Die Einigung der Union mit SPD beflügelt sowohl den Aktien- als auch den Anleihenmarkt. Die Aktie der Deutschen Bank profitiert davon aber nicht. Es gibt neue Probleme mit dem Großaktionär HNA.


Nach den Turbulenzen zum Wochenbeginn haben sich die Gemüter an den europäischen Aktienmärkten am Mittwoch wieder beruhigt. Der Dax legte zum Handelsschluss 1,6 Prozent auf 12.590 Punkte, der Euro Stoxx 50 stieg um 1,8 Prozent auf 3454 Zähler. „Es ist aber noch zu früh, um das Ende der aktuellen Schwächephase auszurufen“, sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. Die Konjunktur laufe zwar weiterhin rund, die jüngsten Kursausschläge schürten aber Verunsicherung.

Unterstützung kam von der Einigung der Union mit der SPD auf eine große Koalition. „Immerhin gehört damit das Machtvakuum in der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone bald der Vergangenheit an“, sagte ein Händler. Allerdings äußerten sich Vertreter der Wirtschaft und der Arbeitgeber kritisch. Auch von der anstehenden Abstimmung in der SPD geht laut Börsianern Unsicherheit aus. Denn sollte die Basis das ablehnen, würde Deutschland weiter ohne Regierung dastehen, was den Dax belasten könnte.

Für das Mitgliedervotum werden drei Wochen angesetzt. Die Entscheidung gilt als umstritten, da vor allem die Jusos mit einer "NoGroko"-Kampagne für einen Eintritt der Gegner einer großen Koalition in die Partei geworben haben.

Vor allem am Rentenmarkt herrschte aber Erleichterung: „Das sind positive Nachrichten für jeden, der ein gut aufgestelltes und überlebensfähiges Europa will“, kommentierte Anlagestratege Peter Chatwell vom Investmenthaus Mizuho die Einigung. Besonders Investoren aus den hoch verschuldeter Peripherie-Länder wollten keine neue Euro-Krise. Die Renditen zehnjähriger Papiere aus Italien, Portugal und Spanien fielen um fünf bis acht Basispunkte.


Schlusslicht im Dax und im Euro Stoxx 50 waren die Aktien der Deutschen Bank, die zwischenzeitlich mit einem Abschlag von rund drei Prozent gehandelt wurden. Eine Tochter des chinesischen Großaktionärs HNA hat Insidern zufolge entgegen früheren Zusagen eine Kredittranche nicht vorzeitig zurückgezahlt. Zum Handelsschluss grenzte das Papier des größten deutschen Geldhauses das Minus auf 0,1 Prozent ein.

Im MDax zählten Hannover Rück zu den Gewinnern: Nach der Hurrikan-Serie in den USA ging der Gewinn des Rückversicherers weniger stark zurück als befürchtet.. Die Aktien legten um rund 2,5 Prozent zu. Im SDax standen Delivery Hero mit einem Plus von mehr als fünf Prozent ganz oben: Der weltgrößten Online-Essenslieferdienst überraschte die Anleger mit einem Umsatzsprung.

Die Papiere der Bitcoin Group schossen sogar um 33 Prozent in die Höhe. Dank des Booms der Kryptowährungen verzehnfachte der Betreiber der einzigen deutschen Bitcoin-Börse seinen Gewinn 2017. Das Vorsteuer-Ergebnis wuchs auf 10,8 Millionen von rund 200.000 Euro.

Derweil versuchen Händler und Investoren noch immer zu verstehen, was an den Märkten passiert ist. Grund für die jüngsten Kursrutsche war ironischerweise die brummende Wirtschaft in den USA. Da immer mehr Amerikaner Arbeit haben und zuletzt auch die Löhne stiegen, hatten die Investoren Angst vor steigender Inflation. Denn die könnte dazu führen, dass die US-Notenbank Fed die Zinsen erhöht und damit die Konjunktur wieder abkühlen könnte. Nachdem der US-Leitindex unter eine psychologisch wichtige Marke gerutscht war, führten Algorithmen, sogenannte Stop-Loss-Order, zu den starken Kursverlusten.



Die Erholung am Dienstag kam, ohne dass sich fundamentale Daten geändert hätten. Allerdings waren die Aktien wegen der Kursverluste günstiger als noch vor einer Woche: Lag das durchschnittliche Kurs-Gewinnverhältnis – also der Preis einer Unternehmensaktie im Verhältnis zum Gewinn pro Aktie – Anfang vergangener Woche bei 18,5, so lag dieser Wert am Montagabend bei 17,2. Für viele Investoren war das offensichtlich ein Grund, zuzugreifen.

Die Nervosität unter den Anlegern droht hoch zu bleiben, wie der Kursverlauf am Vorabend in New York mit einem stetigen Auf und Ab zeigte. Außerdem verblieben die als Angst-Barometer angesehenen Schwankungsindizes wie der VIX auf hohem Niveau.

Eins scheint auf jeden Fall klar: Die Anleger müssen sich wieder auf mehr Volatilität einstellen. Seit mehr als einem Jahr kannten die Märkte fast nur noch eine Richtung: nach oben. Noch immer liegt der Dow Jones mehr als 30 Prozent über dem Stand von Anfang 2017. „Phasen von geringer Volatilität werden immer von Phasen mit hoher Volatilität abgelöst“, sagt Jeff Saut, Anlagestratege vom Investmenthaus Raymond James und fügt hinzu: „Überraschend ist, wie hoch die Volatilität auf einmal ist.“ Saut rät dazu, Finanztitel zu kaufen, die er immer noch als günstig ansieht. Außerdem setzt er auf Technologie- und Industrietitel. Dagegen rät der Raymond-James-Stratege von defensiven Werten ab.



Auch Craig Callahan, Gründer von Icon Advisors, sieht den jüngsten Einbruch „eher als Unterbrechung des Bullenmarkts statt als Start eines Bärenmarkts“, sagte er dem Fernsehsender CNBC. Die nächsten Tage werden zeigen, ob das alle Investoren so sehen. Einer von ihnen äußerte sich bereits: Der Milliardär und Investor John Icahn bezeichnete den aktuellen Markt als ein „Kasino auf Steroiden“ und sprach von einem „Grollen vor dem Erdbeben“, das früher oder später kommen muss. Als Grund für seinen Pessimismus nannte er die vielen Kredit-basierten Fonds im Markt.

„In den kommenden Tagen werden wir weitere Rücksetzer der Wall Street sehen“, sagte Analyst Manny Cruz vom Brokerhaus Asiasec. Schließlich hätten die US-Börsen in den vergangenen Monaten kräftig zugelegt und sich von Rekord zu Rekord gehangelt.

Hier geht es zur Seite mit dem Dax-Kurs, hier gibt es die aktuellen Tops & Flops im Dax. Aktuelle Leerverkäufe von Invest oren finden Sie in unserer Datenbank zu Leerverkäufen.