Die Geschichte einer Prognose

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Die Geschichte einer Prognose

Die WiWo lag mit ihrer Wahlwette vor dreieinhalb Wochen nicht schlecht – jedenfalls besser als die Meinungsforschungsinstitute. Warum uns das Wahlergebnis nicht überrascht hat.


Ich erinnere mich noch ziemlich genau an ein Interview mit Angela Merkel (CDU), vielleicht zwei Wochen vor der Bundestagswahl 2005, vor ihrem Einzug ins Kanzleramt. Merkel war damals beseelt vom Aufbruch, man möchte fast sagen: betrunken vor Reformeifer.


Sie schlug, zwei Jahre nach den Hartz-IV-Reformen von Kanzler Gerhard Schröder (SPD), mit bedrohlichen Abstiegsszenarien und forcierten Aufbruchsvokabeln nur so um sich, zeichnete das dramatische Bild von einem Standort Deutschland, der im internationalen Wettbewerb den Anschluss zu verlieren drohe ­- wenn das Land nicht endlich den Mut zur Entfesselung seiner wirtschaftlichen Kräfte finden würde, den Mut zur Deregulierung der Märkte und zum Aufbrechen eines „sklerotischen Arbeitsmarktes“, den Mut zu Flat-Tax, Kopfpauschale und einem aufgelockerten Kündigungsschutz…

Merkel war damals siegesgewiss, die Umfragen verhießen ihr einen riesigen Vorsprung – und ihr fehlte, auch auf Einwände und Nachfragen hin, jedes Gespür dafür, dass sie der Demoskopie auf den Leim ging. Dass sie überzog mit ihrem Reformtremolo. Dass viele Deutsche die „Strengt-Euch-mehr-an“- und „Schnallt-den-Gürtel-enger“-Rhetorik nicht mehr hören konnten, weil sie sich längst anstrengten und den Gürtel enger schnallten.


Für Angela Merkel war der Wahlabend damals ein Schock: Die Deutschen erteilten Schwarz-Gelb eine Absage; Merkel entging nur knapp einer Niederlage und rettete sich in die erste große Koalition. Sie hat diesen Abend nie vergessen – und der CDU seither eine Wahlkampfstrategie aufgenötigt, die unter dem Stichwort der „asymmetrischen Demobilisierung“ Karriere gemacht hat: Keine scharf konturierten Parteiprogramme! Bloß nicht die Deutschen mit Politik behelligen! Dem Gegner keine Angriffsfläche bieten!

Merkel ist damit 2009 und 2013 sehr gut gefahren, bis zuletzt: Sie hat erst die SPD, dann die FDP zerlegt – und stand dabei selbst als präsidiale Regierungschefin da, die über alle Programmatik und Ideologie erhaben ist. Die alle Positionen der übrigen Parteien exakt in dem Moment einnimmt, wann immer die Demoskopen verkünden, eine Mehrheit der Deutschen spreche sich nun auch für diese Position aus: Mindestlohn, Ausstieg aus der Atomkraft, Ehe für alle, Zukunft der e-Mobilität…


Spätestens vor drei, vier Wochen allerdings, vor dem ersten TV-Duell, wurde mir klar: Merkel nähert sich zum zweiten Mal in ihrer Karriere einem kathartischen Moment: Ihre quasikönigliche Hybris (Ich regiere immer besser) macht sie erneut unempfindlich für die unterschwelligen Strömungen im Land, diesmal für das Potenzial des Protestes, für den verbreiteten Überdruss an ihrer aufreizenden Nicht-Politik – und sie wird am 24. September erneut den Demoskopen auf den Leim gehen.

Denn, so haben wir es vor drei Wochen geschrieben, „diesmal wirkt sie… satt und selbstzufrieden und verspricht nach vier Jahren einer Großen Koalition, die wirtschaftspolitisch geprägt waren von sozialdemokratischen Projekten: null und nichts. Die Folge wird sein, dass sich Merkels Demobilisierung… gegen die eigene Partei wendet. Die Union hat keine Ziele, keine Projekte, außer der Macht, sie kann sich mit der SPD vermählen, mit der FDP oder auch den Grünen, ganz egal… - das mag ihren Funktionären reichen. Nicht aber ihren Wählern.“


Nicht zufällig ähnelte die so genannte Elefantenrunde am Sonntagabend dann der so genannten Elefantenrunde 2005: Martin Schulz (SPD) machte den Schröder abzüglich Rotwein, polterte und raunzte die Kanzlerin an. Merkel schaute beinah‘ exakt so bedröppelt und hilflos wie vor zwölf Jahren – und Christian Lindner (FDP) alias Guido Westerwelle fühlte sich bemüßigt, den SPD zur Ordnung zu rufen.

Die offene Frage ist, ob Merkel erneut einen Schluss zieht, diesmal in umgekehrter Richtung: ob sie sich noch einmal zu einer konturierten Politik aufrafft. Meine Prognose: Jamaikanische Großprojekte werden die Innenpolitik der nächsten vier nunja: „Merkel“-Jahre bestimmen: „Bildung“ und „Digitales“, „Zukunft der Arbeit“, „Ausstieg aus der Kohle“ und „Ende des Verbrennungsmotors“: positive und saubere Themen genug, bei den Merkel Reformeifer annoncieren kann, ohne den Deutschen dabei weh zu tun. Wetten?