer lieben. Aber ich muss Holden verstehen. Und das war für mich immer sehr einfach, denn er trägt sein Herz auf der Zunge. Ich bin zwar nicht so, aber ich kann mich gut in ihn hineinversetzen und mitfühlen.

teleschau: Wenn dieses Szenario in "The Expanse" echt wäre, glauben Sie, Sie würden genauso handeln wie Holden?

Strait: Ich weiß nicht. Es ist schwer, sich vorzustellen, in einer Situation mit solch gravierenden Folgen zu stecken. In Holden herrscht eine facettenreiche Unordnung. Manchmal kommt nur das Beste in ihm zum Vorschein, manchmal nicht. Manchmal wird es nicht ganz dem gerecht, was er will, und man sieht ihm die Enttäuschung, den Abscheu und die Schuldgefühle an. Das ermöglicht es Holden, zuordenbar zu sein. Wenn ich ihn beobachte, denke ich manchmal: "Nein, mach es besser, mach es besser!" - und er schafft es nicht. Aber das fühlt sich echt an, weil wir alle schon mal in einer Situation waren, in der wir unter Druck standen oder in der etwas passiert, was nicht ganz unseren Erwartungen entspricht.

"Ich schütze meine Privatsphäre sehr"

teleschau: Sie hatten mit elf Jahren schon Schauspielunterricht. Wollten Sie schon immer Schauspieler werden?

Strait: Als ich anfing, wirklich zu studieren, da wusste ich es, ja. Ich hatte das große Glück, in einem sehr künstlerischen Viertel in New York City aufzuwachsen. Dort war ich schon in jungen Jahren sehr viel Kreativität ausgesetzt, und einige der besten Schauspielschulen des Landes waren nur wenige Blocks entfernt. Ich war als Kind sehr zurückhaltend und schüchtern und bin jetzt noch sehr zurückhaltend. Ich schütze meine Privatsphäre sehr und halte mich nicht auf Social-Media-Kanälen auf. Ich schulde der Schauspielerei viel, weil es mich als Kind wirklich geöffnet hat.

teleschau: Inwiefern?

Strait: Ich war bei Stella Adler, einer Schule, an der Method Acting gelehrt wurde. Ich bin kein Method-Acting-Schauspieler, aber es verschaffte mir die Möglichkeit, die Welt um mich herum aufzunehmen, andere auf eine andere Weise zu verstehen. Das hat mir nicht nur als Künstler geholfen, sondern auch als Mensch im Laufe meines Lebens.

teleschau: Sie haben bereits einen Soundtrack zu einem Film produziert. Wollen Sie in Zukunft auch mehr in das Musikbusiness einsteigen?

Strait: Nein. Das ist für mich ähnlich wie bei der Schauspielerei: Ich wurde schon sehr früh mit der Musik konfrontiert. In meiner Nachbarschaft gab es viele weltberühmte Jazzclubs, und ich wuchs mit den Söhnen und Töchtern von sehr berühmten Musikern auf, die in der Nähe lebten. Aber ich bin kein Musiker. Ich bin ein Schauspieler, der einen Musiker gespielt hat und gerne singt. Aber ich liebe es, Musik ist mir sehr wichtig. Ich nutze Musik eigentlich ziemlich oft für meine Arbeit. Für jeden Charakter und für jede Szene habe ich eine Liste von Songs, die mich emotional einstimmen. Ich bin zwar sehr stark von der Musik beeinflusst, aber das Schauspiel war schon immer das Richtige für mich.

teleschau: Sie haben auch Vorfahren in Italien.

Strait: Das habe ich. Ich liebe Italien. Ich war schon häufig dort. Die ganze Seite meiner Mutter stammt aus der Nähe von Neapel. Wir sind mit einer großen italienischen Familie aufgewachsen. In New York gibt es eine sehr große italienische Gemeinschaft, also waren wir als Familie sehr stark mit Italien, der süditalienischen Kultur, dem Essen und dem Schwung dort verbunden. Aber leider spreche ich kein Italienisch. Ich wünschte, ich könnte es.