"Wir sind gezwungen, die Fahrweise anzupassen“: Daimler muss sein LKW-Hauptwerk in Wörth für viele Tage schließen

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Mercedes-Benz-Truck des Typs Arocs, wie er im Werk Wörth entsteht, beim Einsatz im Steinbruch.
Mercedes-Benz-Truck des Typs Arocs, wie er im Werk Wörth entsteht, beim Einsatz im Steinbruch.

Der Daimler-Konzern muss sein Hauptwerk für Lkw in der kommenden Woche vorübergehend schließen. Das belegen vertrauliche Dokumente, die Business Insider vorliegen. Demnach wird die Fabrik im rheinland-pfälzischen Wörth, das größte Montagewerk der Marke Mercedes-Benz Trucks, jetzt zu einer mehrtägigen Produktionspause gezwungen, da zentrale Bauteile fehlen.

Man habe bereits Ende August „über die gegenwärtigen weltweiten zeitlich begrenzten Lieferengpässe am Materialbeschaffungsmarkt informiert“, heißt es in einer auch auf Englisch versandten Vier-Seiten-Mitteilung an Geschäftspartner. „Daraus ergeben sich nun weitere Auswirkungen auf die Mercedes-Benz LKW Produktion“.

Konkret bedeutet dies, dass nach der unfreiwilligen Betriebsruhe vom gestrigen Mittwoch (8. September) bis Montag (13. September) auch vom 14. bis 17. September nicht gearbeitet werden kann. Damit entfällt in der kompletten Kalenderwoche 37 die Brummi-Fertigung in Wörth.

Für Daimler ist der insgesamt anderthalbwöchige Bau-Stopp ein Rückschlag von enormer Tragweite. Zum einen wird in der 1963 gegründeten Truck-Fabrik am Rhein der weltweit meistverkaufte Schwer-Lkw montiert, die Baureihe Actros. Auch die kleineren Modelle Arocs und Atego sowie Spezialfahrzeuge wie Unimog, Zetros und Econic entstehen an dem südwestdeutschen Standort, der über die Jahre in Daimlers weltweitem Produktionsverbund zum „Kompetenzzentrum für Mercedes-Benz Lkw“ aufgestiegen ist.

Schon deshalb muss sich das Daimler-Management fast flehentlich an die Zulieferer richten: „Aufgrund der abweichenden Produktionszeiten unserer Schwesterwerke bitten wir Sie, für den Zeitraum unserer Produktionsunterbrechung im Bedarfsfall täglich erreichbar zu sein, um bei eventuellen Qualitätsproblemen Sofortmaßnahmen einzuleiten und den Versand von eventuell benötigtem Engpassmaterial zu veranlassen“.

Zum anderen ist das Mercedes-Benz-Werk Wörth mit seinen nahezu 10.000 Beschäftigten zwar der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber im Bundesland Rheinland-Pfalz. Die tägliche Fertigungskapazität von 470 Neufahrzeugen aber lässt sich selbst in einem solchen Riesenkomplex nicht beliebig steigern. Das wiederum bedeutet, dass Mercedes-Benz Trucks nach Wiederanlauf des Werks Wörth die ohnehin schon langen Lieferzeiten für Actros & Co. weder schnell noch signifikant senken können dürfte.

Entsprechend massive Einbußen bei Umsatz und Erlösen liegen auf der Hand. Vor erhebliche Schwierigkeiten stellt die Produktionspause aber auch die Zulieferer von Mercedes-Benz Trucks: „Solange unsere Fertigung unterbrochen ist, sind keine Anlieferungen von Produktionsmaterial möglich“, mussten die Geschäftspartner jüngst lesen. „Dies gilt für alle Abladestellen unseres Werkes, auch für Abladestellen bei unseren externen Dienstleistern“.

Das hat knifflige Konsequenzen: „Unsere eigene Herstellung kann ich schon aufgrund der hohen Komplexität im Maschinenpark und der ausgeprägten Empfindlichkeit von Hightech-Anlagen nicht so einfach ‚mir nichts, Dir nichts’ runterfahren“, klagt der Produktions- und Logistikvorstand eines betroffenen Daimler-Lieferanten. „In meinen Betrieben werden also die Lager und Höfe überquellen“. Sarkastisch fügt er hinzu: „Das Ganze ist für unser Haus ein Wörth-Case-Szenario“.

Immerhin müssen gestresste Fernfahrer, die Teile für Daimler fahren und etwa aus dem Ausland schon seit Tagen unterwegs sind, keine Staus vor verrammelten Werkstoren fürchten: „Für die Annahme von bereits unterwegs befindlichem Material werden wir in unserem Wareneingang eine Notabwicklung einrichten“, lässt Daimler Truck wissen.

Gleichwohl dürfte die Interims-Schließung in Wörth viele fein austarierte Arbeitsabläufe kräftig durcheinander wirbeln. Vor allem die in der Automotive-Industrie verbreiteten zeit- und abfolgekritischen „Punktlandungen“ von Bauteilen: Bei lieferantenbeauftragten Just In Sequence (JIS)-Umfängen nehmen Sie bitte umgehend Kontakt zu Ihrem Dienstleister auf, um die weiteren Schritte abzustimmen“, fordert Mercedes-Benz Trucks denn auch.

Zugleich mahnt das Unternehmen in der Teilekrise Wohlverhalten an: „Bitte unterstützen Sie diesen Prozess konstruktiv. Wie auch Sie haben wir größtes Interesse daran, die Lieferkette so schnell wie möglich wiederherzustellen“.

Und weiter: „Wir beobachten und evaluieren die Situation kontinuierlich in enger Abstimmung mit unseren Lieferanten und werden unsere Produktionskapazitäten nach Abklingen des temporären Lieferengpasses auf geplantem Niveau fortsetzen“.

Die Schlusspassage des vertraulichen Schreibens allerdings bringt einen hochrangigen Adressaten mächtig in Rage. Sie lautet: „Darüber hinaus behalten wir uns vor, die zurückgestellten Mengen anschließend wieder aufzuholen. Dazu werden wir Sie zeitnah in Kenntnis setzen mit der Bitte, bei möglichen Engpasskomponenten auf uns rechtzeitig zuzukommen“. Auf unsere Anfrage zu einer Stellungnahme zur geplanten Schließung reagierte Daimler bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht.

Der vergrätzte Zulieferer-Manager: „Ist ja schön, was sich die Daimler-Oberen dieser Tage nicht so alles vorbehalten“. Dann zeigt die Führungskraft Zähne: „Ich selbst behalte mir vor, denen in den nächsten Preisgesprächen mal ganz und gar schonungslos aufzuzeigen, welche Unsummen mich das Lösen von Engpässen kostet“.

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