Die gestrandeten Fußballtalente


Das Angebot war zu verlockend, um es nicht zu hinterfragen. Der Talentscout hatte Sony Olabisi versprochen, ihn ganz groß rauszubringen. Der 18-jährige nigerianische Fußballspieler überlegte nicht lange. Er unterschrieb einen Vermittlungsauftrag und überwies 3500 US-Dollar, für die Anreise und Organisation des Transfers. Der Rest erledige sich quasi von alleine, meinte der Agent.

Das war im Jahr 2010, Olabisi war damals 18 Jahre alt. Heute trainiert der Nigerianer aber nicht beim türkischen Meisterteam Besiktas Istanbul oder gar bei Arsenal London oder Borussia Dortmund, wie ihm versprochen wurde. Sondern auf einem ausrangierten Fußballplatz der Stadtverwaltung Istanbul im Stadtteil Fatih, gemeinsam mit anderen betrogenen afrikanischen Fußballtalenten.

Sie sind so viele, dass sie eine eigene Mannschaft bilden. Spieler aus Burkina Faso, Liberia, dem Kongo oder aus Nigeria haben von der Aussicht auf eine Traumkarriere blenden lassen. Sie haben ihre letzten Ersparnisse aufgegeben. In der Hoffnung, in Zukunft Millionen zu verdienen. Jetzt sind sie unfreiwillig zu Migranten geworden; in Istanbul gestrandet, ohne Geld, ohne Stammplatz, ohne Job.

Die Türkei beherbergt derzeit mehr als drei Millionen Flüchtlinge, vor allem aus Syrien. Aus dem Bürgerkriegsland geflohen, suchen sie Schutz im Nachbarland, wollen einzig in Frieden leben und ihre Kinder dort zur Schule schicken. Die afrikanischen Fußballtalente stellen derweil eine ganz spezielle Form von Migranten dar: Spitzenathleten, die ihre sportliche Zukunft im Ausland gesehen haben – und auf dem Weg dorthin betrogen worden sind.

Der inzwischen 25-jährige Sony Olabisi kam gemeinsam mit 15 anderen Teenagern nach Istanbul. Alle hatten für das Visum, das ihnen der angebliche Gewährsmann besorgt hatte, mehrere tausend Dollar bezahlt, erzählt er. Alle sind ihm auf den Leim gegangen.


Ahmed Konati ist ein weiterer von ihnen. Der 20-Jährige spielt Fußball, seit er ein Kind ist, und galt als großes Talent in seinem Heimatland Mali. Als Jugendlicher wechselte er bereits zu einem Verein in die malische „Premier League“. Sein Aufstieg war kometenhaft. Und daher hatte er auch keinen Verdacht geschöpft, als plötzlich ein Manager anrief. „Er sagte mir, er könne mich nach Istanbul bringen, wo ich für einen der drei großen Klubs im Land spielen könne“, erzählte Konati einer türkischen Zeitung. Es sei bereits alles organisiert, er müsse für die Vermittlung lediglich 4000 Dollar zahlen. In einem Land wie Mali ist das besonders viel Geld.

Was viele Spieler zwischen Libyen und Südafrika anlockt: Viele Fußballtalente aus Afrika sind tatsächlich bei den besten türkischen Klubs groß rausgekommen, beim Meister Besiktas Istanbul, bei Galatasaray oder Fenerbahce. Etwa die Kameruner Vincent Aboubakar und Samuel Eto’o oder der senegalesische Spitzenstürmer Demba Ba, die bei türkischen Spitzenklubs Millionen verdient haben. In ihren Heimatländern sind sie Vorbilder und stehen für den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg, für den sie vorgeblich ins Ausland müssen. „Ich war völlig desillusioniert, als ich erfahren habe, dass ich betrogen worden bin“, erzählt ein weiterer Fußballer, der 18-jährige Yusuf Yusuf aus Libyen.

Auch Yusuf und seine Freunde in Istanbul müssen als Flüchtlinge betrachtet werden. So argumentiert auch der Wissenschaftler Martin Büdel von der Universität Bayreuth, der sich mit den westafrikanischen Fußballmigranten in Istanbul auseinandergesetzt hat. „Migrationsbewegungen unter afrikanischen Fußballern müssen im Gesamtkontext afrikanischer Migration in die Türkei beurteilt werden“, lautet sein Fazit.


Aus Scham nicht zurück in die Heimat

In der Türkei wurden sie allerdings – trotzdem oder gerade deswegen – lange nicht akzeptiert. Viele gestrandete Afrikaner erhielten lange keine Aufenthaltsgenehmigung. Weil sie kein Geld für die Rückreise in die Heimat hatten, mussten sie sich eine illegale Arbeit suchen, um sich über Wasser zu halten. Viele arbeiten so auch nebenher in Häfen oder verdingen sich als Straßenverkäufer. Ihre Visa liefen irgendwann ab, sie mussten untertauchen. Die Stadt wurde für sie zur Falle.

Und selbst wenn sie irgendwann genug Geld für eine Rückreise hätten, würden sich viele nicht ins Heimatland zurücktrauen. „Ohne eine Karriere und ein ordentliches Gehalt zurückzugehen, gilt in meiner Heimat als Zeichen von Schwäche und Scheitern“, erzählt der 27-jährige Nigerianer Pascal Eneh. Der Mittelfeldspieler kündigte 2008 bei einem Erstligisten in seiner Heimat, um bei der türkischen Mannschaft Mugla Spor anzuheuern – dachte er zumindest.

Er traf seinen afrikanischen Manager in einem Hotel in der gleichnamigen Stadt im Süden der Türkei und zahlte ihm 2500 US-Dollar, der Flug in die Türkei kam noch obendrauf. Nach drei Tagen verschwand der Mann mit dem Geld. „Aber da war ich ja schon in der Türkei, also dachte ich, ich bleibe hier und versuche mein Glück“, erinnert sich Eneh.


Das tun viele bis heute. Im „Mimar Sinan Stadi“ nahe der Istanbuler Altstadt treffen sie sich derweil mehrmals pro Woche zum Training. Der Bürgermeister des Stadtbezirks, Mustafa Demir, hat sich irgendwann ein Herz gefasst und den Spielern das Stadion für Trainingseinheiten zur Verfügung gestellt. Dort kicken unter der Woche vor allem Jugendmannschaften, und jetzt eben auch die afrikanischen Topspieler, mit Trikots, Hütchen für das Lauftraining und eigenen Bällen. Der Bürgermeister hat sogar die Gründung eines Vereins vorangetrieben: Alle Afrikaner in Istanbul, die Fußball spielen wollen, können sich seit zwei Jahren im „African Friendship Sport Football Club“ anmelden.

Mehr noch: Einmal im Jahr findet der African Football Cup in Istanbul statt. 36 Mannschaften haben zuletzt daran teilgenommen, mit insgesamt 1800 Spielern. 1800 zerstörte Hoffnungen, die nun in Istanbul das Beste aus ihrer ausweglosen Situation machen wollen.

Auch der türkische Staatschef Erdogan erschien einmal bei einem der Turniere und ließ sich mit den Afrikanern fotografieren. Das Bild machte schnell die Runde – und machte auch diejenigen aufmerksam, auf die es die jungen Fußballer eigentlich abgesehen haben. Zu den Besuchern des Fußballturniers zählen seitdem nämlich auch echte türkische Talentscouts. 84 Spieler des afrikanischen Freundschaftsvereins in Istanbul haben inzwischen Verträge bei türkischen und europäischen Profimannschaften. Neben dem türkischen Erstligisten Osmanlispor aus Ankara zählt auch der französische Verein FC Nantes zu den Vereinen, die die sonst vergessenen afrikanischen Talente verpflichtet haben.

Und so dürfen Sony, Ahmed und all die anderen Spieler doch noch weiter von der Fußballerkarriere träumen. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich eines Tages in der türkischen Süper Lig Tore schießen kann“, sagt der 18-jährige Libyer Yusuf.