Gewinnmitnahmen haben noch keinem geschadet: Vergiss besser diesen Spruch, wenn du an der Börse langfristig erfolgreich sein willst!

Andre Kulpa, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, das in einem hochsteigt, wenn man eine Aktie gekauft hat, die sich nach ihrem Erwerb positiv entwickelt. Denn es gibt doch nichts Schöneres, als mit einer Investition richtiggelegen zu haben. Und es hat sich ja jetzt auch der optische Wert des investierten Geldes erhöht, was sich meist ebenfalls sehr gut auf die Stimmung auswirkt.

Doch auf einmal kommen dann mitunter andere Gedanken auf. Was ist, wenn die Börse kippt und der Buchgewinn abzuschmelzen droht, oder, noch schlimmer, sogar ein Crash die Märkte heimsucht. Da wird dann manch ein Anleger unruhig und realisiert den erzielten Kursgewinn, obwohl die entsprechende Aktie vielleicht nur 30, 50 oder auch 70 % angestiegen ist.

Jetzt wird manch einer einwerfen, dass dies doch akzeptable Prozentsätze sind und eine Gewinnmitnahme hier durchaus sinnvoll erscheint. Aber das wäre in meinen Augen etwas voreilig gedacht, denn es gibt ein paar Dinge, die man wissen sollte, bevor man eine Aktie vorschnell verkauft.

Steuern und Dividende

Wer eine Aktie verkauft, die ordentlich im Plus ist, sollte bedenken, dass in der Regel eine Kapitalertragssteuer auf den erzielten Gewinn von mindestens 26,38 % an das Finanzamt abgeführt werden muss. Und je nach Konfession kann sich die zu zahlende Steuer sogar noch etwas erhöhen. Nur wenn man seinen Sparerfreibetrag, der bei Alleinstehenden 801 Euro und für Verheiratete 1.602 Euro beträgt, noch nicht ausgeschöpft hat oder vorher realisierte Verluste gegenrechnen kann, würde die Steuerlast hier geringer ausfallen.

Weiterhin verzichtet man mit dem Verkauf natürlich auf die Dividende, die ja von vielen Aktiengesellschaften an die Anleger gezahlt wird. Wenn es sich um ein Unternehmen handelt, das die Ausschüttung in der Regel jedes Jahr ein wenig erhöht, und man die Sache einmal langfristig betrachtet, könnte es sein, dass man auf eine Menge Geld verzichtet. Denn in einem solchen Fall würde sich ja mit der Zeit auch die persönliche Dividendenrendite, die man auf sein eingesetztes Kapital erhält, immer weiter erhöhen.

In Dekaden denken

Stößt man eine Aktie aufgrund von Gewinnmitnahmen ab, fallen also meistens Steuern an und man profitiert auch nicht mehr von einer Gewinnbeteiligung. Auch könnte man sich womöglich hinterher ärgern, nämlich dann, wenn das Papier im Kurs munter weiter ansteigt. Man hat zwar einen kleinen Gewinn eingefahren, aber richtig viel Geld kann man mit einer Investition in Aktien unter Umständen verdienen, wenn man in Dekaden denkt.

Man sollte nämlich wissen, dass sich Aktienkursanstiege über längere Zeiträume exponentiell entwickeln. Und diese Kraft, die auf dem Zinseszinseffekt beruht, kann sich natürlich erst über die Jahre oder Jahrzehnte so richtig entfalten. Wie kann man sich das aber vorstellen?

Kauft sich ein Anleger beispielsweise für 10.000 Euro Aktien eines Unternehmens seiner Wahl, dann würde der Wert dieser Investition bei einer Erhöhung des Kurses um 10 % genau um 1.000 Euro ansteigen. Verdoppelt sich aber mit der Zeit der Kurs der erworbenen Aktien, würde deren Wert nun bei 20.000 Euro liegen. Und ein Kursplus von 100 % ist für nicht wenige Anleger ein Grund, wenigstens die Hälfte der Papiere zu verkaufen, um so den gezahlten Kaufpreis in Sicherheit zu bringen.

Aber man sollte hier weiterdenken. Denn wenn sich der Kurs der gekauften Aktien von diesem Punkt aus noch einmal verdoppeln sollte, hätte man nämlich jetzt schon einen Gewinn von 300 % gemacht bzw. könnte auf dem Depotauszug einen Wert der Position von 40.000 Euro ablesen. Und so würde dies dann mit den Jahren immer weitergehen. Denn je länger man investiert ist und je weiter die Aktien nach oben klettern, umso höher fallen auch kleinere prozentuale Kurssteigerungen ins Gewicht.

Fazit

Gewinne mitzunehmen sollte meines Erachtens sehr gut überlegt sein. Denn erstens können beim Verkauf Steuern anfallen, die den erzielten Gewinn sofort wieder schmälern, zweitens kann man auch nicht mehr von einer Gewinnbeteiligung mittels Dividenden profitieren und drittens verzichtet man womöglich auf ein exponentielles Kurswachstum, das mit den Jahren den Depotwert eventuell erst so richtig anschwellen lässt.

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