"Gibt keine Gerechtigkeit in diesem Geschäft": So bitter blickt Thomas Gottschalk auf die Zeit nach "Wetten, dass ..?"

Wilfried Geldner
1 / 8

"Gibt keine Gerechtigkeit in diesem Geschäft": So bitter blickt Thomas Gottschalk auf die Zeit nach "Wetten, dass ..?"

Am 18. Mai wird der Entertainer Thomas Gottschalk 70 Jahre alt. Die Programme zum Geburtstag häufen sich, auch eine "Wetten, dass ..?"-Sonderausgabe steht im November an. Auf die Samstagabendshow, die er zwischen 1987 und 2011 moderierte, blickte Gottschalk nun auch in den "Lebenslinien" des BR zurück.

Dass das keine "Lebenslinien"-Sendung werden würde wie jede andere, war klar. Im Allgemeinen werden hier ja die weniger berühmten Helden des Alltags vorgestellt oder Menschen von einer bislang gänzlich unbekannten Seite gezeigt. Nicht selten kommt die Sendung einer Lebensbeichte gleich. Bei Thomas Gottschalk, der am 18. Mai 70 wird, ist das anders: Die Bio ist bekannt - vom oberfränkischen Kulmbach hinaus in die Welt, von der Freizeit-Disco zum Rockmoderator beim BR und zum allseits beliebten Entertainer bei "Wetten, dass ..?". Das alles wird in der am Montageabend im BR ausgrahlten Folge ja nicht zum ersten Mal verhandelt und hier vom Autor Victor Grandits erfreulich locker abgehakt.

So hat der "Thommy", wie ihn jeder nennt, zwischen den Besuchen in Kulmbach, der Stadt in der er aufwuchs, beim Windsbacher Knabenchor, wo er eine Patenschaft übernommen hat, und in Fürth, bei einer Lesung seines autobiografischen Werks "Herbstblond", viel Zeit, um ausführliche Selbsteinschätzungen abzugeben. Die sind wie immer mit viel Ironie und einer Prise Sarkasmus versehen.

"Das reicht heute schon, um wieder weltberühmt zu werden!"

Ganz bitter kann er werden, wenn er auf die Zeit nach "Wetten, dass ..?" zu sprechen kommt. "Mein Foto in der 'Bunten' war in Briefmarkengröße, und drunter Stand 'TV-Legende'." Man habe ihn damals, nach 2011, einsortiert unter "Ach was, den gibt's auch noch?". Gottschalk: "Da sieht man das es keine Gerechtigkeit in diesem Geschäft gibt." Erst der verhehrende Brand seines Anwesens in Malibu und die Beziehung zu seiner neuen Freundin Karina Mross nach über 40 Jahren Ehe hätten das Blatt gewendet. "Bist du frisch verliebt und ist die Hütte abgebrannt, reicht das heute schon, um wieder weltberühmt zu werden. So geht's."

Gottschalk liebt die große Geste und die großen Sätze. Die Medienschelte ganz besonders. Wie das war, damals mit dem Loch nach "Wetten, dass ..?" und ob's dafür nicht auch Gründe gab, danach fragt hier leider keiner. Und Gottschalk, der in der Nachfolge von Showgrößen wie Kulenkampff und Peter Frankenfeld immer noch wie ein guter Profi reden kann, schweift auch gerne geschickt ab. Dann schiebt er das Private rein und die Presseschelte hinterher.

Eins muss man ihm aber glauben: Er liebt sein Publikum, solange es das gibt, von zwölf bis 80 und von sieben bis 17, wie beim Windsbacher Knabenchor und in seiner alten Kulmbacher Schule. Eine selbstverständliche Nähe entsteht da zwischen alt und jung, sehr verständlich wird der Satz: "Ich bin eine lebende Legende, ich will keine tote sein!" Ein cooler Alter werden, geht nicht bei ihm, das habe er schon versucht. "Da kannst du dich gleich aufgeben", hätten Freunde gesagt. Also schreibt er Autogramme, bis ihm die Finger rauchen, klatscht er Hände ab in der (noch) Vor-Corona-Zeit und stellt zufrieden fest: "Ich lebe in einer Welt, in der jeder, der auf mich zukommt, Gott sei Dank angenehme Erinnerungen mit mir verbindet."

"Ich schulde jedem Einzelnen etwas, der sich mir nähert"

Und er weiß: "Ich schulde jedem Einzelnen etwas, der sich mir nähert." Er weiß wohl auch, dass man von und mit der Vergangenheit allein nicht leben kann. Nur ungern erinnert er sich an den schweren Unfall bei "Wetten, dass ..?" und an die Zeit davor, als die Konkurrenz größer wurde, als die Quotenangst "vor der Einstelligkeit" hochkam: "Nur noch neun statt zwölf Millionen." Zur Glanzzeit von "Wetten, dass..?" waren es 21 Millionen Zuschauer aller Altersklassen. So was prägt den stolzen Mann.

Zuletzt im Film sieht man Gottschalk wieder im Hörfunkstudio wie einst im Mai. Da legt er seine Rock Classics auf und fuchtelt im Rhythmus mit den Armen und den Händen. Aber dann, es ist wie ein Riss, verabschiedet er sich plötzlich am Mikro: Der Arzt habe behauptet, es sei für ihn hochriskant, für die Sendung "einmal im Monat das Bett zu verlassen". So ist er eben, der Gottschalk: ein Spaßmacher, der immer noch Rätsel aufgeben kann. Sollen sich doch die anderen die Köpfe über der Wahrheit zerbrechen. Eine traurige Ballade noch - "No Surprises" - dann ist er wieder mal endgültig weg, diesmal in Richtung Baden-Baden.