„Ghosting“ durch Arbeitgeber: Wenn die Termine kommentarlos aus dem Dienstplan verschwinden

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Bei Scott Margot kam der versprochene Anruf nie. Bei Paul Scherwin ist der Personalchef nie zum Meeting aufgetaucht. Bei Matt Murphy haben sich die Termine ins seinem Dienstplan einfach in Luft aufgelöst.

Jeder der drei US-Amerikaner hat während der Pandemie einen Arbeitsplatz in Branchen gesucht, die über einen Mangel an Arbeitskräften klagen – und darüber, von Mitarbeitern „geghostet“ zu werden. Den Begriff kennen die meisten vom Dating. Dort bezeichnet er das Phänomen, dass einige Menschen sich trotz positiver Signale plötzlich nicht mehr melden – ohne Vorankündigung oder Erklärung.

Auch im Arbeitsleben häuft sich in den USA das Phänomen: Mitarbeiter kommen einige Tage zur Arbeit, bevor sie ohne Vorankündigung verschwinden, so die Federal Reserve Bank of Atlanta. Schon im Jahr 2019 gaben in einer Befragung des Jobportals Indeed 83 Prozent der Arbeitgeber an, schon einmal geghostet worden zu sein. Und auch in Deutschland nimmt die Zahl der Ghosting-Fälle zu, wie der „Spiegel“ bereits vergangenen November berichtete. Margot, Scherwin und Murphy sind allerdings der Meinung, dass die Angestellten dadurch nur Gleiches mit Gleichem vergelten.

Wenn die sicher geglaubte Stelle plötzlich ohne Erklärung vergeben ist

Scott Margot erklärt, er habe alles richtig gemacht: Bei einem Networking-Event in der Hotelbranche habe er mit einem Verkaufs- und Marketingdirektor geplaudert, ein Folgegespräch geführt und eine Einladung zur Besichtigung des Hotels erhalten. Er hatte bereits 20 Jahre Erfahrung in der Branche und ihm wurde gesagt, dass bald eine Stelle frei werde, die perfekt für ihn sei. „Ich dachte, alles sei in Ordnung“, sagt Margot.

Auf Anweisung des Vertriebsleiters wartete er darauf, dass die Stelle online ausgeschrieben wurde, und reichte dann direkt seine Bewerbung ein. Eine Woche später rief er die Website auf und stellte fest, dass seine Bewerbung abgelehnt worden war. Als er den Grund erfahren wollte, erreichte er immer nur die Mailbox und erhielt keine Antwort. „Ich bin immer noch auf der Suche nach einem Job“, sagt Margot. „Es ist beängstigend. Das ist meine Karriere, kein Job, um über die Runden zu kommen.“

Personalchef erscheint nicht zum Vorstellungsgespräch

Nachdem Schwerin letztes Jahr aufgrund von Covid-19 aus seinem Management-Job entlassen wurde, begann er, Pakete für FedEx auszuliefern. Parallel bewarb er sich jeden Monat auf fünf bis zehn Stellen. „Ich bin jetzt seit einem Jahr auf der Suche“, sagt er. „Ich habe mich auf viel zu viele Management-Jobs beworben, als dass ich sie zählen könnte. Ich habe immer noch nichts gefunden.“

Im November absolvierte er zwei Vorstellungsgespräche bei einem Unternehmen, bevor das Angebot ohne Erklärung zurückgezogen wurde. In einem anderen Fall meldete er sich krank, um zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen. Aber der Personalchef tauchte nicht auf. Und vor zwei Wochen wurde ihm gesagt, dass er innerhalb einer Woche eine Antwort bezüglich des nächsten Vorstellungsgesprächs erhalten würde. „Ich habe es satt, von den armen Unternehmen zu hören, die geghostet werden“, sagt Schwerin. „Das entspricht überhaupt nicht meinen Erfahrungen. Ich, der Bewerber, bin derjenige, der geghostet wurde.“

Ghosting im Bewerbungsprozess

Es gibt viele mögliche Gründe, warum Ghosting im Bewerbungsprozess häufiger wird – nicht zuletzt die Verwendung von algorithmengesteuerten Screening-Prozessen, wie eine Untersuchung der Harvard Business School zeigt. Die überwältigende Mehrheit der Arbeitgeber erklärte den Wissenschaftlern, dass strenge Prüfkriterien in den Recruiting-Systemen ansonsten qualifizierte Bewerber für hoch- und mittelqualifizierte Stellen aussortieren. Und das, bevor irgendwelche menschlichen Faktoren in den Einstellungsprozess einfließen.

Auch in Deutschland dürften sich gerade im Bewerbungsprozess viele „geghostet“ vorkommen. Eine Umfrage des Job-Portals Stepstone aus dem Jahr 2018 ergab, dass jeder zweite Befragte auch 45 Tage nach der Bewerbung noch keine qualifizierte Rückmeldung vom Unternehmen bekommen hat.

Kommentarlos aus dem Dienstplan gestrichen

Aber in den USA fühlen sich nicht mehr nur Bewerber, sondern auch angestellte Mitarbeiter geghostet. Mehrere Beschäftigte in Branchen mit unregelmäßigen Arbeitszeiten berichteten, dass es üblich sei, jemanden nach und nach ohne Erklärung aus dem Kalender zu streichen. Murphy, ein Restaurantangestellter, erzählte, dass ihm genau das passiert ist, nachdem er sich mit Covid-19 infiziert hatte. Mehrere Tage lang lag er deswegen krank zu Hause. Als er seinem Vorgesetzten mitteilte, dass er wieder arbeitsfähig sei, bekam er keine Antwort, sagt er.

Wie viele Stellen in den USA fallen Restaurantjobs unter die sogenannte „At-will employment“-Regelung. Dabei können Arbeitgeber ihren Angestellten jederzeit aus beliebigen Gründen kündigen. „Oft werden die Arbeitszeiten der Mitarbeiter gekürzt und dann werden sie irgendwann einfach aus dem Dienstplan gestrichen“, so Murphy.

Das Phänomen des Ghostings durch Arbeitnehmer ist real und verursacht ernsthafte Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Aber Margot, Scherwin, Murphy und viele andere sehen es als eine Umkehr des seit Jahren gängigen Vorgehens von Personalabteilungen.

Dieser Artikel wurde von Steffen Bosse aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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