Gezwitscher lässt Börsenkurse wackeln

Dass Aktienpreise von Meinungen abhängen, ist beileibe keine neue Nachricht. Dass die Geschwindigkeit, mit sie sich verbreiten, durch das Internet nicht unbedingt gebremst wird, ist ebenfalls nicht neu. Wie aber Kommentare von Prominenten in sozialen Medien große Börsenwerte in kurzer Zeit vernichten können, bringt auch alte Börsianer zum Staunen.

 

“Alsooo, gibt es sonst noch jemanden, der Snapchat nicht mehr öffnet? Oder bin das nur ich … mann, ist das traurig”. 

 Wahrscheinlich hat Kylie Jenner, Reality-TV-Star aus den USA, nicht groß nachgedacht, als sie ihre Enttäuschung über die Neugestaltung des Social-Media-Dienstes Snapchat mithilfe des Social-Media-Dienstes Twitter (Frankfurt: A1W6XZ - Nachrichten) in die Welt posaunt hat. Aber 75.000 ihrer Abonnenten empfanden die Nachricht als bemerkenswert und 370.000 weitere Nutzer teilten das Gezwitscher – was Tweet ja ursprünglich bedeutet – umgehend weiter, so dass es sich in Windeseile verbreitete. Die Folge: Der Börsenkurs des Mutterunternehmens Snap Inc. brach um sechs Prozent ein, 1,3 Milliarden US$ Kurswert lösten sich in Luft auf.

Grafik: Google Finance

 

Jenner steht mit ihrem Geplapper derzeit nicht alleine da. Auch US-Präsident Trump schaffte es am 6. Dezember 2016, den Börsenkurs des Flugzeugbauers Boeing (NYSE: BA - Nachrichten) mit einem Tweet auf Sturzflug zu schicken:

Boeing is building a brand new 747 Air Force One for future presidents, but costs are out of control, more than $4 billion. Cancel order!”  

Kursverlust: zwei US$ pro Aktie, fast 1,8 Milliarden US$ in cash. Als Trump sich kurz darauf den Hersteller Lockheed Martin vorknöpfte, schmierten dessen Aktien um fast fünf Prozent ab. Und den Börsenwert des Autobauers Toyota kostete ein Tweet des Präsidenten 1,2 Milliarden US$.

Die Stimme von US-Promis hat anscheinend hohes Gewicht an der Börse. Im Januar ließ ein Kommentar von Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey zu Weight Watchers den Kurs der Aktie auf ein neues Allzeit-Hoch steigen – und heizte Spekulationen an, die Moderatorin brächte sich für die nächsten US-Wahlen schon einmal in Stellung.

Wie stark der Zusammenhang zwischen Tweets und Börsenkurs tatsächlich ist, darüber lässt sich bestimmt trefflich streiten. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen hinterlassen Statements von Prominenten den größten Eindruck bei Angehörigen der Generation Z (die heute zwischen 15 und 20 Jahren alt sind); 16 Prozent von ihnen fühlen sich mit den Promis verbunden, 14 Prozent übernehmen gar deren Meinung. Bei den Babyboomern (zwischen 50 und 64 Jahren) interessieren sich jedoch nur sieben Prozent für die Meinung von Promis, bei den über 65jährigen sogar nur zwei Prozent.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die ungeahnte Wucht des Tweets von TV-Sternchen Jenner erklären, deren Gefolgschaft fast ausschließlich aus Angehörigen der Generation Z besteht –und Snapchat ist nun mal ein Produkt für eben jene. Vielleicht sind aber auch die Aktienkurse bereits auf einem so hohen Niveau, dass schon das leiseste Gezwitscher sie aus dem Gleichgewicht bringen kann.

(TG)