Gewinnwarnung alarmiert VW-Anleger

Volkswagen kann die manipulierten Dieselautos in den USA nicht schnell genug umrüsten. Daraus entstehen neue finanzielle Risiken: Wolfsburg muss weitere Milliarden zurückstellen. Die Aktie reagiert deutlich.


Auf den Volkswagen-Konzern kommen wegen der Abgasaffäre in den USA weitere Milliardenkosten zu. Im dritten Quartal werde das operative Ergebnis zusätzlich mit rund 2,5 Milliarden Euro belastet, teilte der Wolfsburger Konzern am Freitagmorgen mit. Volkswagen muss mehr Geld für das Rückruf- und Nachrüstprogramm von manipulierten Dieselfahrzeugen in Nordamerika zurücklegen. Damit steigen die Aufwendungen zur Bewältigung des Dieselskandals auf mehr als 25,1 Milliarden Euro.

Von der Dieselaffäre sind in den USA knapp 500.000 Fahrzeuge mit Zwei-Liter-Motoren betroffen. Die meisten amerikanischen Kunden wollen ihre manipulierten Autos an den Volkswagen-Konzern zurückgeben. Mehrere Hunderttausend Fahrzeuge stehen bereits bei den Händlern auf riesigen Sonderparkplätzen des Unternehmens. Volkswagen hatte darauf gehofft, dass diese Autos recht zügig umgerüstet und wieder als Gebrauchtwagen verkauft werden können. Damit sollte zumindest ein Teil der gewaltigen Milliardenlasten zurückgeholt werden.

Die Anleger reagierten am Freitag deutlich auf die Gewinnwarnung. Die Aktien rutschten zeitweise um vier Prozent auf ein Zweieinhalb-Wochen-Tief von 132,85 Euro ab und waren mit Abstand größter Verlierer im Dax, der um 0,2 Prozent zulegte. Der Autokonzern stockte seine Vorsorge für den Vergleich mit geschädigten Autobesitzern in den USA auf und rechnet im dritten Quartal deshalb voraussichtlich mit einer Belastung von rund 2,5 Milliarden Euro.

„Da sieht man, dass die Diesel-Affäre noch lange nicht ausgestanden ist“, sagte ein Händler. Ein anderer Börsianer betonte, mit der Gewinnwarnung habe niemand gerechnet. „Da stellt sich die Frage, inwiefern das ein Fass ohne Boden ist.“ 


Wie es dazu in Unternehmenskreisen heißt, waren die bisherigen Annahmen für den geplanten Gebrauchtwagen-Verkauf viel zu optimistisch. Volkswagen hat bislang deutlich weniger Autos verkauft als erhofft. Außerdem stockt das gesamte Verfahren: Dem Wolfsburger Konzern fehlen immer noch staatliche Genehmigungen zum Weiterverkauf der manipulierten Autos.

Im Unterschied zu Europa, wo es nur ein Software-Update für die Dieselfahrzeuge gibt, müssen die Autos in den USA mit großem Aufwand umgerüstet werden. Die Umweltbehörden verlangen dort, dass die VW-Werkstätten auch Eingriffe an Abgas- und Filteranlagen vornehmen, damit die Autos die schärferen amerikanischen Abgasvorschriften tatsächlich einhalten können. Dazu gehören aufwendige Langzeit-Tests, die das gesamte Genehmigungsverfahren ein weiteres Mal verzögern. Erst für gut die Hälfte der betroffenen Autos gibt es eine Genehmigung zur Umrüstung durch die amerikanischen Umweltbehörden. Erst danach können die Fahrzeuge als Gebrauchtwagen weiterverkauft werden.


Keine Abschreibung wegen sinkender Restwerte

Dazu kommt ein weiteres Problem, das viele Autohersteller und nicht nur den VW-Konzern belastet: Der Rückruf von Airbags durch den insolventen japanischen Autozulieferer Takata, von dem weltweit mehr als 50 Millionen Autos betroffen sind. Auch in den manipulierten Dieselfahrzeugen von Volkswagen in den USA waren Takata-Airbags eingebaut worden. Wie bei allen anderen Herstellern auch müssen diese Airbags jetzt ausgetauscht werden. „Es gibt jetzt aber keine Ersatz-Airbags“, heißt es dazu bei Volkswagen.

Dieser Teile-Mangel führt ebenfalls dazu, dass die zurückgenommenen Dieselfahrzeuge in den USA nicht umgerüstet und als Gebrauchtwagen weiterverkauft werden können. Wegen der drohenden langen Wartezeiten wird bei Volkswagen inzwischen überlegt, einen Teil der manipulierten Dieselautos gleich verschrotten zu lassen. Auch dieser Hintergrund führt jetzt zu einem erhöhten Rückstellungsbedarf in den USA: Die Fahrzeuge bringen wahrscheinlich kein Geld mehr auf dem Gebrauchtwagenmarkt.

Wie es in Wolfsburg weiter heißt, soll es in Europa zunächst keine Abschreibungen wegen der fallenden Preise für Dieselfahrzeuge geben. Denn besonders in Deutschland und in Großbritannien sind die Restwerte für gebrauchte Diesel deutlich zurückgegangen.


Im ersten Halbjahr haben die großen Automobilkonzerne in Europa noch 3,8 Millionen neue Diesel-Pkws verkaufen können - das ist der niedrigste Stand seit 2009, dem Jahr der Finanzkrise. Die Angst geht um, dass sich Dieselfahrzeuge nur noch mit hohen Abschlägen als Gebrauchtwagen weiterverkaufen lassen.

Denn damit würden auch die Restwerte sinken und zu einem ernsthaften Problem für die Autohersteller werden. Über ihre Finanz- und Leasingtöchter steuern die Konzerne einen Großteil ihres Fahrzeuggeschäfts. Schon heute ist der Verfall der Restwerte offensichtlich. Nach Berechnungen der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) erreichen drei Jahre alte Dieselfahrzeuge aktuell noch durchschnittlich 54,9 Prozent ihres Neupreises, zu Jahresbeginn waren es noch 56 Prozent. Experten warnen davor, dass die großen Konzerne vor gewaltigen Abschreibungsrisiken stehen, die in den Bilanzen schlummern.

In Wolfsburg wird die Entwicklung der Dieselrestwerte deshalb genau beobachtet. Volkswagen Financial Services hatte bereits reagiert und die Abschreibungen auf die Dieselrestwerte erhöht, wenn auch noch auf niedrigem Niveau. Für das erste Halbjahr von 2017 sind 141 Millionen Euro zusätzlich verbucht worden, knapp 50 Millionen Euro mehr als vor Jahresfrist. Die VW-Finanzsparte glaubt, dass dieser Betrag reichen sollte.

KONTEXT

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen - zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

KONTEXT

Chronologie der VW-Diesel-Affäre

Darum geht es:

Die Abgas-Affäre hat Volkswagen in eine schwere Krise gestürzt. Die bisherige Entwicklung im Überblick:

Quelle: dpa

September 2015

3. September 2015: VW räumt hinter den Kulissen gegenüber der US-Umweltbehörde EPA Manipulationen bei Diesel-Abgastests ein.

18. September: Die EPA teilt mit, VW habe eine Software eingesetzt, um Test-Messungen des Schadstoffausstoßes künstlich zu drücken.

23. September: Rücktritt von Vorstandschef Martin Winterkorn.

25. September: Der VW-Aufsichtsrat beruft Porsche-Chef Matthias Müller zum Konzernchef und trifft weitere Personalentscheidungen.

28. September: Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen.

Oktober 2015

15. Oktober: Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet den Pflichtrückruf aller VW-Dieselautos mit Betrugs-Software an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,5 Millionen Wagen in die Werkstatt.

März 2016

16. März 2016: Erster deutscher Schadenersatz-Prozess eines Privatkunden. Urteil des Landgerichts Bochum: VW muss keine Wagen zurücknehmen.

April 2016

22. April: Der Abgas-Skandal brockt VW für 2015 mit 1,6 Milliarden Euro den größten Verlust aller Zeiten ein.

Juni 2016

16. Juni: Volkswagen will sich nach dem Abgas-Skandal grundlegend neu aufstellen und unter anderem die Elektromobilität massiv ausbauen.

Juli 2016

7. Juli: Erste Sitzung des Abgas-U-Ausschusses des Bundestags.

8. Juli: Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft startet ein Verfahren, um über Bußgelder unrechtmäßige Diesel-Gewinne abzuschöpfen.

August 2016

8. August: Das Landgericht Braunschweig gibt den Startschuss für ein Musterverfahren wegen der Aktionärsklagen gegen Volkswagen.

29. August: Wegen einbrechender Gewerbesteuern erhöhen einige VW-Städte stark kommunale Gebühren, wie eine dpa-Umfrage ergibt.

September 2016

1. September: Das Bundesverkehrsministeriums wirft auch Fiat den Einsatz "unzulässiger" Abschalteinrichtungen vor - Fiat dementiert.

7. September: Die Vorwürfe gegen Bosch werden konkreter. Der VW-Zulieferer habe jahrelang von den Manipulationen seines Großkunden wissen müssen, klagen geschädigte Diesel-Besitzer in den USA.

Dezember 2016

8. Dezember: Die EU-Kommission sieht massive Mängel bei der Aufarbeitung des Abgas-Skandals und geht gegen Deutschland vor.

15. Dezember: Sigmar Gabriel (SPD), Peter Altmaier (CDU) und Barbara Hendricks (SPD) sagen im U-Ausschuss aus, sie hätten erst nach Aufdeckung des Skandals 2015 von verbotenen Praktiken erfahren.

20. Dezember: Im Rechtsstreit um Hunderte Zivilklagen verkündet ein US-Richter einen Kompromiss. VW soll Kunden, Behörden, Händlern und US-Bundesstaaten über 16 Milliarden Dollar an Entschädigung zahlen.

Januar 2017

9. Januar 2017: Es wird bekannt, dass das FBI einen VW-Manager wegen des Diesel-Skandals festgenommen hat. Fünf weitere werden angeklagt.

11. Januar: VW und das US-Justizministerium einigen sich in einem zweiten großen Vergleich zu den strafrechtlichen Fragen auf eine Zahlung von 4,3 Milliarden Dollar.

12. Januar: In den USA gerät nach Volkswagen auch Fiat Chrysler wegen auffälliger Abgaswerte ins Visier der Behörden.

19. Januar: Ex-VW-Konzernchef Martin Winterkorn erscheint vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Abgas-Skandal.