Getir-CEO Nazim Salur: „Wir sind der digitale Butler für Millionen von Menschen“

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Nazim Salur, CEO vom türkischen Lieferdienst Getir.
Nazim Salur, CEO vom türkischen Lieferdienst Getir.

Nazim Salur sitzt in seinem Büro im hellblauen Hemd und trägt einen Henriquatre-Bart. Hinter ihm ist ein Gemälde von der Bosporus-Brücke in Istanbul, die Europa mit Asien verbindet. Sein Unternehmen Getir, das als Vorreiter der ultraschnellen Lieferdienste gilt, ist im bestimmten Sinne auch zu einer Brücke geworden. Denn das Unternehmen ist mittlerweile nicht nur in Bosporus aktiv, sondern auch in vielen europäischen Städten wie London, Amsterdam, Paris und seit Ende Juni in Berlin. Getir bedeutet „bring“ auf Türkisch – und das Konzept geht auf. In kürzester Zeit etablierten sich die violetten Mofas in der Türkei, weil sie die Bestellung innerhalb von 10 Minuten liefern.

Business Insider sprach am sechsten Jahrestag von Getir mit dem CEO Nazim Salur. Im Gespräch erzählt Salur von den Anfängen und den Herausforderungen, die für ähnliche Geschäftsmodelle anstehen.

Getir ist das wertvollste Startup der Türkei

Im Corona-Jahr 2020 erlebte Getir in seinem Ursprungsland Türkei einen Boom, als Menschen während der Pandemie immer mehr bei Online-Lieferdiensten einkauften. Bei der ersten Finanzierungsrunde, die Anfang letzten Jahres abgeschlossen wurde, nahm der Lieferdienst rund 32 Millionen Euro ein.

Anfang Januar erhielt Getir eine weitere Finanzierung in Höhe von 108 Millionen Euro von Investoren, darunter vom Milliardär Michael Moritz von Sequoia Capital. Damit finanzierte Getir die Expansion in Großbritannien. Die dritte Finanzierungsrunde brachte Getir, laut dem Unternehmen, eine Bewertung von 6,3 Milliarden Euro ein und machte es zu einem der wertvollsten Start-ups der Türkei.

Salur und vier Freunde gründeten Getir

Bis zu seinem 50. Lebensjahr hatte Salur wenig mit der Tech-Branche zu tun. „Vor neun Jahren gründete ich das Unternehmen„BiTaksi“ mit einer App, die innerhalb von drei Minuten Taxis organisiert“ erzählt Salur, der BWL studiert hat. Diese App brachte ihn auf die Idee einen schnellen Lieferdienst zu gründen. „Millionen von Kunden haben BiTaksi heruntergeladen, weil die App ihren Alltag erleichterte“, sagt Salur.

Als er seinem engen Freundeskreis von der Idee erzählte, die App auch für andere Dienstleistungen anzuwenden, stiegen sie sofort ins Geschäft ein. Zu fünft gründeten sie die Firma und gaben am 9. Juli 2015 den Startschuss. „Wir starteten am ersten Tag mit 300 Mitarbeitern, was für ein Start-up unüblich ist. Nach sechs Jahren arbeiten bei Getir fast 20.000 Menschen“, erzählt er.

„Als wir anfingen, gab es keinen digitalen Supermarkt, der in 10 Minuten liefert. Auch nicht in 30 Minuten oder einer Stunde. Seit einem Jahr beobachten wir, dass viele sich durch unsere Idee inspirieren ließen und jetzt ähnliche Start-ups gründen“, sagt Salur. Für Kunden bringt Getir auch ein Stück Luxus, die sie sich vielleicht bisher nicht immer leisten konnten. „Einen Butler oder Hilfskräfte einzustellen, die den Einkauf erledigen, konnten sich bisher nur wohlhabende Menschen leisten“, sagt er. Das Geschäftsmodell habe diese Schwelle demokratisiert, glaubt der CEO. „Wir sind die digitalen Butler für Millionen von Menschen.“

Die Branche ist wie ein Computerspiel

Der Veteran der Branche sieht die Dynamik bei dem Geschäftsmodell, wie die eines Computerspiels. „Uns unterscheidet von den anderen, dass wir nicht mehr im Level eins sind, sondern im Level sechs“, sagt der Getir-CEO. Nach sechs Jahren hat das Unternehmen alle Schwierigkeiten hinter sich, die anderen noch bevorstehen. „Die Erfahrung und das Know-How, was wir im Türkei-Geschäft erlernt haben, bringen wir jetzt in andere Länder ein“, sagt er.

Das Berliner Unternehmen Gorillas hat dasselbe Konzept letztes Jahr nach Deutschland gebracht. Gorillas-Chef Kagan Sümer nannte Getir in einem Interview als Inspirationsquelle. Auf die Frage was er von dieser Aussage hält, schmunzelt der CEO des Lieferdienstes. „Er hätte schlecht sagen können, dass es seine Idee war", sagt er.

Doch seit Anfang Juni wurde für Gorillas die Inspirationsquelle zur Konkurrenz. Ziel von Salur ist bis Ende des Jahres in sechs bis sieben Städten in Deutschland zu starten. „Auch wenn wir nun seit sechs Jahren auf dem Markt sind, sind wir in den Ländern, die wir gerade betreten haben, ein neues Unternehmen“, sagt er. Für Getir heißt das, dass die Marke auch in den neuen Städten wieder unter Beweis stellen muss.

Getir ist seit einigen Wochen auch in Berlin unterwegs
Getir ist seit einigen Wochen auch in Berlin unterwegs

Der wichtigste Aspekt dabei sind die Kuriere. Für Salur ist klar, dass sie gute Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiter schaffen müssen, denn der Markt für Kuriere ist hart umkämpft. „Wir möchten in allen Ländern die beste Firma für unsere Kuriere werden, sonst bleiben wir nicht lange auf dem Markt“, sagt Salur. Die Einstiegsgehälter liegen beim Start-up bei 10,50 Euro je Stunde und die Mitarbeiter bekommen unbefristete Arbeitsverträge. Außerdem wer länger bei Getir bleibt, wird auch belohnt. „Die Kollegen, die mit uns länger arbeiten, bekommen von uns Boni.“

Der 59-Jährige will, bis auf einige Ausnahmen, keine Kuriere oder Depotmitarbeiter aus der Türkei nach Deutschland oder Großbritannien bringen. „Für uns ist es wichtig, mit Menschen, die vor Ort leben, zu arbeiten. Unser Deutschland-Chef ist ein deutscher, der den lokalen Markt besser einschätzen kann.“ Die Applikation in Deutschland ist aber zweisprachig um die türkische Community besser zu erreichen. „Wir wollen unsere Produktpalette mit türkischen Waren erweitern, die die Deutschtürken aus der Heimat vermissen.“

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