Gesundheitssysteme in Südeuropa stoßen an ihre Grenzen

Die Gesundheitssysteme in Italien, Frankreich und Spanien sind schon jetzt hoffnungslos überfordert. Doch das Schlimmste steht noch bevor.

In der Madrider Messe sollen während der Ausgangssperre Obdachlose aufgenommen werden. Spanien ist eines der am schlimmsten von dem neuen Coronavirus betroffenen Länder. Foto: dpa

Angelo Borelli hat im Moment den unangenehmsten Job in Italien. Jeden Tag um 18 Uhr verkündet der Chef des Zivilschutzes in Rom die neuen Zahlen zur Ausbreitung des Coronavirus. Und das seit beinahe vier Wochen, seit die ersten Erkrankungen in Norditalien bekannt wurden.

Die Zahl der Infizierten steigt täglich mit rasender Geschwindigkeit. Derzeit sind es 41.035 Menschen, rund 15 Prozent mehr als noch am Mittwoch. Südkorea, das die Pandemie mit erstaunlicher Effizienz bekämpft, hat Italien damit längst übertroffen. Gleich nach Italien und dem Iran folgt Spanien, dahinter kommen Deutschland und Frankreich, wie die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigen.

Dass die Lage in Italien besonders kritisch ist, ist der Tatsache geschuldet, dass es den anderen europäischen Ländern zwei Wochen voraus ist. Das heißt, auch in Deutschland, Spanien und Frankreich könnten schon bald italienische Verhältnisse herrschen. Vor allem in Frankreich und Spanien befindet sich das Gesundheitssystems schon jetzt an der Belastungsgrenze.

Paris und Madrid sind Italien längst gefolgt und haben eine Ausgangssperre verhängt. Nur noch Supermärkte und Apotheken sind geöffnet. Premier Giuseppe Conte bereitete die Italiener am Donnerstag auf eine Verlängerung der drastischen Maßnahmen vor, die ursprünglich am 25. März enden sollten.

„Die Einschränkungen zeigen Wirkung, aber eine Verlängerung der totalen Ausgangssperre ist unvermeidlich“, sagte er. Auch Schulen und Universitäten sollen über den 3. April hinaus geschlossen bleiben. Die Kontrollen auf den Straßen wurden verschärft, wie Innenministerin Luciana Lamorgese erklärte.

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Todeszahlen in Italien sind schockierend

Die Lage ist dramatisch. Vor allem der Anstieg der Zahl der Toten: Am Mittwoch gab es 475 an einem Tag, ein Anstieg von 19 Prozent innerhalb von 24 Stunden. Das sei der größte tägliche Anstieg seit Beginn der Coronakrise, sagte Borelli.

Insgesamt sind in Italien nun 3 .405 Menschen an Covid-19 gestorben. Auch das sind jetzt mehr als in China. 427 Todesfälle kamen am Donnerstag hinzu. Der einzige Lichtblick: Auch die Zahl der Geheilten steigt, es waren 4. 440.

Die Situation in den Krankenhäusern ist dramatisch. Es fehlt an Intensivstationsbetten. Momentan stehen nach Angaben des Gesundheitsministeriums landesweit nur 5.200 zur Verfügung. Die Regierung kommt nicht nach, die Zahl in provisorisch eingerichteten Privatkrankenhäusern, Militärhospitälern und Spezialkliniken zu erhöhen.

“Wir haben akuten Notstand”

Knapp sind auch Beatmungsgeräte, Schutzanzüge und Masken. „Wir haben akuten Notstand, unser Personal arbeitet rund um die Uhr, und wir wissen nicht, wie lange diese Pandemie noch andauert“, sagt Stefano Fagiuoli, der medizinische Leiter des Krankenhauses „Giovanni XXIII“ in Bergamo.

Die Pandemie produziert schreckliche Bilder: Anwohner der Stadt verbreiteten Videos, auf denen Militärlastwagen zu sehen sind, die bei Nacht die Verstorbenen aus Bergamo in andere Provinzen bringen, denn die Bestattungsinstitute sind überfordert.

Mittlerweile gibt es die ersten Statistiken zu den Opfern. So sind nach Angaben von Silvio Brusaferro, dem Chef des staatlichen Gesundheitsinstituts ISS in Rom, 80 Prozent der Toten Männer im Alter von 70 bis 89 Jahren, die bereits Vorerkrankungen hatten. Doch die Zahl der jüngeren Infizierten steigt. Brusaferro geht von einer hohen Dunkelziffer aus: „Wir testen nur Menschen mit Symptomen, nicht die ganze Bevölkerung.“

Spaniens Gesundheitssystem am Limit

Spanien ist Italien nur wenige Tage hinterher. Auch dort arbeitet das Gesundheitssystem am Limit. Es fehlt in den Krankenhäusern die Schutzausrüstung – Masken, Brillen oder Kittel. 455 Ärzte und Pfleger haben sich mit dem Virus infiziert, befinden sich in Quarantäne und fehlen damit in den überlasteten Kliniken. Eine Krankenschwester ist bereits an dem Virus gestorben.

Die Not ist so groß, dass der spanische Textilriese Inditex angeboten hat, der Regierung sein weltweites Logistiknetzwerk zum Transport der dringend benötigten Materialien zur Verfügung zu stellen.

Die Firma prüft zudem, in ihren Nähereien Masken und Krankenhauskittel zu fertigen. „Das Schlimmste liegt noch vor uns“, hatte der spanische Premier am Mittwoch bei einer Ansprache vor einem nahezu leeren Parlament prophezeit. Die Zahl der Infizierten beträgt jetzt 17.147. Verstorben sind inzwischen 767 Menschen, 939 liegen auf den Intensivstationen – davon allein 590 im Großraum Madrid.

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Spanien wandelt Hotels in Krankenstationen um

Seit Donnerstag werden die ersten Patienten der Hauptstadt in das „Gran Hotel Colón“ verlegt, das erste Hotel, das zu einer Krankenstation umfunktioniert wurde. „Zudem werden die Ärzte aus dem Ruhestand geholt, die vor Kurzem mit 65 Jahren in Rente gegangen sind“, erklärt Paloma Alonso Cuesta, Gesundheitsexpertin bei der Business School IE. 

Insgesamt haben die spanischen Behörden 50.000 weitere Mitarbeiter für das Gesundheitssystem angeheuert, darunter neben pensionierten Ärzten und Pflegern auch Medizinstudenten im letzten Jahr und junge Ärzte.

Die hohe Fallzahl in Spanien erklärt sie mit der Kultur. „In Spanien gehört es zum sozialen Leben, abends auszugehen und sich mit Freunden zu treffen. In einer Pandemie ist das fatal“, so die Expertin.

Wegen des Mangels an Testkits testet Spanien nicht jeden, der sich mit leichten Symptomen bei der Notfallnummer meldet. Das führt zu einer hohen Dunkelziffer. Die Weltgesundheitsorganisation hat wiederholt gemahnt, dass es für die Eindämmung der Pandemie wichtig ist, wirklich alle Fälle und ihre Kontaktpersonen zu kennen.

Ein großes Problem in Spanien ist auch, dass die Gesundheitsversorgung in die Kompetenz der 17 autonomen Regionen fällt. Selbst bei der Erhebung und Weitergabe der Daten mangelt es. Wie viele Menschen in Spanien inzwischen getestet wurden und wie viele Tests davon positiv waren, ist in keiner Statistik zu finden.

Tweet eines spanischen Arztes zur Situation

Mit Mülltüten betreten wir in Andalusien auf diese Weise die Räume von Patienten mit Symptomen, die mit COVID-19 kompatibel sind.

• Wir haben KEINE Masken

• Wir haben KEINE Schutzanzüge

• Wir haben KEINE Brillen

Die Regierung ist für unsere Ansteckung verantwortlich

WIR BRAUCHEN JETZT MATERIAL

Sanitäre Notlage in Frankreich

Frankreich wird in den nächsten Tagen den „sanitären Notstand“ erklären. Das wird es der Regierung erlauben, mit Dekreten die Bewegungsfreiheit der Bürger weiter einzuschränken und in die Wirtschaft einzugreifen.

Frankreich hat etwas über 9.000 bestätigte Corona-Infizierte, nennt am Donnerstag aber bereits die Zahl von 175 Toten. Knapp 1.000 Patienten in Frankreich sind derzeit unter künstlicher Beatmung in Behandlung.

Nach Aussage des Generaldirektors des Gesundheitsministeriums, Jerôme Salomon, ist rund die Hälfte von ihnen jünger als 60 Jahre. Das ist höchst überraschend, weil weltweit vor allem Ältere über 65 oder 70 besonders schwere Symptome aufweisen.

Eine Erklärung könnte sein, dass die Krankenhäuser schon mit einer Altersauswahl begonnen haben und vorzugsweise Jüngere behandeln. Die Tageszeitung „Le Figaro“ zitiert Gaël Durel, den Präsidenten der Vereinigung koordinierender Ärzte, mit der Aussage, dass die Krankenhäuser Covid-19-Patienten aus Altersheimen kaum noch aufnähmen: „Sie behandeln eher die, die größere Chancen haben durchzukommen.“ Schlägt das Virus in einem Altersheim zu, sterben laut Durel rund 20 Prozent der Infizierten. Damit hat man auch eine Erklärung für die hohe Mortalität in Frankreich.

Die beschränkte Kapazität an Betten mit Beatmungsgeräten ist ein Problem. Insgesamt sollen 5.000 zur Verfügung stehen, ein Fünftel davon ist bereits belegt. Doch die Zahl der Erkrankten nimmt exponentiell zu.

Überlastete Regionen

Die andere Schwierigkeit besteht in der regionalen Häufung der Fälle. Die Region Grand Est, dort vor allem das Elsass, ist bereits überlastet. Der Region Ile de France rund um Paris droht nun das gleiche Schicksal. Die privaten Krankenhäuser wurden angewiesen, ihre Operationssäle zu leeren, indem sie nichtkritische Operationen zurückstellen.

Die Privaten stellen 4.000 Reanimationsbetten zusätzlich zur Verfügung, sind aber offenbar noch längst nicht mit Patienten belegt. Hinzu kommt: „Wir sind schutzlos, unsere Ärzte und Pfleger haben keine Schutzmasken“, sagte Lamine Gharbi, Chef der Vereinigung privater Krankenhäuser.

In Frankreich sind insgesamt drei Millionen Menschen als medizinisches und Pflegepersonal im Einsatz, jeder von ihnen benötigt fünf Masken pro Tag. Der Staat ist weit davon entfernt, diese Menge von 15 Millionen Stück pro Tag bereitzustellen.

Er hat vor zwei Wochen mit der Beschlagnahmung der Bestände und mit der Produktion neuer Masken begonnen, doch die läuft offenbar nicht schnell genug hoch, und die Logistik funktioniert auch nicht. Diebstähle kommen hinzu: Allein im Universitätsklinikum von Montpellier wurden 15.000 Masken gestohlen. Gesundheits-Generaldirektor Salomon wird täglich mit der Maskenproblematik konfrontiert, und immer hat er dieselbe lakonische Antwort parat: „Die Apotheken werden schon bald in ausreichender Menge beliefert.“

Eine weitere Schwachstelle ist die unzureichende Anzahl von Tests. Salomon bestreitet zwar nicht, dass Frankreich deutlich weniger auf das Coronavirus testet als andere Länder. Eine Begründung dafür liefert er aber nicht.

Dunkelziffer der Positivfälle

Die geringe Zahl von Coronatests hat aber Folgen: Dadurch werden auf der einen Seite weniger Positivfälle erkannt, und man weiß auf der anderen Seite nicht von denen, die die Krankheit bereits hinter sich haben und nicht mehr ansteckend sind. So werden ganze Schichten von Ärzten nach Hause geschickt, wenn ein Fall auftritt, statt alle Ärzte zu testen und diejenigen weiterarbeiten zu lassen, die nicht positiv sind.

Obwohl die Ausgangsbeschränkungen erst seit 48 Stunden gelten und noch keine Bilanz vorliegt, durch die die Wirksamkeit der Maßnahme überprüft werden kann, droht der Innenminister mit einer Verlängerung: „Wir werden nicht zögern, die Maßnahmen zu verschärfen und zu verlängern, wenn sich das als notwendig erweist“, sagte er. 

Und trotz der Warnungen vieler Ärzte blieb Staatspräsident Emmanuel Macron dabei, noch vor fünf Tagen den ersten Wahlgang der Kommunalwahl abzuhalten. Millionen von Franzosen fuhren und liefen in die Wahllokale, Zehntausende Wahlhelfer mussten sich stundenlang in den Wahlbüros aufhalten – einziger Schutz: ein Fläschchen Desinfektionsmittel am Eingang. Einen krasseren Infektionsbeschleuniger hätte sich niemand ausdenken können.