Die Gewinner des Schönheitswettbewerbs

Schlanke Pinien säumen den Weg, alle paar Meilen blitzt die Oberfläche eines Sees hinter der Leitplanke auf. Wer gedankenverloren über die Interstate 40 fährt, der mag kaum glauben, dass einer der wertvollsten Konzerne der Welt im Grün hinter der Autobahn einen neuen Hauptsitz bauen könnte. Die Gegend zwischen Raleigh, Durham und Chapel Hill, als „Research Triangle“ bekannt, ist das Hinterland des Bundesstaats North Carolina.

Dennoch rechnet sich Michael Pittman gute Chancen aus, wenn Amazon bald die Entscheidung bekanntgibt. Der Onlinekonzern sucht einen Standort für eine zweite Zentrale, „HQ2“ genannt. 50.000 Mitarbeiter soll sie fassen, wenn die geplanten fünf Milliarden Dollar verbaut sind. Es ist ein Projekt, das Bürgermeister, Wirtschaftsförderer und Immobilieninvestoren in ganz Nordamerika in Aufregung versetzt. 238 Städte bewarben sich.

Die erste Hürde hat Raleigh schon geschafft. Amazon veröffentlichte jetzt die Top-20-Kandidaten. Darunter befinden sich wenig überraschende Metropolen wie New York, Toronto, Boston, Denver oder Chicago. Aber es sind auch wenig bekannte Namen dabei wie Columbus in Ohio oder eben Raleigh in North Carolina. Sie erfüllen am meisten die acht Vorbedingungen von Amazon, darunter profane Anforderungen wie ein Flughafen mit bestimmten Direktflügen, der in 45 Minuten zu erreichen sein muss. Auch soll eine Baufläche von mindestens 740.000 Quadratmetern vorhanden sein. Dazu kommen weiche Vorgaben wie „hohe Lebensqualität“, „kulturelle Gleichheit“ und ein „starkes Universitätssystem“.


Die Gewinner der ersten Runde müssen sich jetzt zum Konzernsitz von Seattle aufmachen, um dort Amazons Vorstandschef Jeff Bezos zu überzeugen. Ab 2019 soll gebaut werden, angesichts der Vorlaufzeit wie für Baugenehmigungen muss die endgültige Auswahl in wenigen Monaten vorgenommen werden. „Von 238 auf 20 zu kommen war sehr schwer“, sagte Holly Sullivan von Amazon Public Policy. „Alle Vorschläge zeugten von unglaublich viel Enthusiasmus und Kreativität.“

Wer setzt sich durch? Bekannte Städte wie Boston oder Chicago, die nicht ganz so groß und teuer sind wie beispielsweise New York, könnten gute Karten haben. Aber auch die kleineren Bewerber rechnen sich gute Chancen aus. „Wir glauben, dass wir den besten Standort haben“, sagt Pittman, der als Marketingchef der Stiftung „The Research Triangle Park“ (RTP) an der Bewerbung für Raleigh in North Carolina mitgeschrieben hat. Das weite Land hat dem einst armen Südstaat zu einem enormen Aufschwung verholfen – und könnte nun bei der Bewerbung von Vorteil sein.



Die Geschichte einer unterschätzten Region.

Tabak, Baumwolle, Erdnüsse, darüber ziehen zwei Enten hinweg. Ob diese Postkarte ländliche Urlaubsidylle transportieren sollte oder kaum versteckten Spott, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. So oder so: Das Bild, überschrieben mit dem Satz „Greetings from North Carolina“, beinhaltete eine Menge Wahrheit. Denn in den 1950er-Jahren gab es im Südosten der USA viel Landwirtschaft – und wenig mehr.

„North Carolina war der zweitärmste Staat der Nation“, sagt John Hardin. Die Präsentation mit der Postkarte leuchtet hinter ihm an der Wand, umrahmt von den Fahnen der USA und des Staates. Das Einzige, was die Industrie herstellte, waren Möbel und Textilien, ein Großteil der Menschen schuftete für wenig Geld auf den Feldern oder in den Lagerhäusern.



An der Ausbildung lag es nicht. Es gab zwar gute Hochschulen, aber: „Die Absolventen mussten weggehen, um Jobs zu finden“, sagt Hardin, der als Chef des Büros für Wissenschaft, Technologie und Innovation (OSTI) oberster Wirtschaftsförderer im Bundesstaat ist. Die Tabakfabriken und Firmen hatten ihnen nicht viel zu bieten.

Um die Absolventen der Universitäten zu halten, beschlossen der Gouverneur und einige Geschäftsleute 1959, zwischen den Universitätsstädten Raleigh, Durham und Chapel Hill ein Gewerbegebiet aufzumachen. Sie schufen eine Stiftung, die billig 28 Quadratkilometer Land kaufte – der Boden war nicht besonders fruchtbar. Auf der Fläche einer Kleinstadt sollten die Unternehmen Fachkräfte finden, die Absolventen Arbeit.

In den ersten Jahren interessierte sich indes kaum jemand für den „Research Triangle Park“. Doch 1965 beschloss IBM, ein Bürogebäude zu beziehen – „Big Blue“, damals auf Expansion, gab ein Signal. Es folgten über die Jahre zahlreiche Vertreter des „Corporate America“: Cisco, Red Hat, Fidelity Investments, Glaxo-Smithkline. Dazu internationale Konzerne wie Credit Suisse, Lenovo und jüngst Infosys. Es war wie bei einer Party: Je mehr Leute zusammenstehen, desto mehr kommen dazu.



Top 10 der klügsten Städte

Heute sind 260 Firmen im „Research Triangle Park“ angesiedelt. Sie beschäftigen 50.000 Mitarbeiter, einen Großteil mit Universitätsabschluss. Mehr noch: Es gibt kaum einen Landstrich, in dem mehr Menschen einen Doktortitel tragen. In den Rankings des „Time“-Magazins landet Raleigh regelmäßig unter den Top Ten der klügsten Städte. Und in der Tabelle mit Durchschnittseinkommen liegt North Carolina nun etwas oberhalb der Mitte.

Doch die Menschen kommen nicht nur wegen des Geldes. „Ich habe in den vergangenen 25 Jahren an vielen Orten im Land gelebt“, sagt David Cohen, Gründer des Start-ups Voxelight. Das RTP sei sehr lebenswert: die Lebenshaltungskosten bezahlbar, der Verkehr überschaubar. Das steht im Kontrast zum Silicon Valley, wo die Miete riesige Summen verschlingt und jeden Tag eine Blechlawine über die Highways rollt. Und noch etwas gefällt Cohen: „Die öffentlichen Schulen sind recht gut.“



Das Klischee von der Provinz, in der es nicht viel außer Tabak und Baumwolle gibt, stimmt nicht mehr. Cohen steht dafür exemplarisch: Er entwickelt mit seiner Firma ein Gerät, das den Sonnenschutz erleichtern soll: Die Kamera zeigt, wo noch keine Sonnencreme auf der Haut ist. Bei „Shark Tank“, dem Vorbild der deutschen Sendung „Die Höhle der Löwen“, stieß er damit auf großes Interesse.

Voxelight hat Büros in einem alten Tabaklager aus Backstein, das jetzt als Co-Working-Space dient. Unternehmen können dort Büros mieten, Kaffee und Getränke sind ebenso inklusive wie die Rutsche ins Bällebad und Events zum Austausch über E-Commerce oder Personalsuche. Start-ups siedeln sich nicht nur zwischen San Francisco und San Jose an, sondern auch in Raleigh oder Durham.

Der Mais steht in ordentlichen Reihen, davor zeigen Schilder an, welche Saaten wachsen. Wissenschaftler mit weißen Kitteln und Schutzbrillen schreiten durch die Gewächshäuser, in denen auch Raps und Soja angepflanzt sind. Die Wissenschaftler protokollieren genau, wie sich die Pflanzen entwickeln, wenn sie wenig Wasser bekommen oder mit Insektengift besprüht werden.

BASF hat die Zentrale für Pflanzenforschung nach North Carolina verlegt, von der Interstate 40 sind es nur ein paar Minuten dorthin. Der deutsche Chemiekonzern verließ die Heimat 2012, die Kritik an der grünen Gentechnik störte das Management. Das war aber nur ein Grund für den Umzug: „Diese Gegend wird zum weltweiten Zentrum für Biotechnologie“, sagt Arno Krotzky, der als Vice President für den Konzern arbeitet.



BASF eröffnete die Niederlassung 1986. „Damals war das praktisch ein Dorf im Nirgendwo“, sagt Krotzky, der die Entwicklung seither beobachtet. Doch North Carolina bot dem Konzern viele Vorteile: die guten Universitäten, das weite und billige Land. „Hilfsindustrien“, wie Krotzky die IT-Branche nennt – Biotechnologie ist heute zu einem guten Teil Informatik. Und nicht zuletzt die großzügigen Subventionen für die Ansiedlung.

Es ist ein Argument, das immer wieder zu hören ist. Erst jüngst kündigte Infosys an, im RTP investieren zu wollen. Der indische IT-Konzern steht in den USA unter Druck, lokale Arbeitskräfte zu engagieren – „America first“ lautet unter Präsident Trump die Devise. 2000 Jobs will der Dienstleister nun in North Carolina schaffen, wo er bereits mehr als 1000 IT-Spezialisten beschäftigt. Neben den Universitäten dürfte die Förderung die Entscheidung erleichtert haben, wie das Unternehmen durchblicken lässt.

Auch beim Werben um Amazon spielen Subventionen eine wichtige Rolle. Die meisten Städte nennen zwar keine Details, doch sie liefern sich vermutlich einen aggressiven Wettbewerb. Newark in New Jersey etwa kündigte Steuererleichterungen in Höhe von sieben Milliarden Dollar an, Dallas will für 14 Milliarden Dollar eine Zugstrecke nach Houston bauen. Kritiker warnen vor einer Umverteilung vom Staat zum Konzern.

Auch das Research Triangle wird sich wohl sich darauf einlassen müssen. Der Staat North Carolina und die Landkreise werden beide „aggressive Anreize“ bieten, ließ der Marketingexperte Michael Pittman vom RTP durchblicken, ohne Details zu nennen. Neben Steuervorteilen handelt es sich dabei beispielsweise um Investitionen in den Nahverkehr: Ohne Auto geht im Umland der Interstate 40 wenig.

Ein weiteres Projekt: Die Stiftung baut leere Bürogebäude im Zentrum des Parks um. Hier sollen Büros und Wohnungen, Cafés und Geschäfte entstehen. Die Konstruktionszeichnung zeigt Flaneure an einem Bach. „Die jungen Leute wollen mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren und mittags in unterschiedlichen Restaurants essen oder Kaffee trinken gehen“, sagt Pittman.

So eine urbane Umgebung kann der Research Triangle Park nicht bieten: Jedes Unternehmen hat seinen eigenen Campus, eine Zentrale gibt es nicht. „Wir vermarkten diese Entwicklung gegenüber Amazon als einen Ort für einige Büros und Wohnungen“, kündigt Pittman an. Ob all das reicht, um den Konzern zu überzeugen, wird sich in wenigen Wochen herausstellen. Einen Vorteil hat die Region: Man ist dort gewohnt, unterschätzt zu werden.