Ein gestohlenes Handy ist kein gestohlenes Handy in China

Wer sein gestohlenes Handy in China wiederhaben möchte, muss nicht nur die richtigen Worte finden.


„Mir ist gerade das Handy geklaut worden“, melde ich dem Polizisten am Schalter. „Ich habe gerade meinen Freund am Zoll verabschiedet. Und als ich mich umdrehte, bemerkte ich, dass mein Telefon weg war. Dann… Hey, können Sie mir bitte zuhören?“ Der Polizist guckt zum ersten Mal zu mir hoch. Auf seinem Smartphone-Bildschirm läuft irgendeine Serie.

„Wo ist es dir denn gestohlen worden?“, will er wissen. Seine Augen sind wieder auf sein Handy gerichtet. 

„Das weiß ich nicht. Es muss zwischen dem Eingang Nummer sechs und dem Zoll passiert sein“, sage ich. „Können Sie bitte das Handy ausschalten?“

Er seufzt, schaltet sein Handy auf stumm und sagt, er müsse seinen Vorgesetzten rufen. Dann verschwindet er in einem Nebenraum. Danach sehe ich ihn nie wieder. 

Die Klassifizierung

Das erste, worauf der Vorgesetzte besteht, ist folgendes: Das Handy wurde nicht gestohlen, sondern ich habe es verloren. 


„Aber ich hatte mein Handy noch, als ich aus dem Taxi stieg. Und zwischen Taxi und Zoll bin ich 300 Meter gegangen, ohne einmal stehen zu bleiben oder mich hinzusetzen“, protestiere ich. „Es ist mir weder aus der Hand gerutscht noch habe ich es jemandem in die Hand gedrückt und dann wieder vergessen abzuholen.“ 

Seinen Augen verengen sich. Als Polizist, so erklärt er mir, sei er neutral. Und da er kein Beweis dafür habe, dass mir das Handy geklaut wurde, müsse er es als Verlust behandeln. Außerdem, fügt er hinzu, werde es mir nicht helfen, wenn ich mir das nicht eingestehe.

Also nicke ich. 

Der Vorschlag

Ich erzähle dem Vorgesetzten, dass anfangs eine Frau abnahm, als ich meine Nummer anrief. Leider wollte sie mir mein Handy nicht zurückgeben. „Ich habe es gefunden. Jetzt gehört es mir“, sagte sie. 

Der Vorgesetzte seufzt laut und schüttelt den Kopf. Laut Gesetz müsste sie mir es wiedergeben. Das bestätigt er auch. Spätestens jetzt muss doch klar sein, dass es ein Diebstahl ist, finde ich. 

Aber statt mir zuzustimmen, sagt er mir: „Sie hätten anders mit ihr reden müssen.“

„Wie denn?“

„Sie waren nicht höflich genug. Sie hätten sagen müssen: Guten Tag, es tut mir leid, dass ich Sie störe. Aber ich fürchte, Sie haben mein Telefon. Würde es Ihnen Umstände bereiten, es mir wiederzugeben? Ich weiß, dass es viel Mühe für Sie bereitet. Aber ich werde mich dankbar zeigen.“

Chabudu-orwellisch

Überall in China gibt es Überwachungskameras. Mancher findet, dass sie die Waffen des orwellschen Überwachungsstaates sind. Mancher meint, dass durch sie das Leben sicherer wird. 

Als Opfer eines verloren gegangenen Handys, so erklärt mir der Vorgesetzte, darf ich mir den Überwachungsfilm anschauen.

Eine halbe Stunde nach Antragstellung laufen sechs Videos auf dem Rechner auf. Auf dem einen sieht man, wie ich um 16:49 Uhr durch den Eingang gehe. Auf einem anderen sieht man den Koffer meines Freundes, der während unseres Abschieds hinter ihm stand. Wir sind nicht im Bild, bis er um 16:54 Uhr quer Richtung Zollkontrolle läuft. 

„Warum sieht man nicht den Abschnitt, wo wir uns Tschüss sagen?“, frage ich.


„Wir haben nur diese zwei Winkel“, sagt der Vorgesetzte. „Die anderen vier Kameras zeichnen nicht auf oder sind kaputt.“

Fast hätte ich laut aufgelacht. Eigentlich war klar, dass von den sechs Kameras nur zwei funktionieren. China ist halt chabudu-orwellsch.

„Chabuduo“ bedeutet „gerade gut genug ausgeführt“. Wie vollkommen Pekings orwellische Vision eines Überwachungsstaates auch sein mag, die Chabuduo-Wirklichkeit sorgt dafür, dass sie für immer eine Vorstellung bleibt und niemals Realität wird. Zum Glück. 

Die Lösung

Nach zwei Stunden füllt der Vorgesetzte einen Polizeibericht aus. Er klassifiziert den Vorfall als „Andere“. Dann gibt er mir einen grünen Durchschlag. „Wenn Sie Geld von Ihrer Versicherung für Ihr Handy haben möchten, reichen Sie am besten den Beleg hier ein“, sagt er. Sein strenger Blick ist einem leichten Lächeln gewichen.

Er und ich wissen, dass ich mein Handy nicht mehr wiederbekommen werde. Aber so fällt mein Fall nicht in die Statistik der ungeklärten Diebstähle und seine Jahresprämie für gute Polizeiarbeit wird nicht gefährdet.

Ein bisschen später erzähle ich einer Freundin vom Handyklau und meiner Begegnung mit der Polizei. 

„Ach, die sind immer so“, sagt sie. Dann fügt sie mit einem Grinsen hinzu: „Mir wurde neulich auch das Handy geklaut. Ich habe der Person dann sofort Geld angeboten und innerhalb kürzester Zeit hatte ich es wieder.“

Erst da wird mir klar, was der Vorgesetzte eigentlich meinte. Mir fehlte es nicht an Höflichkeit, sondern an einem Finderlohn.