Darum ist Gesichtsfeminisierung mehr als nur eine Schönheits-OP

Cory Stieg

Mahogany Phillips beschreibt sich selbst als “große Frau mit eindrucksvoller Statur”. Sie lebt als trans Frau in New York City und erzählt, dass sie früher oft Angst um ihr Leben hatte, wenn sie auf die Straße ging. „Du versuchst, einfach nur du selbst zu sein und deinen Alltag zu leben, aber du weißt eigentlich nicht, ob du es heil nach Hause schaffen wirst. Es kann sein, dass ein Fremder dich auf der Straße sehen und zusammenschlagen wird.“

Nachdem Phillips sich einer Gesichtsfeminisierung unterzog, änderte sich ihr Leben schlagartig. Bis es soweit war, musste sich aber heftig kämpfen. Die Krankenkasse wollte die Prozedur nämlich zunächst nicht zahlen und tat sie als pure kosmetische Veränderung ab, „was sie definitiv nicht war. Es war viel eher etwas, das meine Sicherheit gewährleistete“. Der Irrglaube, dass Gesichtsfeminisierung eigentlich nur eine Schnöheitsoperation ist, ist allerdings weit verbreitet.

Dr. Jess Ting ist Chef der Chirurgie am Center for Transgender Medicine and Surgery in New York City und weiß, dass die Entfernung maskuliner Gesichtszüge, die international als FFS (kurz für Facial Feminization Surgery) bekannt ist, für viele Patient*innen „lebensverändernd ist und ihre Welt im positiven Sinne auf den Kopf stellt“. Er ergänzt: „Wenn deine äußere Erscheinung und deine körperlichen Charakteristika von der Geschlechtsidentität, die du lebst, abweichen, wirst du schnell zur Zielscheibe von Diskriminierung, Hass, Gewalt, Hänseleien und Spott.“

Gesichtsfeminisierung erlaubt Menschen also, ihr äußeres Erscheinungsbild ihrer Identität anzupassen und ist somit sicher alles andere als eine oberflächliche Beauty-OP. „Nach meiner Angleichung konnte ich endlich komplett Mahogany sein. Das half mir dabei, meinen Charakter und meine Identität weiter zu entwickeln und jeden Tag noch stärker zu werden“, erklärt Phillips.

In unserer Slideshow erklären die Gesichtschirurgen Dr. Jess Ting und Dr. Jeffrey Spiegel, die sich beide auf FFS spezialisiert haben, warum diese Art der Gesundheitsfürsorge so ungemein wichtig ist.

Nicht jede trans Frau unterzieht sich einer Gesichtsfeminisierung

Grundsätzlich bedeutet FFS, dass einer Person, der bei der Geburt das männliche Geschlecht zugeordnet wurde, mit Hilfe von Gesichtschirurgie zu einem weiblicheren Aussehen verholfen wird, erklärt Dr. Ting. Gesichtsfeminisierung ist eine Entscheidung, die, genau wie alle anderen geschlechtsangleichenden Operationen, nicht alle trans Frauen treffen. „Das ist eine individuelle Entscheidung. Nicht alle trans Personen wünschen sich Operationen oder eine Geschlechtsangleichung.“ Und nicht alle, die sich dafür entscheiden, bekommen genau die gleiche Behandlung. Das liegt daran, dass jeder Mensch eine individuelle Gesichtsstruktur besitzt, so Dr. Ting. Einige trans Frauen haben von Natur aus schon eine etwas femininere Erscheinung als andere, insbesondere dann, wenn sie schon ab einem frühen Alter mit der Hormontherapie begonnen haben, sagt der Experte.

Gesichtsfeminisierung ist eine individualisierbare Operation

Grundsätzlich gibt es viele Maßnahmen zur Gesichtsfeminisierung, doch Dr. Ting erzählt, dass einige OPs eine höhere Nachfrage erfahren als andere. Zu den häufigsten Anfragen bei ihm gehören die Entfernung des Adamsapfels, die Entfernung der Überaugenwulst und die Versetzung des Haaransatzes nach unten.

Es ist zwar nur den wenigsten bewusst, aber „die Überaugenwulst ist das Merkmal, an dem wir unterbewusst das Geschlecht einer Person und ihre Attraktivität feststellen“, so Dr. Spiegel. Die meisten Frauen haben keine, Männer jedoch schon. Deswegen wird bei einer OP zur Gesichtsfeminisierung dieses Stück tatsächlich herausgesägt und die Stirn mit Übergang zu den Augenbrauen anschließend vom Chirurgen oder der Chirurgin neu modelliert.

Leute lassen eine Gesichtsfeminisierung aus verschiedenen Gründen durchführen

Menschen gehen mit unterschiedlichen Zielen an die FFS. Je nach Zielvorstellungen der Patient*innen gibt es auch verschiedene Resultate, sagt Dr. Spiegel. „Viele Menschen wollen einfach nur in der Masse untergehen und dass sie niemand mehr zweimal anschaut“, erklärt er. Es gibt jedoch bestimmte Gesichtsmerkmale, die wir immer noch mit Maskulinität assoziieren, weswegen trans Frauen, die noch keine Gesichtsfeminisierung hatten, von ihrer Umwelt oft falsch identifiziert werden. „Sie weiß zwar, dass sie eine Frau ist, aber andere Leute sehen das nicht unbedingt“, sagt Dr. Spiegel. „Das hat nichts mit Voreingenommenheit oder Vorurteilen zu tun, oder ob jemand höflich oder unhöflich ist. Die Einteilung passiert einfach ganz automatisch unterbewusst.“ Niemand sollte sich einer Gesichtsfeminisierung unterziehen, nur um keine (unbewusst) verletzenden Kommentare von Fremden mehr zu bekommen. Aber etwas Privatsphäre und Frieden zu finden, kann ein großer Vorteil einer FFS sein.

Gesichtsfeminisierung gibt trans Frauen ein Gefühl der Sicherheit

Natürlich sollten trans Menschen sich so, wie sie sich der Welt zeigen wollen, sicher und wohl in ihrer Haut fühlen. Die Wahrheit ist jedoch leider, dass sie auch 2019 noch mit überproportional viel Anfeindungen und Gewalt zu kämpfen haben.

Für Menschen, die sich dazu entschließen, ein feminisiertes Gesicht zusammen mit einem weiblich gelesenen Äußeren zu präsentieren, ist diese Kombination manchmal ausschlaggebend dafür, dass sie ungestört über die Straße gehen können. Somit ist FFS nicht nur eine äußerliche Veränderung, sondern geht oftmals auch mit einer innerlichen einher. Trans Frauen berichten nach ihrer OP von einem selbstbewussteren, freieren Lebensgefühl. Natürlich sollte eine Operation nicht die einzige Möglichkeit sein, die trans Frauen in der heutigen Gesellschaft zu einem sicheren Selbstbild verhilft. In einer idealen Welt könnte jede*r so rumlaufen, wie er oder sie es möchte. In der Welt, in der wir aktuell leben, bietet FFS jedoch eine gewisse Art Schutz vor Blicken, Kommentaren und sogar vor Gewalt.

Gesichtsfeminisierung ist teuer

Dr. Ting sagt, dass FFS je nach Chirurg*in und der Krankenversicherung der Patient*in in den USA mehrere tausend Dollar kosten kann. Wie hoch die Kosten in Deutschland liegen, ist schwer zu sagen, denn zuverlässige Quellen fehlen. Das liegt zum einen daran, dass, wie schon beschrieben, die Mischung der einzelnen Maßnahmen bei einer Gesichtsfeminisierung von Patient*in zu Patient*in unterschiedlich sind und verschiedene Ärzt*innen individuelle Preise für ihre Leistungen verlangen. Auch, ob die Krankenkasse die Operationskosten (teilweise) übernimmt, ist einzelfallabhängig. Dass FFS in jedem Fall nicht günstig ist, davon kann jedoch ausgegangen werden.

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