Geschätzte Zahlen im Geschäftsbericht

Kurz vor der Hauptversammlung kommt heraus, dass Stada nicht weiß, wie die Geschäfte in Vietnam laufen. Mit seinem lokalen Partner ist das Unternehmen offenbar so verkracht, dass dieser sich weigerte, Zahlen zu liefern.


Fast 10.000 Kilometer liegen zwischen Frankfurt und Ho Chi Minh Stadt, dem wirtschaftlichen Zentrum Vietnams. Doch wenn sich am Mittwoch im Congress Center in Frankfurt, sinnigerweise im Saal „Harmonie“, die Stada-Aktionäre zu ihrer jährlichen Hauptversammlung treffen, wird Vietnam nicht allzu weit weg sein. Was für viele Aktionäre ein Aufreger sein dürfte: So richtig weiß Stada derzeit nicht, wie seine Geschäfte in dem aufstrebenden asiatischen Land laufen. Offensichtlich hat sich Stada so sehr mit seinem lokalen Joint-Venture-Partner verkracht, dass dieser sich weigerte, Stada die entsprechenden Zahlen für das zweite Quartal 2017 zu liefern.

Die entsprechenden Angaben im Stada-Halbjahresbericht beruhen auf Schätzungen, wie das Unternehmen gegenüber der WirtschaftsWoche bestätigt. Was das für die Kalkulation der künftigen Eigentümer, der Finanzinvestoren Bain und Cinven, bedeutet, ist unklar.

Nicht, dass es dem Aktionärstreffen morgen an Themen fehlen würde: Der Pharmakonzern steht vor der Übernahme durch Bain und Cinven, Hedgefonds wollen Kasse machen. Vorstand und Aufsichtsrat verkrachten sich, beschäftigten jeweils eigene Berater zu Millionensalären – bis der Streit schließlich im Abgang der Vorstände Matthias Wiedenfels und Helmut Kraft endete. Dann kam auch noch heraus, dass unter der Ägide des früheren Chefs Hartmut Retzlaff der Vorstand offensichtlich die Markenrechte an dem Sonnenschutzmittel Ladival verkauft hat – angeblich, um seinen Bonus zu sichern. Und nun stimmen auch noch einige Zahlen im Halbjahresbericht offensichtlich nicht so ganz. Es verspricht eine spannende Hauptversammlung zu werden.



Worüber sich Stada und sein vietnamesischer Partner MST s- beide halten jeweils 50 Prozent an dem Joint Venture - so sehr verkracht haben, dass dieser die Zahlen nicht liefern wollte, ist nicht ganz klar. Hinter den Kulissen ist von Wettbewerbsverstößen die Rede. Womöglich war MST erzürnt darüber, dass sich Stada ebenfalls an dem vietnamesischen Unternehmen Pymepharco beteiligte. Insider berichteten, das Joint-Venture sei eng mit dem früheren Stada-Chef Hartmut Retzlaff verbunden, der das Unternehmen Mitte 2016 im Ärger verließ. Ohne Retzlaff funktioniere nun das Geschäft nicht mehr, heißt es.

Stada erklärt nun, aus dem Geschäft aussteigen zu wollen, es gebe Verhandlungen. Doch offensichtlich ziehen sich die Ausstiegsgespräche schon eine Weile hin. In Insiderkreisen heißt es, der vietnamesische Partner habe seine Ansprüche gerichtlich geltend gemacht. Stada sagt dagegen, von einer Klage sei nichts bekannt. Tatsächlich habe Stada derzeit keinen Einfluss auf die Entwicklung bei dem Joint Venture, da kein aktueller Stada-Vertreter im Steuerungskomitee sitze, heißt es weiter in Insiderkreisen.

Im vergangenen Jahr erzielte das Joint Venture Stada Vietnam insgesamt einen Jahresumsatz von rund 40 Millionen Euro und trug in rund fünf Millionen Euro zum Stada-Konzerngewinn von 86 Millionen Euro bei.

Im ersten Halbjahr erzielte Stada mit Generika in Vietnam einen Umsatz von 35,1 Millionen Euro (plus sieben Prozent gegenüber Vorjahr), mit Markenprodukten waren es 19,4 Millionen (plus neun Prozent gegenüber Vorjahr). Das sind zusammen etwas weniger als fünf Prozent des Stada-Halbjahresumsatzes von 1,1 Milliarden Euro. Nur stehen die Zahlen teilweise unter Vorbehalt.