Gewitterwolken an den Märkten

Der Chefvolkswirt der BayernLB sieht die Lage an den Märkten weit weniger euphorisch als es viele positive Frühindikatoren ausdrücken. Entscheidende Bedeutung kommt weiter den Zentralbanken in den USA und Europa zu.


Den Kurseinbruch von einst haben viele Anleger noch im Kopf. Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme krachten, waren die Börsen weltweit anschließend über Tage hinweg geschlossen. Trotzdem ließ sich auch danach der rapide Kurssturz nicht verhindern. Die Anschläge der vergangenen Monate, ob in Berlin, London, Cannes oder Paris, haben hingegen an den Börsen zu kaum einer Bewegung geführt.

Auf die Frage, warum politische Unsicherheiten angesichts der unsicheren Gemengelage rund um die Präsidenten Trump, Putin, Erdogan und Kim Jong-un kaum mehr Wirkung zeigen, hat Jürgen Michels eine einfache wie einleuchtende Erklärung. „Das mittelfristige Bild für die Unternehmen hat sich nicht verändert“, so der Chefvolkswirt der BayernLB. Es sei viel passiert, jedoch habe sich wenig materialisiert.


Grund dafür sind seiner Ansicht nach die Zentralbanken in den USA und Europa, die signalisiert haben: „Ich halte die Hand über Dich“, so Michels. Fraglich ist seiner Ansicht, ob das so weitergehen wird. Die Sommerzeit sei schließlich auch Gewitterzeit. Eine Zäsur, die viele am Markt noch gar nicht eingepreist haben, sieht er mit weiteren Zinserhöhungen in den USA und allmählich beginnenden Bilanzabschmelzung der US-Notenbank Fed. Bis Ende 2021 soll die wieder auf Normal-Niveau auf dann etwa 2,5 Billionen Dollar sinken. Aktuell sind es noch gut 4,5 Billionen Dollar. Spätestens im Dezember werde hier eine neue Episode eröffnet, in der dem Markt jeden Monat Liquidität entzogen wird.


Das deckt sich so gar nicht mit dem Optimismus deutscher Einkaufsmanager. „In deutschen Chefetagen herrscht Hochstimmung“, sagte Ifo-Chef Clemens Fuest bei der Vorstellung der neuen Zahlen in dieser Woche. Der Ifo-Geschäftsklima-Index stieg war da im Vergleich zum Mai noch einmal leicht angestiegen auf 115,1 Punkte. Ein Rekord.


Was gegen eine Wende in der Zinspolitik spricht


Für den Chefvolkswirt der BayernLB sind der Ifo-Index und etliche weitere Frühindikatoren viel zu rosig. „Die Situation ist okay, aber nicht mehr“, urteilt er. Seiner Ansicht nach liegt die gute Stimmung der Unternehmen daran, dass die in den vergangenen Jahren Kapazitäten abgebaut haben und jetzt ausgelastet sind. Das aber auf einer kleineren Basis als davor.

Diese Ausgangslage dürfte auch Auswirkungen haben auf die künftige Zinspolitik der EZB. Noch immer sei die Gesamtverschuldung in vielen Ländern viel zu hoch und bedarf weiterhin niedriger Zinsen. Michels ist sich sicher: Zu einer Kehrtwende in der bisherigen Politik werde es deswegen nicht kommen. Stattdessen werde das Programm zum Kauf von Staatsanleihen mindestens bis zum Jahresende weiterlaufen, erst dann würden die allmählich reduziert. „Homöopathische Schritte“ traut er EZB-Präsident Mario Draghi lediglich zu. Auf einem normalen Level sieht er das Zinsniveau in Europa erst wieder Mitte der Dreißiger Jahre – also in knapp zwei Jahrzehnten.

Dazwischen gibt es allerdings noch genügend Probleme zu lösen. „Italien ist derzeit der Elefant im Porzellanladen“, urteilt Michels sehr hart in seinem Urteil über das Land zwischen Brenner und Sizilien. Italien habe seit 15 Jahren ein Wachstumsproblem, dabei sei die Finanzkraft immer weiter runtergekommen. Anders stehe es um Frankreich seit der Wahl von Emmanuel Macron. „Das Land wird mittelfristig einen Sprung nach vorne machen“, ist er sich sicher. Italien dagegen nicht. All das könne für die Märkte kurzfristig Korrekturen bedeuten. „Sobald die Unterstützung der Zentralbanken weg ist oder auch nur die entsprechende Erwartungshaltung dazu, kann es spannend werden“.


Für den Dax, der am frühen Freitagnachmittag bei knapp über 12.400 Punkten notierte, erwartet er bis in den Herbst wenig Impulse. Zum Jahresende könnte es dann in Richtung 13.000 Punkte gehen, in einem Jahr sogar bis auf 13.400 Punkte. Dagegen dürfte der breit gefasste US-Leitindex S&P 500 erst mal nach unten rutschen, selbst in einem Jahr erwartet Michels kaum mehr als jetzt. Das gilt auch für Öl und Gold, wo im Juni 2018 die Kurse noch auf dem Niveau wie im Moment stehen dürften.

Weitaus spannender könnte es dagegen am Anleihemarkt werden. Zehnjährigen US-Bonds prophezeit Michels einen Anstieg der Rendite von derzeit rund 2,2 Prozent auf 2,9 Prozent zum Jahresende und 3,1 Prozent im kommenden Sommer. Bundesanleihen mit gleicher Laufzeit sollten in dieser Zeit von aktuell 0,4 Prozent auf 0,7 Prozent zum Jahreswechsel und 0,9 Prozent in einem Jahr steigen.